Profi-Boxerin Wesner Punchingball statt Laptop

Nicole Wesner ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und spricht sechs Sprachen. Mit 35 Jahren gibt sie ihren gut bezahlten Manager-Job auf, um Profiboxerin zu werden. Am Samstag kämpft sie um den WM-Titel.

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Von Thorsten Eisenhofer


Manchmal, sagt Nicole Wesner, denke sie noch an ihr altes Leben zurück, an all die Möglichkeiten, die sie dort hatte. Es ist dann, als kehre sie kurzzeitig in eine Welt zurück, in der sie mal gelebt hat, aber - zumindest momentan - nicht mehr leben will, die ihr auch ein bisschen fremd geworden ist. Es ist eine Welt mit einer großen Wohnung. Eine Welt mit vielen Reisen. Und eine Welt mit einem gut gefüllten Konto.

"Ich könnte auch weiterhin mein geregeltes Leben führen", sagt Wesner. Sie will aber nicht weiterhin ihr geregeltes Leben führen. Sie will ihren Traum leben. Ihren Traum, eine richtig gute Boxerin und Weltmeisterin zu werden. Am Samstag kämpft sie in Wien gegen die junge Ungarin Gina Chamie um die derzeit vakanten WBF- und WIBF-Gürtel.

Um diesen Traum zu leben, hat sie 2012 etwas getan, was in ihrem Umfeld für viel Kopfschütteln sorgte. Sie hat ihren gutbezahlten Job als Produktmanagerin eines Medizinprodukte-Unternehmens gekündigt, ist aus ihrer 75-Quadaramter-Altbauwohnung in Wien ausgezogen. Wesner ist nicht irgendein hoffnungsvolles Talent, sondern zu diesem Zeitpunkt 35 Jahre alt.

Eigentlich wollte sie nur zum Yogakurs

Erst im Alter von 32 Jahren beginnt sie mit dem Boxen. Und das eher zufällig: Eigentlich will sie einen Yogakurs besuchen, landet aber in einem Boxschnuppertraining - obwohl sie sich bis dahin überhaupt nicht für die Sportart interessiert. Sie hat bald den Wunsch, einen Kampf zu absolvieren. Wenigstens einen. Sie steigt in den Ring ("Die ersten Runden war ich wie weggetreten") - und gewinnt. Es bleibt nicht bei diesem einen Kampf, kurze Zeit später wird sie bereits österreichische Staatsmeisterin.

Zu diesem Zeitpunkt trainiert Wesner, die in Köln und Wuppertal aufwuchs, 22 Jahre in Mannheim lebte und nun in Wien zu Hause ist, längst zweimal am Tag. Morgens und abends. Dazwischen arbeitet sie acht, neun Stunden. Bis jener Tag kommt, an dem sie eine Entscheidung trifft, die ihr Leben in ein altes und ein neues teilt: Sie kündigt ihren Job und wird Profiboxerin. In einem Alter, in dem andere ihrer Karriere beenden. "Es ist doch keine Frage des Alters. Es ist eine Frage des Willens", sagt Wesner, mittlerweile 37.

Es ist eine Sportkarriere, von der man denkt, die kann es doch gar nicht geben. Eine gutsituierte Akademikerin, die so ziemlich alles hat, was man gemeinhin in seinem Leben braucht, um glücklich zu sein, wagt eine Art sozialen Abstieg - und führt diesen ausgerechnet in einer Sportart aus, die oftmals den sozialen Aufstieg ermöglicht.

Ein Fünftel von dem, was sie zuvor verdient hatte

"Boxen gibt mir so viel, finanzielle Sicherheit ist mir nicht so wichtig", sagt Wesner. Auch wenn sie drei Jahre lang mit rund einem Fünftel dessen, was sie früher hatte, auskommen muss, von Erspartem lebt. Erst seit wenigen Wochen hat sie einen Sponsor, der wenigstens ihre Fixkosten deckt.

Sie war nicht unglücklich, nicht unzufrieden mit ihrem Leben. Es war nur so, dass sie ihr Leben leben wollte, dass sie wusste, sie hat eine Chance. Genau diese eine Chance, das zu machen, was ihr Herz ihr empfahl. "Andere erzählen ihr ganzes Leben von ihrem Traum, setzen ihn aber nicht in die Tat um", sagt Wesner. Sie hat es gemacht. Auch wenn andere sie deshalb für verrückt halten. "Einige Leute finden es schon schräg, dass ich studiert und gearbeitet habe und dann fürs Boxen alles hinwerfe", erzählt Wesner.

Es ist ihr egal. Sie geht ihren Weg, boxt sich im wahrsten Sinne des Wortes nach oben. Die Leichtgewichtsathletin gewinnt Profikampf um Profikampf, drei der ersten sieben durch K.o., holt sich im Herbst dieses Jahres den Intercontinental-Titel der WIBF, dem ältesten Frauenboxverband der Welt. Es ist ihre Eintrittskarte für den WM-Kampf, in dem für sie nur der Sieg zählt.

"Wenn ich für eine Sache brenne, ziehe ich sie durch", sagt Wesner. Das war schon immer so. Als sie vor ein paar Jahren in Portugal im Urlaub war, setzte sie sich in den Kopf, Portugiesisch zu lernen. Drei Monate später konnte Wesner die Sprache - wie übrigens fünf andere auch. Ihr Ehrgeiz, ihre Besessenheit erklären vermutlich am besten, wie sie einen Weg gehen konnte, den eigentlich niemand geht.

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insgesamt 4 Beiträge
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pigtime 06.12.2014
1.
Ich find es erstaunlich, dass im Frauenboxen viele Kämpferinnen innerhalb von 6 - 18 Monaten auf Profiniveau getrimmt werden können....darunter Frauen, die vorher nicht mal Sport machten. Das sagt viel über die Qualität dort aus und das sieht man auch in den technickfreien Prügeleien im Ring.
studibaas 06.12.2014
2. Man kann es auch anders sehen...
Wer hochintelligent ist UND über schnelle Reflexe verfügt der kann auch schnell Boxen lernen,- so viele Unterschiedliche Angriffsmöglichkeiten gibt es beim Boxen nämlich nicht. (Ich höre den Aufschrei der Boxer. Frage: wie vieler Boxer traten bisher erfolgreich in MMA oder auch nur K1 an?). Und es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, das man Reflexe lernen kann,- man kann sie verbessern, aber das können auch jene die vorher schon gut waren. Ich für meinen Teil habe als "ungelernter" den Hamburger Vizemeister im Kickboxen platt gemacht. Eine Profi Karriere habe ich aber nie angestrebt,- im Vergleich zu ihr fehlt mir der Wille. Diät, täglich Training, auf die Fresse bekommen... . Erklärt wahrscheinlich auch, warum ich nicht drei Sprachen spreche und mein Studium schmiss. Und auch, warum ich trotz ungelernter in der IT gar nicht mal so schlecht verdiene: Naturtalent mit mangelnden Fleiss.
wiealle 06.12.2014
3. Anrührende Geschichte...
...für die Vorweihnachtszeit. Madame boxt also... Naja, wenn sie keinen Bock mehr hat, hört sie auf und geht wieder in die Pharmabranche. Da werden die Personaler die Story lieben!
steve64bit 06.12.2014
4. ... und gewinnt nach K.O. in Runde 3!
Gratulation zum doppelten Weltmeistertitel!
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