Boxer Dimitrenko Das ewige Talent

Er tritt auf der Stelle: Boxer Alexander Dimitrenko hat zwar seinen Titel verteidigt, doch das vermeintliche Supertalent des Universum-Stalls entwickelt sich nicht weiter. Gegen Herausforderer Derric Rossy prügelte er konzeptfrei los, seine beste Leistung zeigte er erst nach dem Kampf.
Von Susanne Rohlfing

Der Kampf ist aus, das Publikum in der Stuttgarter Schleyerhalle höflich. Es gibt Applaus für den Sieger. Dabei zeigt Alexander Dimitrenko die spektakulärste Bewegungsabfolge des Abends erst jetzt: Er springt in einer Ecke in die Seile, stößt ein paar markige Brüller aus, federt behände zurück, landet in Rückenlage auf dem Ringboden und kommt mit einer eleganten Rolle Rückwärts wieder auf die Füße. Respekt.

Denn zuvor, im Kampf gegen seinen Herausforderer Derric Rossy wirkte der Schwergewichts-Boxer aus der Ukraine weit weniger beweglich und koordiniert. Doch er verteidigte seinen Interkontinental-Titel erfolgreich durch technischen K.o. in der fünften Runde. "Ende gut, alles gut", floskelt sein Trainer Fritz Sdunek hinterher. Ihm ist dabei so wenig Begeisterung anzusehen wie dem Applaus des Publikums anzuhören.

Auch Dietmar Poszwa, Schwiegersohn und rechte Hand von Klaus-Peter Kohl, dem wegen seines Geburtstags fehlenden Chef von Dimitrenkos Boxstall Universum, war nur mäßig erfreut: "Das Ende war gut, aber überzeugen konnte Sascha uns nicht." 28 Kämpfe als Profi stehen für Dimitrenko inzwischen zu Buche, er wird in allen Ranglisten auf vorderen Plätzen geführt, in der WBO gar an zweiter Stelle hinter Tony Thompson (USA), dem nächsten Pflichtherausforderer von Weltmeister Wladimir Klitschko.

Das Problem ist nur: Dimitrenko wird bereits als die Zukunft des Schwergewichts gehandelt, seit er Ende 2001 als Junioren-Weltmeister bei Universum unter Vertrag genommen wurde. Der neue Klitschko sollte er werden. Optisch macht er mit seinem zwei Meter langen Körper ja auch einiges her. Doch jetzt, gut sechs Jahre später, liefert Dimitrenko immer noch Kämpfe wie gegen Rossy ab. Unbeholfene Auftritte eines ewigen Talents sind das, keine starken Demonstrationen eines gereiften Boxers.

"Talent allein reicht eben nicht aus, um es ganz nach oben zu schaffen", sagt Poszwa. Er hat dabei Firat Arslan vor Augen, der an diesem Samstagabend vor 5200 Zuschauern den Hauptkampf bestritt und seinen WM-Titel nach Version der WBA im Cruisergewicht erfolgreich gegen Darnell Wilson (USA) verteidigte. Nach zwölf packenden Runden, in denen Arslan dem K.o.-Spezialisten Wilson (23 Siege, 20 davon per K.o.) durch ständigen Druck die Luft zum Atmen nahm und dessen Hammerschläge an seiner Deckung zerschellen ließ, sprachen die Kampfrichter dem 37-jährigen Deutsch-Türken einen einstimmigen Punktsieg zu (117:111, 117:111, 117:111).

"Fleiß, Disziplin, Härte und Wille" seien die Eigenschaften, die Arslan nach 20 Jahren Schattendasein im vergangenen November zu seinem Triumph über Weltmeister Virgil Hill und ins Rampenlicht geführt hätten, lobt Poszwa da.

Den Wechsel auf die Überholspur verpasst

Eigenschaften, die ein Boxer weit dringender braucht als Talent. Der auf der Stelle tretende Dimitrenko ist dafür das beste Beispiel. Wie die Klitschkos hat der 25-Jährige einen ausgezeichneten Amateur-Hintergrund. Er ist technisch erstklassig ausgebildet und wurde 2000 Junioren-Weltmeister. Danach holte man den mit perfekten körperlichen Voraussetzungen gesegneten Hünen bei Universum mit Kusshand ins Profigeschäft. Gegen Rossy prügelte Dimitrenko jedoch relativ konzeptfrei drauf los. Anstatt seine Schläge mit der Führungshand vorzubereiten und abzuwarten, bis er einen seiner beachtlich harten Treffer gezielt und präzise landen kann, hämmerte er wild auf seinen Gegner ein. In der fünften Runde hatte er Glück und Rossy zweimal am Boden – den nächsten wirren Schlaghagel Dimitrenkos stoppte der Ringrichter mit dem Abbruch des Kampfes.

"Ich habe vorzeitig gewonnen, da freue ich mich natürlich", sagte der Ukrainer im Anschluss. "Ich wolle unbedingt gewinnen, da bin ich am Ende etwas hektisch geworden, ich muss noch lernen, ruhig zu bleiben." Sein Trainer Fritz Sdunek bezeichnet Dimitrenko als "ein Rohdiamant, der geschliffen werden muss". Er lässt sich keinerlei Ungeduld anmerken. Es sei die Taktik von Universum, junge Talente wie Dimitrenko "systematisch und in Ruhe" aufzubauen." Der Sascha soll ja in zehn Jahren auch noch boxen", sagt Sdunek. Dietmar Poszwa will auch keinen Druck aufbauen: "Sascha ist für einen Schwergewichtler noch sehr jung, er hat Zeit."

Allerdings hat sich Dimitrenko auf dem Weg nach oben zuletzt selbst ein Bein gestellt. Er ließ den für März geplanten EM-Kampf gegen seinen Stallkollegen Luan Krasniqi platzen. "Man hat mir zu wenig Geld geboten, also habe ich nein gesagt", so seine Erklärung. Krasniqi, der seit seiner Ringschlacht mit Lamon Brewster auf eine neuerliche WM-Chance hofft, sollte mehr Geld bekommen als sein junger Kollege, das passte Dimitrenko nicht. "Da ging es ums Prinzip", sagt Sdunek, "Sascha hat nicht gekniffen". Um das zu untermauern, betonen Trainer und Boxer inzwischen beide, dass der Kampf ja noch kommen könne. Wenn das Angebot stimmt. Boxen ist in erster Linie ein Geschäft.

Universum-Mann Poszwa kritisiert allerdings, dass Dimitrenkos Absage ein Fehler war: "Das hätte die Überholspur für ihn sein können." So bleibt der Applaus höflich, mehr nicht, und Dimitrenko ein Talent mit begrenzter Geschwindigkeit.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.