Boxpromoter Don King "Eine Aura von Gott"

Schillernde Persönlichkeit oder dubioser Geschäftemacher? Eines ist sicher: Don King, 74, ist der bekannteste Boxpromoter der Welt. Heute Abend will dessen Schützling Lamon Brewster in Hamburg den Schwergewichts-WM-Titel gegen den Deutschen Luan Krasniqi verteidigen.

Von Werner Langmaack


Der ältere Herr hatte gute Laune. Sehr gute sogar. Hätte er, 74, dunkle Hautfarbe, Starkstromfrisur, sonst in Höchstgeschwindigkeit seine Bonmots zum Besten gegeben und zusätzlich auch noch zwei Deutschland-Fähnchen vor den TV-Kameras hin und her geschwenkt? Die Ausgabe des ZDF-"Sportstudios" vom 30. Juli dieses Jahres hatte jedenfalls Kabarett-Charakter. Regisseur und Hauptdarsteller der One-Man-Show war Donald "Don" King. Ziemlich verloren neben dem einflussreichsten Boxpromoter der Welt wirkte da Klaus-Peter Kohl, 61, helle Hautfarbe, Halbglatze.

King (r., 1981 mit Weltmeister Holmes): "Gripps, Mumm und ein großes Mundwerk"
AP

King (r., 1981 mit Weltmeister Holmes): "Gripps, Mumm und ein großes Mundwerk"

Immer wieder titulierte King ("Ich liebe Deutschland") den erfolgreichsten europäischen Faustkampfvermarkter als "meinen Bruder". Donnerndes Gelächter - beim Publikum und King selbst. Kohl ließ sich dennoch nicht verdrießen. Der Boss des Hamburger Universum-Boxstalls hatte ja schon vorher gewusst, um was es bei dem TV-Auftritt ging: Ziel der beiden Klinkenputzer war es, an diesem Abend Werbung für den WM-Kampf ihrer Schützlinge Krasniqi (Universum) und Brewster am 28. September in Hamburg zu machen. Die beiden Schwergewichte kämpfen um die Weltmeisterkrone der World Boxing Organization (WBO). Brewster ist der Titelverteidiger, Krasniqi will als erster Kämpfer nach Max Schmeling die Krone in der höchsten Gewichtsklasse nach Deutschland zurückholen. Los geht es heute um 23 Uhr (live im ZDF).

Dass King, dieser ungekrönte König des Boxbusiness, oft so unbändig laut und albern agiert und praktisch jede vernünftige Aussage verweigert, ist kein Zufall. Es ist Taktik. Damit es nicht auffällt, wenn er ernsthafte Fragen ignoriert, indem er kompletten Unfug redet, tut er das häufiger schon vorher. Ein simpler Trick, aber wirkungsvoll. King kann so jeden impertinenten Frager ins Leere laufen lassen. Und zu fragen gibt es einiges, vor allem zu Kings Vergangenheit.

Es ist der 20. April 1966. Die Straße eines Ghettos von Cleveland/Ohio, Kings Geburtsstadt. Ein kräftiger Mann, bewaffnet mit einem Revolver, prügelt auf einen wesentlich kleineren Kontrahenten ein. Der Gepeinigte heißt Sam Garrett, er hat Schulden beim Schläger. Der heißt Donald King. Der Autor Jack Newfield schildert die brutale Szene in seiner kürzlich auf Deutsch erschienener Biografie "Don King - Harte Bandagen" (Bombus-Verlag, München, 19,90 Euro) so: "King schlug Garrett mit der Faust oder, was wahrscheinlicher ist, mit dem Kolben seiner Waffe zu Boden. Sobald Garrett auf dem Boden lag, begann King, ihn hemmungslos an den Kopf zu treten."

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Boxpromoter Don King: Haarfetischist mit Deutschland-Faible

Noch als ein Polizist sich einmischte, soll King laut Newfield seinem Opfer einen letzten Fußtritt verpasst haben. Nach fünf Tagen im Koma stirbt Garrett. King kam vor Gericht und wurde wegen Totschlags verurteilt. Nach nicht einmal vier Jahren wurde King begnadigt. Bereits zwölf Jahre zuvor hatte er einen Mann erschossen, war aber wegen "Tötung in Notwehr" freigesprochen worden.

