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Schwergewichts-Champion Anthony Joshua Nur fast ein König

Anthony Joshua ist nach seinem Sieg gegen Andy Ruiz jr. wieder dreifacher Box-Weltmeister. Zum besten Schwergewichtler der Welt macht ihn das nicht.

Am lautesten jubelte Eddie Hearn. "Viele Leute hatten den Jungen abgeschrieben", sagte der Promoter. "Sie haben gesagt, es sei alles nur Hype und er habe nichts drauf. Aber heute hat er es allen bewiesen. Das Schwergewicht gehört ihm. Er ist einfach der Beste." Gemeint war Hearns Schützling Anthony Joshua, 30 Jahre alt, Olympiasieger von 2012 und seit Samstagabend zum zweiten Mal Profibox-Weltmeister nach Version der IBF, WBA und WBO.

Um sich die WM-Titel zurückholen, die Joshua am 1. Juni sensationell an den US-Amerikaner Andy Ruiz jr. verloren hatte, brauchte der Brite keine spektakuläre Leistung. Stattdessen boxte er kontrolliert und diszipliniert aus der Distanz, ging meist zurück, anstatt den offenen Schlagabtausch zu suchen, und nutzte seine Größen- und Reichweitenvorteile zu einem ungefährdeten Punktsieg.

Erinnerungen wurden wach an Wladimir Klitschko, der das Schwergewicht mit einem ähnlich risikoarmen Stil fast eine Dekade nach Belieben dominiert hatte. Im April 2017 hatte Joshua durch technischen K.o. gegen Klitschko gewonnen und war daraufhin zum designierten Nachfolger des Ukrainers hochgejubelt worden.

Der harte Ringboden der Tatsachen

Der Brite schien alles mitzubringen, um Klitschko zu beerben: einen ähnlich athletischen Körperbau, dazu eine feine Technik gepaart mit solider Schlagkraft, gutem Aussehen und einem so smarten wie sympathischen Auftreten. Einer wie Joshua ist ein Lottogewinn für den Vermarktungsprofi Hearn, der das Potenzial früh erkannte und seinen Boxer zum Superstar erklärte, bevor der Gelegenheit hatte, sportlich in diese Rolle hineinzuwachsen.

Die mediale Aufmerksamkeit und der damit verbundene Druck dürften dazu beigetragen haben, dass das Narrativ vom unbesiegbar erscheinenden Champion im Juni ein jähes Ende fand. Ruiz, der zu diesem Zeitpunkt schon mit dem Gedanken gespielt hatte, seine Profikarriere zu beenden, weil sie nirgendwohin zu führen schien, war kurzfristig als Ersatzgegner eingesprungen und hatte Joshua mit einer Reihe schmerzhafter Haken auf den harten Ringboden der Tatsachen geholt.

Eine der wenigen spektakulären Aktionen im Rematch zwischen Joshua (r.) und Ruiz

Eine der wenigen spektakulären Aktionen im Rematch zwischen Joshua (r.) und Ruiz

Foto: Richard Heathcote / Getty Images

Dass Ruiz unübersehbare Fettpolster mit sich herumträgt und optisch das genaue Gegenteil des Modellathleten Joshua ist, machte die Schmach noch größer. Während der Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln seine ganz persönliche Rocky-Geschichte schrieb, blieb für Joshua nur die Nebenrolle des überheblichen Apollo Creed, der einsehen musste, dass der Superheldenstatus nichts mehr wert ist, sobald die erste Glocke läutet.

Eins der größten Events der jüngeren Boxgeschichte

Entsprechend groß war der Druck auf Joshua vor dem Rückkampf. Er musste beweisen, dass die Niederlage nur ein Ausrutscher war und er die dabei erlittenen schweren Treffer vollkommen aus dem Kopf bekommen hatte. Hätte er erneut verloren, wäre die Erzählung vom Superstar nicht haltbar und die ganz große Karriere mit weltweit beachteten Kämpfen und mehrstelligen Millionengagen vermutlich beendet gewesen.

Das war natürlich auch Promoter Hearn bewusst. Dessen Firma Matchroom Boxing hat zwar reihenweise Weltklasse-Kämpfer unter Vertrag und zudem mit der Livestream-Plattform Dazn den lukrativsten Vermarktungsvertrag der Boxgeschichte unterschrieben - die Rede ist von einer Milliarde US-Dollar für acht Jahre. Doch Joshua, daraus macht Hearn keinen Hehl, war immer sein Lieblingsprojekt.

Und das aus gutem Grund. Durch die zuvor aufgebaute Fallhöhe konnte nicht mal die überraschende Niederlage das Phänomen Joshua stoppen. Ganz im Gegenteil: Der plötzliche Bruch in seiner bis dahin so makellosen Biographie schien ihn sogar noch interessanter zu machen und ebnete den Weg für das Rematch, das Hearn zu einem der größten Events der jüngeren Boxgeschichte aufbauschte.

