Unentschieden zwischen Wilder und Fury Segen und Fluch

Weltmeister Deontay Wilder und sein Herausforderer Tyson Fury haben sich einen großen Kampf geliefert. Das ist gut fürs Boxen. Aber das Urteil gibt auch Anlass zur Kritik.

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Die US-Boxfans haben lange auf diesen Moment gewartet. Mehr als 15 Jahre, um genau zu sein. Am 21. Juni 2003 gewann Lennox Lewis in Los Angeles durch Abbruch nach der sechsten Runde gegen Vitali Klitschko. Es war die letzte wirklich bedeutungsvolle Weltmeisterschaft im Schwergewicht in den Vereinigten Staaten.

Danach gab es zwar noch ein paar WM-Kämpfe in der Königsklasse auf US-Boden. Vitalis Bruder Wladimir hat mehrfach in New York geboxt. Und Deontay Wilder krönte sich 2015 zum WBC-Weltmeister und hat den Titel seitdem siebenmal verteidigt. Richtig große Kämpfe hat er aber nicht bestritten.

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Boxen: Immer noch unbesiegt

Bis jetzt. Am frühen Sonntagmorgen deutscher Zeit setzte Wilder den WM-Gürtel gegen den Briten Tyson Fury aufs Spiel. Fury hatte vor drei Jahren Klitschko entthront und ging genau wie Wilder unbesiegt in den Kampf. Entsprechend groß war die allgemeine Erwartungshaltung. Wann gibt es das schon mal, dass sich zwei ungeschlagene Schwergewichtler von WM-Format begegnen?

Ein Kampf mit besonderer Dramaturgie

Die gute Nachricht nach dem Kampf lautet: Es wird in der näheren Zukunft noch weitere Duelle derselben Kategorie geben. Denn Wilder und Fury sind nach wie vor unbesiegt, nachdem sie sich unentschieden getrennt haben. Ein Re-Match scheint vorprogrammiert. Und mit dem ebenfalls ungeschlagenen WBA-, WBO- und IBF-Weltmeister Anthony Joshua gibt es für beide sogar noch einen potenziellen Gegner für große Ringschlachten.

Wilder und Fury zeigten vor gut 17.000 Fans im Staples Center zwar keine überragende Leistung, lieferten sich aber einen abwechslungsreichen Kampf mit spektakulären Momenten und einer ganz besonderen Dramaturgie. Die meisten Experten waren sich im Vorfeld einig, dass Wilder durch K.o. gewinnen würde. Zu beeindruckend ist die Schlagkraft des Weltmeisters, der 39 seiner 40 Siege vorzeitig feierte. Und zu unwahrscheinlich erschien Furys erfolgreiches Comeback nach Komplettabsturz und Drogensucht.

Im Ring zeigte der Herausforderer dann aber wieder genau die Qualitäten, die ihn im November 2015 schon einmal überraschend zum Weltmeister gemacht hatten: Fury bewegte sich gut und schnell, pendelte die Angriffe seines Gegners geschickt aus und nutzte seine größere Reichweite, um Wilder mit der Führhand auf Distanz zu halten. Der Titelverteidiger wirkte zwar bemüht und setzte vereinzelte Treffer, schaffte es aber nicht, seine berüchtigte Schlaghärte wirkungsvoll zum Einsatz zu bringen.

Fury muss zweimal zu Boden und kämpft sich zurück

Bis zur neunten Runde. Dann traf ein rechter Haken des Weltmeisters Furys Schläfe, und der Brite musste zu Boden. Doch als die meisten Zuschauer erwarteten, dass Wilder den Kampf beenden würde, kämpfte sich Fury zurück, gewann die Runden zehn und elf mit guten Kombinationen und bereitete so das Feld für das große Finale: In der zwölften und letzten Runde kam Wilder erneut mit einer harten Rechten zum Kopf durch. Als Furys Körperspannung schon ausgesetzt hatte und er nach hinten fiel, schlug noch ein zusätzlicher linker Haken ein.

