Box-WM zwischen Ruiz und Joshua Eine schwere Aufgabe

Hat Anthony Joshua aus seiner überraschenden Niederlage gegen Andy Ruiz jr. die richtigen Schlüsse gezogen? Der Rückkampf in Saudi-Arabien wird es zeigen. Beide haben viel zu verlieren.
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Das offizielle Wiegen ist ein wichtiges Ritual im Profiboxen. Einen Tag vor dem Kampf müssen die Kontrahenten nachweisen, dass sie nicht über dem vertraglich vereinbarten Gewichtslimit liegen. Viele Boxer hungern nicht nur, bevor sie auf die Waage steigen, sondern trocknen ihren Körper regelrecht aus, um auch ja kein Gramm zu viel zu haben.

Im Schwergewicht ist das nicht nötig. Die Klasse ist nach oben offen. Ob ein Boxer mit 100, 120, 150 oder sogar 200 Kilogramm im Ring steht, spielt regeltechnisch keine Rolle. Entsprechend ist das Wiegen mehr oder weniger liebgewonnene Folklore. Es wird trotzdem groß inszeniert und medial begleitet, weil sich die Kämpfer im Anschluss zum berühmten Staredown direkt gegenüberstehen und tief in die Augen blicken. Das Gewicht wird im Normalfall aber nicht sonderlich beachtet.

Bei Weltmeister Andy Ruiz jr. und Anthony Joshua ist das anders. Und allein das zeigt, dass es sich bei diesem Duell nicht um einen normalen Schwergewichtskampf handelt. Am Samstagabend (ab 21.15 Uhr, Livestream: Dazn) stehen sich die beiden zum zweiten Mal gegenüber. Das erste Aufeinandertreffen am 1. Juni im legendären New Yorker Madison Square Garden hatte Ruiz sensationell für sich entschieden und Joshua seine WM-Titel nach Version der IBF, WBA und WBO abgenommen.

Zu viele Muskeln als Grund für die Niederlage?

Joshua war bei seinem US-Debüt als klarer Favorit in den Kampf gegangen. Ruiz, ein untersetzter Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln, der sich selbst als "kleiner, dicker Junge" bezeichnet, musste kurzfristig als Ersatzgegner für den des Dopings überführten Jarrell Miller einspringen.

Zunächst schien es so, als würde der Kampf den erwarteten Verlauf nehmen. In der dritten Runde schlug Joshua seinen Gegner zu Boden. Das vorzeitige Ende schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Doch Ruiz überstand die folgenden Angriffe nicht nur, er konterte und traf Joshua seinerseits so hart, dass der Brite noch in derselben Runde gleich zweimal angezählt werden musste. Nach zwei weiteren Niederschläge in Runde sieben war es dann vorbei - und Ruiz krönte sich zum ersten Schwergewichts-Weltmeister mexikanischer Abstammung.

Joshua entschied schnell, von seinem vertraglich vereinbarten Recht auf ein sofortiges Rematch Gebrauch zu machen. Was für den Briten spricht: Er suchte keine Ausreden, sondern räumte einfach ein, dass Ruiz an diesem Tag der bessere Mann war. "Ich habe nicht zu Ende gebracht, was ich angefangen hatte", sagte Joshua mit Blick auf den Niederschlag in der dritte Runde. Danach habe er eine Gehirnerschütterung erlitten. Ein weiterer möglicher Grund für die Niederlage: Joshua könnte zu muskulös gewesen sein.

Kein Boxer, sondern Bodybuilder

Das mag im ersten Moment verwirrend klingen, kann im Boxen aber tatsächlich zum Problem werden. Muskelberge, vor allem im Oberkörper, sehen zwar imposant aus, verbrauchen aber auch viel Sauerstoff und können deswegen Kondition kosten. Zudem kommt die Schlagkraft nicht vor allem aus den Armen, wie man vielleicht denken könnte, sondern aus dem gesamten Körper. Ein fester Stand, die richtige Rotation aus der Hüfte und Schnelligkeit sind wesentlich wichtigere Faktoren als ein ausgeprägter Bizeps.

Tyson Fury und Deontay Wilder, neben Joshua und Ruiz die aktuell besten Schwergewichtler der Welt, wissen das. Sie kritisierten Joshua in der Vergangenheit mehrfach dafür, dass er nicht aussehe wie ein Boxer, sondern wie ein Bodybuilder. Wilder ist zwar größer als Joshua, aber deutlich leichter und schlaksiger. Und Fury kokettierte in der Vergangenheit öfter damit, dass sein Körperbau nicht darauf schließen lässt, dass er Profisportler sei. Dasselbe gilt für den "kleinen, dicken Jungen" Ruiz, der mit 1,88 Meter zehn Zentimeter kleiner ist als Joshua, im ersten Kampf aber knapp zehn Kilogramm mehr auf die Waage brachte als der Brite.

Vor dem Rematch wurde vor allem über zwei Dinge diskutiert: Zum einen über den besonderen Austragungsort. Anstatt den Kampf wie ursprünglich angekündigt in Joshuas britischer Heimat zu veranstalten, verkaufte Promoter Eddie Hearn das Event nach Saudi-Arabien. Die Veranstaltung, für die in der ehemaligen Hauptstadt Diriyya extra eine mobile Arena aufgebaut wurde, soll das saudische Königshaus insgesamt rund 100 Millionen US-Dollar kosten.

"Wenn etwas nicht kaputt ist, sollte man es nicht reparieren"

Das andere Hauptthema war das Gewicht beider Boxer. Joshua hat tatsächlich Muskelmasse abgebaut - angeblich auf Anraten seines ehemaligen Gegners Wladimir Klitschko. Der Brite wirkt vor allem im Oberkörper schmaler und nicht mehr so definiert wie noch im Juni. Mit 107,5 Kilogramm wiegt er knapp fünf Kilo weniger als beim ersten Aufeinandertreffen mit Ruiz. So leicht war Joshua bei einem Kampf zuletzt im November 2014.

Bei Ruiz stellt sich das etwas anders dar. Der neue Weltmeister hatte eigentlich angekündigt, etwas schlanker in den Ring steigen zu wollen als im ersten Duell. Daraufhin meldete sich aber eine ganze Reihe von Experten zu Wort, um ihm davon abzuraten. "Wenn etwas nicht kaputt ist, sollte man es nicht reparieren", sagte etwa Mike Tyson. Schließlich habe es Ruiz sehr gut verstanden, seine überschüssigen Kilos durch den Ring zu bewegen und in Energie umzuwandeln.

Beim Wiegen überraschte Ruiz mit einem Kampfgewicht von 128 Kilogramm. Im Vergleich zum ersten Kampf hat er kein Gewicht verloren, sondern nochmal neun Kilo draufgelegt. Es sei denn, der Sombrero, mit dem er auf die Waage stieg, war besonders schwer.

Am Ende werden nicht die knapp 20 Kilo Unterschied zwischen Ruiz und Joshua den Kampf entscheiden, sondern die schnelleren Fäuste und präziseren Treffer. Eigentlich war man schon vor dem ersten Kampf davon ausgegangen, dass Joshua in beiden Bereichen der bessere Mann sein müsste. Im Rematch haben beide Boxer viel zu verlieren: Ruiz seine überraschend gewonnenen WM-Gürtel und Joshua vielleicht schon seine ganze Karriere samt der Aussicht auf noch größere Kämpfe gegen Fury und Wilder.