"Sportwashing"

Joshuas Strahlkraft und Ruiz' Cinderella-Story erzeugten eine so besondere Aura, dass sich das saudische Königshaus einschaltete und den Rückkampf kurzerhand nach Diriyya holte. Dafür wurde eigens eine mobile Freiluftarena für mehr als 15.000 Zuschauer aufgebaut. 100 Millionen US-Dollar soll der Spaß die Scheichs gekostet haben, allein 40 Millionen gingen an Promoter Hearn, der einen guten Teil davon an die Boxer weiterverteilte.

Während sich Weltmeister Ruiz dem Vernehmen nach mit einer Garantiebörse von "nur" 13 Millionen US-Dollar begnügen musste, soll Joshua 85 Millionen Dollar verdient haben. Das wäre die höchste Gage, die je ein Schwergewichtler erhalten hat, und die vierthöchste Börse in der Geschichte des Sports - nur getoppt von Floyd "Money" Mayweather jr. jr. (gleich zweimal) und Manny Pacquiao.

Man kennt sich, man mag sich, man zahlt sich Millionen: Anthony Joshua feiert seinen Sieg mit dem Sohn von Prinz Khalid Bin Abdulaziz Al Saud auf dem Arm

Man kennt sich, man mag sich, man zahlt sich Millionen: Anthony Joshua feiert seinen Sieg mit dem Sohn von Prinz Khalid Bin Abdulaziz Al Saud auf dem Arm

Foto: Richard Heathcote / Getty Images

Kein Wunder also, dass sich Joshua nach dem Kampf artig bei den saudischen Prinzen bedankte und ein junges Mitglied der Königsfamilie auf dem Arm durch den Ring trug. Wenn Millionen zu verdienen sind - welche Rolle spielen da schon Menschenrechtsfragen? "Sportwashing" nennt man diesen Versuch politisch fragwürdiger Regime, durch die Ausrichtung weltweit beachteter Großveranstaltungen ein wenig des positiven Images auf sich zu übertragen.

Joshua ist gut, aber zwei andere sind besser

Die strahlenden Gesichter der Scheichs, die nach dem Kampf mit Sieger Joshua im Ring feierten, deuteten darauf hin, dass die Show aus ihrer Sicht ein Erfolg war. Da wussten sie vermutlich nicht, dass die übertragende Streaming-Plattform Dazn zumindest in Deutschland während des Abspielens der saudi-arabischen Hymne in die Werbung geschaltet und einen Werbespot abgespielt hat, in dem es um Frauenrechte ging. Außerdem überhörten die saudischen Prinzen scheinbar, dass Hearn seinen Boxer im Überschwang der Gefühle zum "König" erklärte.

Joshua machte sofort eine beschwichtigende Geste - zum einen, um nicht den Zorn des echten Königs auf sich zu ziehen, zum anderen wohl auch wissend, dass der Sieg gegen Ruiz nicht mehr als eine Pflichtaufgabe war. Um zu beweisen, dass er wirklich der beste Schwergewichtler der Welt ist, muss sich Joshua den beiden anderen Boxern stellen, die mit gutem Recht Anspruch auf diesen Titel erheben: WBC-Weltmeister Deontay Wilder und Tyson Fury.

Im Gegensatz zu Joshua sind Wilder und Fury noch ungeschlagen. Im Dezember 2018 kämpften sie gegeneinander und trennten sich unentschieden. Am 22. Februar soll das Rematch klären, wer weiterhin unbesiegt bleibt und damit wohl den Weg für einen Showdown mit Joshua ebnet. Für den dürfte es fast egal sein, wer sich durchsetzt, er wird es gegen beide sehr schwer haben.

Kommt der dritte Kampf gegen Ruiz?

Fury ist so groß und dabei so schnell und beweglich im Oberkörper, dass Joshua ihn vermutlich einfach nicht treffen würde. Und Wilder schlägt härter als Ruiz, hat dabei aber eine so große Reichweite, dass es für Joshua nahezu unmöglich wäre, zwölf Runden vor ihm wegzulaufen, ohne getroffen zu werden.

Da Joshua das weiß, brachte er schon im Vorfeld des Rematches gegen Ruiz einen dritten Kampf gegen den US-Amerikaner ins Spiel, den Ruiz direkt nach seiner Niederlage vehement forderte.

Nach dem einseitigen und ereignisarmen Kampf in Diriyya gibt es zwar keinen Grund für eine weitere Neuauflage, doch Hearn ist ein so guter und cleverer Promoter, dass er einen Weg finden wird, seinen Schützling von Fury und Wilder fernzuhalten. Nur so kann er weiterhin die Legende verbreiten, dass Joshua nicht nur viele schöne WM-Gürtel hat, sondern tatsächlich der beste Schwergewichtler der Welt ist.