Neue Boxer, alte Probleme Wie das Comeback des Boxstalls Universum gelingen soll

Der Boxstall, der die Klitschko-Brüder, Regina Halmich und Felix Sturm berühmt gemacht hat, meldet sich mit neuem Chef und guten Ideen zurück. Aber ist dem Sport eigentlich noch zu helfen?

Ismail Özen-Otto hat den Boxstall Universum wieder zum Leben erweckt
Christian Charisius / dpa

Ismail Özen-Otto hat den Boxstall Universum wieder zum Leben erweckt

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Die größte Arena Hamburgs, als Hauptkämpfe zwei Weltmeisterschaften im Mittel- und Supermittelgewicht, vorher zur Einstimmung des Publikums eine Schwergewichts-EM. Nein, das ist nicht das Programm, mit dem die Universum Box-Promotion am Samstag (9. November, ab 23 Uhr im ZDF) ihr großes Comeback feiert. Das waren die Ansetzungen, als im Juli 2010 zum bislang letzten Mal eine Universum-Veranstaltung live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wurde.

Zu den Glanzzeiten war Universum der größte Boxstall Europas. Promoter Klaus-Peter Kohl und Cheftrainer Fritz Sdunek haben unter anderem Dariusz Michalczewski, Felix Sturm, Vitali und Wladimir Klitschko zu Weltmeistern gemacht.

Kohl hat sich lange aus dem Geschäft zurückgezogen, Sdunek ist mittlerweile gestorben. Universum fiel auseinander, 2013 wurde das Insolvenzverfahren eröffnet. Inzwischen hat Ismail Özen-Otto, Schwiegersohn des Versandhausunternehmers Michael Otto, den Boxstall wieder zum Leben erweckt. Seine Hauptkämpfer heißen Artem Harutyunyan, Toni Kraft und Agron Smakici. Es sind Namen, die bislang nur eingefleischte Box-Fans kennen.

Ziel: "zweistelliger Marktanteil"

"Auch das alte Universum hat mal klein angefangen", sagt Özen-Otto bei einer Pressekonferenz in seinem Trainingsgym unweit des Hamburger Hafens. "Unser Ziel ist es, langsam zu wachsen und etwas Neues aufzubauen." Er weiß, dass seine Boxer noch keine Stars sind. Trotzdem muss Harutyunyan sofort das TV-Publikum beim ZDF überzeugen.

Özen-Otto hat einen "zweistelligen Marktanteil" als Ziel ausgegeben. Gut möglich, dass er diesen Wert erreicht. Schließlich wird die Veranstaltung direkt im Anschluss an das "Aktuelle Sportstudio" übertragen, das am Samstag nach dem Bundesliga-Topspiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund viele Menschen interessieren dürfte. Aber es bleibt eine große Aufgabe für Harutyunyan.

Der 29-Jährige, der erst seinen achten Profikampf bestreitet, freut sich darauf und verspürt laut eigener Aussage keinen besonderen Druck. "Ich kenne das schon von den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Da haben auch alle auf mich geschaut, weil Deutschland seit zwölf Jahren keine Medaille gewonnen hatte", sagt Harutyunyan. "Ich habe dem standgehalten und Bronze mit nach Hause gebracht."

"Aufbaukampf will ich nicht hören"

An Selbstbewusstsein mangelt es dem neuen Universum-Team also nicht. Und auch sonst gibt es vielversprechende Ansätze. Alle Hauptkämpfer mussten sich im Vorfeld freiwilligen Dopingkontrollen unterziehen. Auch das ist, so erstaunlich das klingen mag, noch längst kein Standard im Profiboxen. Über 45.000 Euro habe ihn das gekostet, sagt Özen-Otto nicht ohne Stolz.

Ein wichtiger und notwendiger Schritt, aber reicht das allein, um die Box-Fans zu überzeugen und neue Zuschauer für den Sport zu gewinnen?

Welt- und Europameisterschaften kann Özen-Otto bislang nicht präsentieren. Soweit sind seine Boxer einfach noch nicht. Stattdessen verteidigt Harutyunyan gegen den Russen Islam Dumanov seinen International-Titel der International Boxing Organization (IBO). Weder der unbekannte Gegner noch der unbedeutende Gürtel sind echte Argumente, sich den Kampf anzuschauen. Sportlich interessant könnte es trotzdem werden, weil Harutyunyan und Dumanov ungefähr gleich weit von der Weltspitze entfernt sind. "Das Wort Aufbaukampf will ich nicht hören", betont Özen-Otto immer wieder.

Kein Heimvorteil

Stattdessen setzt Universum auf rein deutsche Duelle auf Augenhöhe. Universum-Boxer Toni Kraft bekommt es mit Sauerland-Kämpfer Leon Bauer zu tun. Antonio Hoffmann boxt gegen Nick Klappert. Auch für seinen Hauptkämpfer hätte Özen-Otto gerne einen deutschen Gegner verpflichtet, aber weder Timo Schwarzkopf noch Rico Müller, die in der nationalen Rangliste vor Harutyunyan platziert sind, wollten gegen den gebürtigen Armenier boxen.