Der Brite lag flach auf der Matte und schien nicht mehr wirklich auf das Zählen von Ringrichter Jack Reiss zu reagieren, rappelte sich dann bei acht aber doch wieder auf und hob die Fäuste zum Zeichen, dass er weitermachen kann. Doch dabei blieb es nicht. Anstatt selbst K.o. zu gehen, setzte Fury seinerseits harte Treffer und brachte den sichtlich ausgepowerten Wilder in der Schlussminute in Bedrängnis.

Der Schlussgong erlöste beide. Danach lagen sie sich lange in den Armen und beglückwünschten sich zur gegenseitigen Leistung. Beide dachten, sie hätten gewonnen, akzeptierten aber das Unentschieden und feierten sich dafür, dass sie den Zuschauern gute und kurzweilige Unterhaltung auf sportlich hohem Niveau geboten hatten. Im Ring gab es keinen Sieger, aber der Boxsport darf sich als Gewinner fühlen.

Große Abweichungen bei den Punktwertungen

Doch das Zustandekommen des Ergebnisses wirft auch Fragen auf. Denn nur der britische Punktrichter Phil Edwards gab tatsächlich ein Unentschieden (113:113). Sein Kollege Alejandro Rochin aus Mexiko wertete den Kampf 115:111 für Wilder, Robert Tapper aus Kanada entschied auf 114:112 zugunsten von Fury.

Zur Erklärung: Die Punktrichter bewerten Runde für Runde nach dem sogenannten Ten-Point-must-System. Der Sieger einer Runde bekommt zehn, der Verlierer neun Punkte. Für Niederschläge wird ein Punkt abgezogen. 115:111 für Wilder bedeutet, dass der Titelverteidiger - unabhängig von den Niederschlägen - sieben der zwölf Runden für sich entschieden hat. Bei 112:114 wurden nur vier Runden an Wilder gegeben. Bei 113:113, der treffendsten Wertung, hat der US-Amerikaner fünf Runden gewonnen, Fury dafür sieben, die Niederschläge sorgen für den Punktgleichstand.

Ein Blick auf die offizielle "Master Scorecard", auf der alle Rundenwertungen notiert werden, zeigt, dass sich die drei Punktrichter nur bei sechs der zwölf Runden einig waren. Auch wenn der Kampf eng war, das Unentschieden unterm Strich ein angemessenes Urteil ist und sich die unterschiedlichen Wertungen zweier Punktrichter gegenseitig aufheben, sind die Abweichungen in der Bewertung problematisch.

Fehlurteile haben dem Image des Boxens in den vergangenen Jahren großen Schaden zugefügt. Wenn der Sport zurück ins ganz große Rampenlicht will, braucht er dafür nicht nur große Kämpfe wie zwischen Wilder und Fury, sondern auch Offizielle, die ihrer Aufgabe gewachsen sind.



insgesamt 2 Beiträge
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ebmarzt 02.12.2018
1. Fury hat es verdient.
Endlich wieder grosses Boxen. Für so einen Kampf hat sich das adventliche Frühaufstehen gelohnt. Besonders Fury hat mit seinem Können überzeugt. Denkt Euch mal den Clown und Fundamentalisten weg. Was bleibt, ist ein übergroßer, übergewichtiger Weltklasseboxer mit sensationellen Reflexen, einer unvorhersehbaren Schlagtechnik und unerwarteten Leichtfüssigkeit - zudem mit massiven Krisen und erheblichen psychischen Problemen - der sich zweimal (!) in einem Fight gegen Wilder (!) auspunchen lässt und .... wieder aufsteht. Rocky Style!
ramon 02.12.2018
2. Guter Artikel...
Schön, dass das Wertungssystem kurz erklärt wird und die Konfusion, die es auslösen kann. Es geht in Richtung Boxphilosophie, welche Leistung als die bessere gesehen wird, wenn am Ende der letzten Runde beide Boxer noch auf ihren Beinen stehen. Aber was ist jetzt wirklich besser? Zwei harte Niederschläge oder etwas mehr taktische Vorteile über die Runden zu sammeln?
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