Boxen "Darek" Michalczewski machte kurzen Prozess

Nur 298 Sekunden brauchte Dariusz Michalczewski bei seinem "Heimaturlaub" in Danzig, um gegen den US-Amerikaner Joey de Grandis seinen Weltmeistertitel im WBO-Halbschwergewicht zu verteidigen. Ein linker Haken in der zweiten Runde machte alles klar.


Dariusz Michalczewski (l.) im Duell mit Joey de Grandis: Hosen in den polnischen Nationalfarben
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Dariusz Michalczewski (l.) im Duell mit Joey de Grandis: Hosen in den polnischen Nationalfarben

Danzig - So hatte man ihn seit seinem Erfolg über Virgil Hill im Jahre1995 nicht mehr feiern sehen. Dariusz Michalczewski stand auf den Ringseilen und nahm die Ovationen entgegen, im Ring versagte ihm bei der Ansprache an die Fans die Stimme, schon beim Niederschlag hatte er erleichtert die Faust geballt.

Die ganze Anspannung war von Dariusz Michalczewski wie ein Haufen Steine abgefallen, als er seinen überforderten Gegner Joey de Grandis (USA) bereits Mitte der zweiten Runde mit einem linken Aufwärtshaken zu Boden geschickt hatte. Der WM-Titel der WBO im Halbschwergewicht war zum 21. Mal erfolgreich verteidigt. Aber viel wichtiger für den Weltmeister war, dass er den Erfolg in seiner Geburtsstadt Danzig feiern konnte.

"Darek" statt "Tiger"


Nach 14 Jahren in Deutschland konnte sich Dariusz Michalczewski als mehrfacher Millionär die Rückkehr in seine Heimat leisten. "Ich war noch nie so aufgeregt vor einem Kampf" sagte der 33-Jährige, "als die Nationalhymne gespielt wurde, hatte ich weiche Knie." Es war die polnische Hymne, erstmals in seinem 46. Profikampf. Er trug erstmals Hosen in den polnischen Nationalfarben rot und weiß und die 5000 Fans riefen "Darek" und nicht "Tiger".

Die TV-Übertragung des Kampfabends daheim hatte er mit 200.000 Euro aus der eigenen Tasche erst möglich gemacht. In Sopot hat er sich bereits ein Haus gekauft, die neue Freundin Patricia ist Polin. In Hamburg will seine Frau von ihm nichts mehr wissen. Michalczewski ist derzeit ein Mann, der zwischen zwei Welten lebt. "Wenn ich vier Wochen in Hamburg bin, habe ich Sehnsucht nach Danzig" erklärte der Weltmeister, "wenn ich vier Wochen in Danzig bin, habe ich Sehnsucht nach Hamburg."

Doch die Zukunft des erfolgreichsten deutschen Profiboxers aller Zeiten sollen nun in Polen liegen. Richtig akzeptiert wurde er in Deutschland nie, obwohl er seit 1988 hier lebt, einen deutschen Pass hat und seit elf Jahren als Profi für den Hamburger Manager Klaus-Peter Kohl in den Ring steigt. Michalczewski braucht Liebe, doch die deutschen Fans liebten Henry Maske und Graciano Rocchigiani. In Polen dagegen ist er ein Volksheld. Drei Pubs hat er bereits dort aufgemacht, die Eröffnung eines Einkaufszentrums ist geplant. "Ich habe mir mit dem Kampf hier in Danzig einen Traum erfüllt", sagte Michalczewski.

"Dynamite" war ein Rohrkrepierer


Damit dabei auch nichts schief ging, wurde der Gegner mit Bedacht ausgewählt. Di Grandis hatte nie das Potenzial, wirklich gefährlich zu werden. "Dynamite" war ein Rohrkrepierer, der sich nach dem Niederschlag auf die Kinnspitze auszählen ließ. Seine Ausrede nach dem Knockout hingegen war weltmeisterlich: "Das Zählen des Ringrichters konnte ich nicht hören, die Zuschauer waren zu laut. Ich hätte weiterboxen können." Obwohl die Veranstaltung sportlich eher ein Witz war, die Zuschauer waren dennoch zufrieden.

Nun bleibt ihm wirklich nur noch ein Ziel: Roy Jones jr. "Noch in diesem Jahr rechne ich damit, dass ich gegen ihn antreten kann. Er kann nicht ewig vor mir weglaufen", sagte Michalczewski und hofft auf einen Fight gegen den Halbschwergewichts-Weltmeister der drei anderen Weltverbände aus den USA. Doch die Chancen sind gering. Der Titelträger der Konkurrenzverbände IBF, WBC und WBA will keine Niederlage riskieren. Konkreter sind da wohl die Pläne mit Mittelgewichts-Champion Bernard Hopkins, der aber zwei Klassen aufrücken müsste. "Sein Manager Don King will, wir wollen und Hopkins würde es auch machen", sagte Manager Kohl, "ich bin optimistisch, dass es noch in diesem Jahr klappt."

Trabant und Halmich siegen im Vorprogramm


Zuvor hatte der Berliner Michel Trabant den größten Erfolg seiner Karriere gefeiert. Der 23-Jährige nahm dem Dänen Christian Bladt einstimmig nach Punkten nach einem Klasse-Kampf den Europameistertitel im Weltergewicht ab. "Das ist der größte Tag meines Lebens", sagte "Trabbi", "es war mein härtester Kampf." WIBF-Weltmeisterin Regina Halmich (Karlsruhe) feierte mit dem technischen K.o.-Erfolg über die unerfahrene Rumänin Anca Moise, 19, wie Michalczewski eine erfolgreiche Titelverteidigung.



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