Toni Kraft, Artem Harutyunya, Ismail Özen-Otto und Leon Bauer (v.l.)
Christian Charisius / dpa

Toni Kraft, Artem Harutyunya, Ismail Özen-Otto und Leon Bauer (v.l.)

Das zeigt, an welche Probleme Özen-Otto stößt. So sehr er sich auch bemüht, einen Paradigmenwechsel im Boxen herbeizureden, so schwer dürfte es sein, den Rest der Branche von seinen Ideen zu überzeugen und die bestmöglichen Kämpfe tatsächlich zu realisieren. Auch Özen-Ottos Versprechen, dass es bei seinen Veranstaltungen keinen Heimvorteil geben wird, könnte schwer umzusetzen sein. Was selbstverständlich klingt, wäre im Boxen tatsächlich eine Innovation. Fragwürdige Urteile haben das Image des Sports in der Vergangenheit stark beschädigt.

Die Frage ist, wie der Promoter verhindern will, dass es auch bei seinen Kämpfen zu Fehlentscheidungen kommt. Schließlich ist nicht er für die Urteile verantwortlich, sondern die Verbände und Punktrichter. "Bei uns wird zumindest kein Vertreter des Boxstalls direkt am Tisch der Offiziellen sitzen und ständig die Punktzettel kontrollieren, wie es früher bei Universum, Sauerland oder den Klitschkos der Fall war", sagt Özen-Otto.

Der Manager als Berater

In diesem Moment meldet sich Bernd Bönte, der langjährige Manager der inzwischen zurückgetretenen Klitschko-Brüder, zu Wort und ruft dazwischen: "Bei den Klitschkos hat es so etwas nie gegeben." Özen-Otto und Bönte liefern sich ein kurzes Wortgefecht. Es geht um Deutungshoheit und gefühlte Wahrheiten.

Bönte sitzt etwas abseits. Er ist externer Berater des ZDF und soll die Universum-Kampfansetzungen bewerten. Die TV-Verantwortlichen haben Bönte verpflichtet, weil der Sender neun Jahre keine Berührungspunkte mit dem Profiboxen hatte und auf fachkundigen Rat angewiesen ist.

Aber ist Bönte wirklich ein unabhängiger Experte? Mit einer neu gegründeten Firma betreut er eine Reihe junger aufstrebender Boxer, darunter auch Leon Bauer, der am Samstag den zweiten Hauptkampf bestreitet - gegen den von Özen-Otto promoteten Toni Kraft.

Anmerkung der Redaktion: Der Autor arbeitete von 2006 bis 2013 für Arena Box-Promotion, zunächst in der Presseabteilung, später als Geschäftsführer. Heute ist er ehrenamtlich für den Bund Deutscher Berufsboxer sowie den Weltverband WBC (World Boxing Council) tätig und schreibt als freier Journalist unter anderem für den SPIEGEL und das Fachmagazin "Boxsport".



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tomshield 05.11.2019
1. Es wäre dem runter gekommenen deutschen..
.. Profiboxsport zu wünschen, dass endlich wieder Kämpfe stattfinden, die die Boxsportfreunde jenseits irgendwelcher Superinsider-Kämpfer mit irgendwelchen Titeln eines Mickey-Mouse-Verbandes begeistern könnten. Die gibt es. Der famose Nick Klappert wurde im Artikel bereits erwähnt. Dennis Krieger sei hier erwähnt, Tyron Zeuge, Sebastian Formella, Deniz Ilbay... alles gute Jungs, die nicht nur boxerische Klasse aufweisen, sondern hungrig genug erscheinen, sehenswerte Kämpfe auf Top-Niveau abliefern zu können. Drücke Universum die Daumen. Die Zeit wäre reif, dass deutsches Boxen wieder die Massen begeistert mit fantastischen Faustkämpfern..
mandragola 05.11.2019
2. Sehr Gut,
was die Jungs da in Hamburg auf die Beine stellen. Artem ist ein hervorragender, technisch excellenter Boxer mit riesigem Potenzial. Alle anderen sind noch hungrige Boxer und bieten ehrlichen guten Sport. Wer gerne Boxen mag, sollte sich diese Veranstaltung nicht entgehen lassen. Ich drück euch die Daumen, denn Hamburg ist ein gutes Pflaster für den Boxsport.
iceyyo 06.11.2019
3. boxen
ist für mich so interessant wie Motorsport - total langweilig. dies gilt generell für Kampfsport, sollte ich es jedoch schauen wollen, käme nur UFC in Frage, da da wenigstens etwas passiert
stefan.p1 06.11.2019
4. Es steht und fällt mit den Sportlern
wenn deutsche Boxer wieder Erfolge vorweisen können werden und halbwegs attraktiven Sport abliefern ,geht es auch wieder Aufwärts mit dem deutschen Profiboxen -Dazu ist eine größere Präsenz in den großen Fernsehanstalten schon mal ein guter Anfang und spült Geld in die Kassen um Talente weiter zu fördern.
sh.stefan.heitmann 06.11.2019
5. Langweilig
wenn ich sehen will wie 2 Leute kämpfen guck ich MMA.
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