Universum-Boxevent Niederlagen als Chance

Beim Comeback des Universum-Boxstalls haben drei der vier Hauptkämpfer verloren. Der Veranstalter fühlt sich trotzdem als Sieger. Obwohl die angestrebte TV-Quote nicht erreicht wurde.

Jens Büttner / dpa

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Um kurz vor zwei am frühen Sonntagmorgen stand Ismail Özen-Otto im überfüllten VIP-Bereich des Veranstaltungszentrums "Kuppel" in Hamburg-Bahrenfeld und erklärte, warum der soeben beendete Kampfabend seiner Universum Box-Promotion aus seiner Sicht ein voller Erfolg war. Es war so laut, dass die wenigen verbliebenen Journalisten sich sehr eng um ihn gruppierten und ihn trotzdem kaum verstanden.

Özen-Otto zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf des Abends. Sicher gebe es hier und da noch Optimierungsmöglichkeiten, aber insgesamt war es eine gelungene Veranstaltung. Eine abschließende Beurteilung wolle er nicht abgeben. "Ich würde mich freuen, wenn Sie sich Ihre eigene Meinung bilden", sagte er in der festen Überzeugung, dass man das Universum-Comeback kaum schlecht bewerten könne.

Tatsächlich hat Özen-Otto vier unterhaltsame und abwechslungsreiche Hauptkämpfe präsentiert. Keiner davon hatte Weltniveau, aber das hatte der Promoter vorher auch nicht angekündigt. Stattdessen gab es zwei Duelle - Antonio Hoffmann gegen Nick Klappert im Superwelter- und Toni Kraft gegen Leon Bauer im Supermittelgewicht -, die gute Deutsche Meisterschaften gewesen wären. Doch um nationale Titel ging es an diesem Abend nicht.

"Wir wussten, dass wir ein großes Risiko eingehen"

Dass Universum mit dem Event "Standards gesetzt" habe, "an denen sich jeder andere deutsche Boxstall messen lassen muss", wie Pressesprecher Ali Ertan Toprak über Özen-Ottos Schulter raunte, zeigt eigentlich nur, dass Toprak in den vergangenen Jahren relativ wenige Veranstaltungen anderer Ställe besucht hat. Das sportliche Niveau war nicht höher als zum Beispiel bei Ulf Steinforths SES Boxing, der Promotion des Ex-Boxers Alexander Petkovic und anderer.

Das Besondere an der Universum-Veranstaltung: Drei der vier Hauptkämpfe gewannen nicht die Heim-, sondern die Gastboxer. "Wir wussten, dass wir mit allen Ansetzungen ein großes Risiko eingehen", sagte Özen-Otto. "Unsere Jungs waren nicht die Favoriten. Da ist klar, dass man verlieren kann. Natürlich hätten wir uns andere Ergebnisse gewünscht, aber das ist nun mal Boxen."

Eine ungewöhnliche Einschätzung: Weil Niederlagen den Marktwert schmälern, achteten Promoter eigentlich darauf, dass ihre eigenen Kämpfer gewinnen. Dafür verpflichteten sie entweder Gegner, die keine echte Chance auf den Sieg hatten. Oder sie hofften darauf, dass Verbände und Kampfrichter die Heimboxer bei engen Entscheidungen bevorteilten. Beides hat dem Sport so sehr geschadet, dass inzwischen kaum noch ein deutscher TV-Sender Boxkämpfe übertragen will.

"Keine Aufbaukämpfe, keine Heimurteile"

Deswegen musste Özen-Otto die Probleme klar benennen, um das ZDF davon zu überzeugen, nach neun Jahren Pause wieder ins Boxen einzusteigen. "Bei uns gibt es keine Aufbaukämpfe und keine Heimurteile", sagte er im Vorfeld bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Die Ankündigung hat er in die Tat umgesetzt - mit den erwähnten Folgen: Hoffmann und Kraft verloren in unterhaltsamen Kämpfen gegen ihre deutschen Gegner Klappert und Bauer nach Punkten. Der Schwergewichtler Agron Smakici ging gegen den Kasachen Zhan Kossobutskiy sogar K.o. - in der ersten Runde.

Immerhin feierte Superleichtgewichtler Artem Harutyunyan im einzigen live im Fernsehen übertragenen Kampf noch einen Sieg für das neue Universum. Gegen den Russen Islam Dumanov setzte sich der 29-Jährige, der 2016 in Rio de Janeiro die olympische Bronzemedaille gewonnen hatte, über zehn Runden knapp nach Punkten durch.

"Auf dem Weg dahin"

Özen-Otto war nach der Urteilsverkündung sichtlich erleichtert. "Artem hat uns den Abend gerettet", sagte er. Die gut 2000 Zuschauer in Hamburg gaben ihm mit ihrem Applaus recht. Die erhoffte Einschaltquote erreichte die Veranstaltung dagegen nicht. Einen "zweistelligen Marktanteil" hatte Özen-Otto als Ziel ausgegeben. Laut der vorläufigen GfK-Zahlen verfolgten 820.000 Menschen den Hauptkampf live beim ZDF, was einem Marktanteil von 8,2 Prozent entsprach. Ein deutlicher Einbruch im Vergleich zum vorher laufenden "Aktuellen Sportstudio", das fast drei Millionen Zuschauer verfolgt hatten.

Um ein größeres Publikum zu erreichen, braucht man vermutlich doch mehr als die von Özen-Otto beschworenen "Kämpfe auf Augenhöhe" und eigene Boxer, die gerne verlieren dürfen. Anfang 2020 bekommt Universum noch eine zweite Chance, sich beim ZDF zu beweisen. Erst danach wollen die Verantwortlichen Bilanz ziehen. Das Problem: Weltklasse-Kämpfer wird Özen-Otto bis dahin vermutlich nicht finden. Die gibt es in Deutschland aktuell nämlich kaum.

Anmerkung der Redaktion: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Bund Deutscher Berufsboxer sowie den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für den SPIEGEL und das Fachmagazin "Boxsport".



insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
rösti 10.11.2019
1. Ja
Hier wird Kirmesboxen als Boxen verkauft! Also damit man wieder Boxen schauen kann muss schon ein anderes Kalieber im Ring stehen.Was dieses Boxen im TV zu suchen hat verstehe ich nicht. Es gibt so viele Sportarten wo Deutschland Weltklasse sind und im Fernsehen nicht gesendet werden ausser Olympia...! Das gestern war keine Weltklasse und ein Abreham ist nicht in Sicht, oder sitzen grade!
rösti 10.11.2019
2. entschuldigung
Hier wird Kirmes boxen als Boxen verkauft! Also damit man wieder Boxen schauen kann muss schon ein anderes Kaliber im Ring stehen.Was dieses Boxen im TV zu suchen hat verstehe ich nicht. Es gibt so viele Sportarten wo Deutschland Weltklasse sind und im Fernsehen nicht gesendet werden ausser Olympia...! Das gestern war keine Weltklasse und ein Abraham ist nicht in Sicht, oder sitzen grade!
mandragola 10.11.2019
3. Klasse Veranstaltung
Wer sauberes Boxen mag der war hier richtig aufgehoben! Um andere Einschaltquoten zu erreichen, sollte man vielleicht ein bisschen früher übertragen. Ich war schon auf vielen Boxveranstaltungen und diese war äußerst gelungen. Gebt dem Deutschen Boxen eine reelle Chance, denn dieser Sport hat es verdient.
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