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Klitschko-Gegner Powetkin Stilles Gift

Alexander Powetkin wird zugetraut, Schwergewichts-Dominator Wladimir Klitschko zu besiegen. Der Russe gilt als akribischer, technisch starker Boxer ohne den üblichen Trash-Talk. Der Druck ist dennoch groß. Nach zwei Absagen muss er seine Klasse nun beweisen.

Ein kleines Seufzen, kurz vor der Antwort. Alexander Powetkin wurde eine Frage gestellt. Der Boxer muss nun antworten. Er erledigt die ungeliebte Aufgabe nach bestem Gewissen: höflich, aber knapp. Alexander Powetkin seufzt bei seinen seltenen Medienterminen häufig.

Mit der Presse reden, das mag der Schwergewichts-Weltmeister aus Russland nicht sonderlich. Die Interviewanfrage lehnen seine Trainer freundlich aber bestimmt ab. Keine Ablenkung, bitte. Sein Promoter Kalle Sauerland sagt, Powetkin schätze seine Privatsphäre: "Der rote Teppich ist für ihn ein Alptraum."

Einer, der bald wahr werden wird. Denn Powetkins nächster Kampf, da sind sich die Experten einig, ist der wichtigste seiner Karriere. Am Samstag (21.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) geht es gegen Wladimir Klitschko, den Dominator des Schwergewichts, den WBO- und IBF-Weltmeister und WBA-Superchampion. Das Event ist ein einziger roter Teppich.

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Boxer Powetkin: Russischer Krieger

Foto: Boris Roessler/ picture alliance / dpa

Das (Medien-) Interesse ist riesig. Bei der ersten Pressekonferenz im August quetschen sich 300 Journalisten vor die Protagonisten an den Mikrofonen. 16.000 Zuschauer werden beim Kampf in der ausverkauften Moskauer Olympiahalle erwartet. Und dann ist da diese Börse: 23,2 Millionen Dollar, ein Viertel davon geht an Powetkin.

Bei Sauerland sieht man in dem 34-Jährigen schon lange einen potentiellen Klitschko-Bezwinger. Der bisher ungeschlagene Powetkin bringe alles mit, was Gift für Wladimir sei, sagt Geschäftsführer Christian Meyer. "Alexander ist ein Siegertyp", findet Kalle Sauerland.

Powetkin gilt als explosiver, technisch sauber agierender Boxer. Kein Show-Mensch, kein Trash-Talk, wie er im Boxen sonst üblich ist. "Er hat noch keinen Kampf verloren. Er war noch nie am Boden. Einen besseren Gegner habe ich noch nie gehabt", sagt Wladimir Klitschko. So oder so ähnlich hat sich der Ukrainer schon oft geäußert. Um dann in schöner Regelmäßigkeit recht entspannt zu gewinnen.

Gegen Boxer, die den Kampf schon vorher verloren hätten, sagt Sauerland. Zu beeindruckt, zu verschüchtert. "Ich bin sicher, dass dieser Kampf unangenehm für Klitschko wird."

Was ist diesmal anders?

Zur Person
Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Alexander Powetkin wird am 2. September 1979 in Kursk, 500 Kilometer von Moskau entfernt, geboren. Mit zwölf Jahren kommt er zum Boxen, ein Zufall: "Ich dachte anfangs, das sei gar kein richtiger Sport." Powetkin bemerkt sein Talent, auch fürs Kickboxen. 1999 wird er Weltmeister, 2000 Europameister. Weil er im gleichen Jahr auch den russischen Titel im Schwergewichts-Boxen holt, konzentriert er sich nun darauf. 2005 wird er Profi bei Sauerland Event. Sechs Jahre später gewinnt er gegen Ruslan Tschagajew den Weltmeistergürtel der WBA. Bis heute hat er keinen Profi-Kampf verloren. Powetkin lebt mit seiner Frau Irina und Tochter Arina in Tschechow, etwa 80 Kilometer südlich von Moskau.

In Moskau treffen zwei Boxer aufeinander, die sich - abgesehen von der Physis - gar nicht so unähnlich sind. Klitschko ist größer und schwerer, mental aber wähnt das Powetkin-Lager seinen Schützling auf Augenhöhe: extrem akribisch, voll konzentriert. Genau wie Klitschko. "Alexander ist Druck gewohnt. Das ist ein Unterschied zu vielen anderen Klitschko-Gegnern", sagt Kalle Sauerland.

Powetkin ist in Russland spätestens seit dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Sommerspielen 2004 in Athen ein Star. Ein Erfolg gegen Wladimir Klitschko und er wäre endgültig ein Nationalheld. Oder endlich. Zwei Mal schon platzte ein Duell. 2008 verhinderte eine Sprunggelenksverletzung bei Powetkin den Kampf. 2010 war es sein damaliger Trainer.

Der US-Amerikaner Teddy Atlas sagte im Fernsehen, Powetkin fehle noch die Ringerfahrung. Widersprochen hat Powetkin dieser Aussage nicht, er erschien damals wegen einer angeblichen Nasennebenhöhlenentzündung nicht auf der vereinbarten Pressekonferenz.

Jetzt bekommt er das Duell, das Fragen nach seiner Klasse beantworten wird.

Nach Powetkins schmeichelhaftem Erfolg gegen Marco Huck im Februar 2012 fällte Klitschkos Manager Bernd Bönte ein deutliches Urteil. "Total enttäuscht" sei er vom Russen gewesen. Unbeweglich und auffällig konditionsschwach zeigte sich Powetkin. Danach folgten zwei allenfalls solide Titelverteidigungen. Aber was bedeutet das schon für den Boxkampf des Jahres?

Gegen Wladimir Klitschko ist fast alles besonders. Klitschko ist besonders. Die Taktik scheint schon jetzt klar: Powetkin muss versuchen, in der Nahdistanz zu boxen, irgendwie den Jab seines Kontrahenten umgehen. "Ein Schachspiel", sagt Sauerland. Schnelligkeit und Mut seien gefordert. "Und beides hat Alexander."

Er werde vorbereitet sein, sagt Powetkin. Ruhige Stimme, keine Regung. Es klingt nicht wie eine Drohung, eher wie eine Feststellung. "Ich komme nicht hierher, um ein bisschen herumzuhampeln und mein Geld abzuholen. Ich will und ich werde gewinnen."

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