Boxen Blitz-K.o. vor dem Sprung nach Amerika

Mit einem Knock out nach 90 Sekunden ist Profibox-Europameister Wladimir Klitschko einem WM-Kampf wieder ein Stück näher gerückt. Der Wahl-Hamburger aus der Ukraine machte bei der Olympia-Revanche gegen Paea Wolfgramm (Tonga) kurzen Prozess und dürfte sich damit ins Notizbuch der US-Promoter geschrieben haben.


Paea Wolfgramm, Wladimir Klitschko: "Den Schlag gar nicht gesehen"
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Paea Wolfgramm, Wladimir Klitschko: "Den Schlag gar nicht gesehen"

Hamburg - "Naddel" hatte gerade erst ihren Minirock drapiert und im Blitzlichtgewitter das Dekolletee gerichtet, da lagen die 130.5 Kilo schwere Gegner schon flach in der Ringecke, und Wladimir Klitschko stand auf den Seilen und ließ sich bejubeln. Der Profibox-Europameister hatte Paea Wolfgramm aus Tonga bereits nach 90 Sekunden schwer K.o. geschlagen, damit die "Internationale Meisterschaft" des Verbandes WBC gewonnen und eindrucksvoll seine Anwartschaft auf einen WM-Kampf gegen Dreifach-Champion Lennox Lewis unterstrichen.

Ab sofort war wieder der "kleine" Klitschko der große Star des Hamburger Abends und die TV-Moderatorin verschwand mit Dauerfreund Dieter Bohlen an den nächsten Schampusstand. Auch der Tongolese wird sich nach Klitschkos Schlaghagel vor 5000 Zuschauern nun die blutende Nase richten lassen müssen. So bin ich als Profi noch nie K.o. gegangen", sagte der 30-Jährige, "ich habe den Schlag gar nicht gesehen."

Dafür dürften mittlerweile amerikanische Box-Manager genug gesehen haben. Dieser Wladimir Klitschko ist auf dem Weg an die Weltspitze nicht mehr aufzuhalten. Das Re-Match des Olympiafinals von 1996 entpuppte sich als Miss-Match. Der 70 Jahre alte Wolfgramm-Manager Steve Eisler, ein amerikanischer Boxveteran mit jahrelanger Erfahrung, stellte eindeutig fest: "Vorher habe ich nicht gedacht, dass Klitschko eine Chance gegen Lewis hat. Jetzt bin ich sicher, dass er ihn schlägt."

Trainer Fritz Sdunek ist schon länger davon überzeugt, dass der 33 Jahre alte Titelträger der WBC, WBA und IBF aus England gegen seinen Schützling unterliegen wird: "Wenn sich Wladimir präsentiert wie Samstag, dann schlägt er ihn. Wir können ihn in acht Wochen boxen." Doch ob es dazu jemals kommt, scheint unsicher - auch wenn Wladimir durch den Erfolg im WBC-Ranking ganz hoch klettert und bald zum Pflicht-Herausforderer wird.

Lewis wird wenig Neigung haben, gegen den Wahl-Hamburger eine Niederlage zu riskieren. Lieber boxt er erneut gegen die Oldies Evander Holyfield oder Mike Tyson. Das bringt außerdem mehr Geld als ein Fight gegen Klitschko. Also wird er den WBC-Gürtel irgendwann niederlegen und Wladimir dann um den vakanten Titel boxen: "Ich hoffe, dass ich am Jahresende Weltmeister bin. Durch diesen Sieg bin ich meinem Ziel viel näher gekommen."

Der 23 Jahre alte Olympiasieger hat seine "Ausbildung" zum Profi erfolgreich beendet. "Wladimir ist fertig für jeden Boxer der Welt", freute sich Manager Klaus-Peter Kohl, der sich mit dem Ukrainer und seinem Bruder und WBO-Weltmeister Witali vom Hamburger Promotor zu einem Mann von internationaler Größe aufgeschwungen hat.

Die Verträge mit dem amerikanischen Pay-TV-Sender HBO liegen bereits fast unterschriftsreif in der Schublade. Wladimirs Demonstration wird den US-Fans als Aufzeichnung vor der Live-Übertragung von Witalis Titelverteidigung am 1. April in Berlin gegen Donovan "Razor" Ruddock gezeigt. Und am 29. April boxt er in New York im Rahmenprogramm des WM-Fights zwischen Lewis und Michael Grant. Ende Juni sollen die ukrainischen "Twin Towers" aus Kiew dann gemeinsam einen Abend in den USA bestreiten.

"Wir müssen beide so schnell wie möglich drüben bekannt machen", sagte Kohl, "wir brauchen Auftritte im Pay-per-View, um an das große Geld zu kommen." Denn sonst, das ist auch dem millionenschweren Hamburger Großgastronomen klar, wird er auf Dauer die schlagkräftigen Brüder nicht halten können. Bis Mitte 2001 läuft noch der Vertrag und Millionen-Angebote von US-Managern liegen den Brüdern bereits vor. "Wir haben hier Erfolg und sind sehr zufrieden", sagte Wladimir Klitschko, "unsere Beziehung wird so lange andauern, wie wir ein gutes Verständnis haben."



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