Schwergewichtskampf Schwarz gegen Fury Im Boxsport ist immer eine Sensation möglich - diese aber nicht

Der deutsche Boxer Tom Schwarz will "die Welt schockieren", indem er den Briten Tyson Fury besiegt. Das Schwergewicht ist zwar für Überraschungen gut - doch auf einen Glückstreffer kann Schwarz nicht hoffen.

Gene Blevins/ZUMA Wire/dpa

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Bob Arum ist 87 Jahre alt und neben Don King der bekannteste Box-Promoter der Welt. Im Gegensatz zu King, dessen erfolgreichste Jahre hinter ihm liegen, hat Arum noch immer eine Reihe großer Stars unter Vertrag. Kaum jemand versteht es so gut wie er, Kämpfe zu vermarkten.

Im Vorfeld des Schwergewichtsduells zwischen dem exzentrischen Briten Tyson Fury und dem deutschen Boxer Tom Schwarz (Sonntag ab 4.30 Uhr deutscher Zeit; TV: MDR) sprach Arum aus, was alle dachten: "Ich brauchte nicht den überraschenden Sieg von Ruiz, um mich daran zu erinnern, dass im Boxen alles möglich ist."

Am 1. Juni hat Andy Ruiz jr., ein untersetzter Latino, der bis zu diesem Zeitpunkt nur Insidern ein Begriff war, den unbesiegbar erscheinenden Superstar des Schwergewichts Anthony Joshua k.o. geschlagen. Erinnerungen wurden wach an die größten Sensationen aus gut 130 Jahren Box-Geschichte: an Max Schmelings Überraschungserfolg gegen Joe Louis; an die beiden Siege von Cassius Clay, der später als Muhammad Ali zum Größten werden sollte, über Sonny Liston - und natürlich an Mike Tysons schockierende Niederlage gegen James "Buster" Douglas.

Schwarz ist nicht Ruiz, Fury ist nicht Joshua

Nur zwei Wochen nach Ruiz will sich Schwarz gegen Ex-Weltmeister Fury in diese namhafte Ahnengalerie einreihen. Für die Buchmacher ist der Deutsche noch größerer Außenseiter, als es Ruiz gegen Joshua war. Wer einen Euro auf Schwarz setzt, bekäme 15 zurück - in der Theorie. Tatsächlich wäre der Euro wohl einfach weg.

Im Boxen kann ein Schlag entscheiden. Das gilt besonders im Schwergewicht, wo härter und mit mehr unterstützender Masse hingelangt wird als in allen anderen Gewichtsklassen. Aber Schwarz hat nicht so viel Power wie Ruiz und Fury eine deutlich bessere Defensive als Joshua.

Schwarz hat 16 seiner 24 Kämpfe vorzeitig gewonnen. Wenn man bedenkt, dass ihm bislang meist handverlesene Aufbaugegner gegenüberstanden, ist die Quote zwar solide, für überragende Schlagkraft spricht sie aber nicht. Ein Überraschungs-K.o. durch einen sauber platzierten Treffer scheint ausgeschlossen - von vier Niederschlägen wie bei Ruiz gegen Joshua ganz zu schweigen.

Doch Schwarz hat noch ein deutlich größeres Problem - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ihm gegenüber steht nämlich ein 2,06 Meter langer Schlaks mit der größten Reichweite aller aktiven Boxer auf Weltniveau. Und Fury weiß genau, wie er seine körperlichen Vorteile ausspielt. Zumal er sich für einen Mann seiner Größe bemerkenswert schnell und geschmeidig bewegt.

"Die Welt schockieren"

Laut der Statistikplattform Compubox kassiert ein durchschnittlicher Schwergewichtler pro Runde im Schnitt 15 Treffer, bei Fury sind es weniger als sechs. Wenn er den Oberkörper zurücklehnt, kommt der Gegner einfach nicht an ihn heran. Gleichzeitig feuert er mit seinen langen Armen überdurchschnittlich viele Schläge ab, hält so den Gegner auf Distanz und gewinnt Runde um Runde. Auf diese Weise hat Fury unter anderen Wladimir Klitschko zur Verzweiflung getrieben, der größer und ein deutlich besserer Boxer ist als Schwarz.