Bei allen Verfehlungen "sollte nicht übersehen werden", schreibt Newfield, "dass Don King ein Pionier war - der erste erfolgreiche schwarze Boxpromoter der Geschichte". Er habe den Rassismus in der Gesellschaft ganz allgemein und auch den, der sich durch die Historie des Berufsboxens zieht, überwinden müssen. Zum Vorbild taugte er freilich nicht, auch wenn er als Schwarzer seine zweite Chance nutzte, um nach dem Knast an die Spitze des US-amerikanischen Unternehmertums vorzustoßen. Kings langjähriger Freund, der Sänger Lloyd Price, gestand einmal: "Ich mag Don noch immer auf gewisse Weise. Aber er hat jeden hereingelegt, der ihn je geliebt hat."

Durchbruch dank Ali

Eine ebenso zwielichtige wie vielschichtige Figur also. Der Kampf des Jahrhunderts etwa zwischen Muhammad Ali und George Foreman 1974 in Kinshasa ("Rumble in the jungle"), wäre laut Ali ohne King niemals zustande gekommen. Kohl sagt, dass King längst geläutert sei. Er würde jeden Kontrakt, den er je mit diesem Mann einging, jederzeit wieder so abschließen. Er habe viel von seinem amerikanischen Partner gelernt und "man muss das Schlechte ja nicht mit übernehmen".

Kohl, King: "Nicht das Schlechte übernehmen"
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Kohl, King: "Nicht das Schlechte übernehmen"

King bescheinigt sich selbst, über "Grips, Mumm und ein großes Mundwerk" zu verfügen. Dieser unverwüstliche, extrovertierteste und dabei zielstrebigste Promoter der Boxgeschichte war Zeit seines Lebens scharf auf "OPM", auf "Other Peoples Money". Angesichts dieser Vorliebe verwundert es nicht, dass zu Kings Geschäftspartern unter anderem Medienmogul Donald Trump und der frühere philippinische Diktator Ferdinand Marcos zählten. Auch bei Deals mit den US-Fernsehsendern HBO oder Showtime kam King auf seinen Schnitt. Der Promoter, der früher weiß-goldene Anzüge trug und sich noch heute gern mit Schmuck behängt, hat praktisch an allen bedeutenden Boxern kräftig verdient.

Auch "Iron Mike" Tyson gehörte zu seinen Klienten. Momentan hat King drei Weltmeister unter Vertrag. Neben Brewster sind dies John Ruiz (WBA) und Chris Byrd (IBF). Nur einer der vier amtierenden Schwergewichts-Champions ist nicht bei King: Vitalij Klitschko. Der Titelträger des WBC vermarktet sich nach seiner Trennung von Kohl selbst, mit seinem jüngeren Bruder Wladimir gründete er "K2 Promotions". Dass King das Quartett vervollständigen kann, ist unwahrscheinlich - auch wenn er sich guter Kontakte nach ganz oben rühmt.

"Es ist eine Aura von Gott. Früher war mein Haar kraus und lockig und gewellt wie bei jedem anderen Schwarzen. Doch als ich eines Abends mit meiner Frau Henrietta zu Bett ging, standen mir plötzlich die Haare zu Berge. Ping, ping, ping - jedes einzelne Haar richtete sich auf", erklärte King im "Playboy" einmal zur Entstehung seines Markenzeichens, seiner Starkstromfrisur.

Trotz des Einwands, das klinge doch einigermaßen unglaubwürdig, blieb King bei seiner Genesis des haarigen Wunders. "Es ist wirklich passiert. Mein Haar ist au naturel. Es wächst einfach gerade hoch. Ich kann morgens nach dem Aufstehen gleich zum Spiegel gehen und mein Haar ist wie eine Pyramide." Manche spotten seither, dass Kings Körper knapp vier Jahre im Gefängnis gesessen habe, sein Haar aber auf dem elektrischen Stuhl gelandet sei. Stellvertretend gewissermaßen.



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