Selbst wenn Fury mal schwer getroffen wird und zu Boden geht - wie im Dezember 2018 im Kampf gegen WBC-Weltmeister Deontay Wilder - steht er einfach wieder auf. Schwarz kann sich also nicht mal Hoffnung auf einen "Lucky Punch", einen Glückstreffer, machen.

Trotzdem strahlt der Deutsche Optimismus aus - was sollte er auch sonst tun: "Ich werde die Welt schockieren und diesen Kampf gewinnen", prognostiziert Schwarz. "Ich habe eine Überraschung für Tyson Fury." Dinge, die man eben so sagt, um Kämpfe zu promoten und sich selbst Mut zuzusprechen.

Doch es gibt auch gute Nachrichten für Schwarz: Da Fury zwar viel, aber nicht hart schlägt, hat der Deutsche eine gute Chance, über die vollen zwölf Runden zu kommen. Das wäre ein Achtungserfolg und möglicherweise die Grundlage für weitere lukrative Kämpfe. Unabhängig vom Ausgang kassiert Schwarz die mit Abstand höchste Börse seiner bisherigen Karriere, 250.000 Dollar sind vertraglich garantiert, die Gesamtsumme soll sogar bei mehr als einer Million Dollar liegen.

Das sollte reichen, um ihn über die drohende Niederlage hinwegzutrösten. Zumal es für Schwarz ohnehin außer der Aussicht auf eine strahlende Zukunft nichts zu gewinnen gäbe. Weltmeister kann er in diesem Kampf nicht werden. Fury musste die vier WM-Titel, die er 2015 gegen Klitschko gewonnen hatte, wieder abgeben, als ihn Depressionen und Drogenprobleme zu einer fast dreijährigen Pause zwangen.

Der exzentrische Brite, der jeden öffentlichen Auftritt zu einer großen Show macht, geht offen mit seiner wenig ruhmreichen Vergangenheit um und scheint zusätzliche Kraft daraus zu ziehen, diese überwunden zu haben. "Ich boxe, weil es mich glücklich macht", sagt Fury. "Ich bin sehr zufrieden mit mir und meiner aktuellen Position im Leben. Ich bin 30 Jahre alt, und ich habe das Gefühl, noch zehn Jahre auf diesem Niveau kämpfen zu können. So lange werdet ihr mich also noch ertragen müssen."

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Schwarz wird das nicht verhindern können. Im Boxen scheint vieles möglich, alles aber eben doch nicht.



insgesamt 4 Beiträge
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gt1961 15.06.2019
1. schwammig
mit freiem Oberkörper, sehen beide nicht sonderlich athletisch aus.
nachtmahr79 15.06.2019
2.
Butterbean war auch nicht grade das Idealbild des Superathleten, hat ihn nicht davon abgehalten seine Gegner reihenweise auf die Matte zu schicken :)
bigmitt 16.06.2019
3. Athletisch....
...Aussehen muss man auch nicht. Hat erst vor kurzem Ruis gegen Joshua gezeigt. Schwarz hat durchaus Chancen wenn er unbekümmert boxt....Fury mag körperliche Vorteile haben, aber die Chancen stehen hoch das er Schwarz unterschätzt und dieser seine gute Recht durchbringt.
GustavN 16.06.2019
4.
Irgendwie habe ich das Gefühl, der Artikel betont die Körpergröße Furys zu stark. Fury hat durch seine Größe zwar schon grundsätzlich einen Vorteil gegenüber seinen Gegnern - aber er kann auch noch hervorragend boxen und ist für einen Schwergewichtler äußerst schnell und flink. Wenn der Mann eine stabilere Psyche hätte, würde er wohl irgendwann als einer der Top10 oder sogar Top5-Boxer aller Zeiten im Schwergewicht gelten.
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