Boyz in the hood Eine Hölle von Leben

Dies ist die Geschichte zweier schwarzer amerikanischer Jungs, die viel gemeinsam haben bis auf eines: Der eine lebt, der andere ist tot. Der eine wurde erfolgreicher Basketballprofi, der andere mit 24 Jahren hingerichtet.

Sie sind beide 1978 geboren, sie erleiden dasselbe Elend, das ihnen Eltern verursachen, die keine Eltern sind, sondern einfach verantwortungslose Kinder, die Kinder in die Welt setzen oder besser gesagt in die Welt aussetzen. Am Ende wird aus dem einen Jungen ein Basketballstar, der einen Millionenvertrag beim NBA-Team Washington Wizards unterschreibt. Fast am selben Tag wird der andere schwarze Junge in Texas exekutiert. Und genau betrachtet, ist das wunderbare Happyend und der gewaltsame Tod einem Zufall zu verdanken, der in zahllosen Biografien junger Schwarzer wütet, manchmal zu ihrem Glück, meist aber zu ihrem Unglück.

Juan Dixon wuchs in Baltimore auf. Seine Eltern unternahmen einige spießige Anläufe, ihrem Sohn Manieren beizubringen. Als er ein kleiner Junge war, erzählt Juan, verbot ihm sein Vater, sich auf die Couch im Wohnzimmer zu setzen, denn die sollte hübsch und sauber aussehen. Jenseits solcher kleinbürgerlicher Anwandlungen war Phil Dixon senior vor allem und eigentlich ausschließlich dies: ein Heroin-Junkie, der seine kleinen Kinder im Wagen warten ließ, wenn er sich auf die Suche nach dem Stoff für den nächsten Schuss machte.

Toronto Patterson wuchs in den Ghettos von Dallas auf. "Aufwachsen" ist ein lächerlich bürgerlicher Begriff für das, was seine Kindheit war. Sein Vater verschwand sofort und umstandslos. Seine Mutter war 16 bei seiner Geburt, Alkoholikerin und cracksüchtig, völlig unfähig und uninteressiert an dem kleinen Wurm, der sich ihrem Leben in den Weg stellte, das sich ums Saufen und Reinziehen drehte und dann auch noch um die zahllosen Lover, die sie mit Sex an sich fesseln wollte, was ihr ebenso wenig gelang wie alles andere.

Als Toronto sieben war, bekam er eine Schwester, die von Beginn an noch schlechter dran war als er: Sie war so krank und behindert, dass ihr der Arzt bloß ein paar Jahre gab. Die Mutter setzte, als wäre nichts geschehen, ihr Leben fort. Sie überließ das kranke Kind ihrem Sohn. Toronto kümmerte sich rührend um seine kleine Schwester, er war Vater, Mutter und Bruder in einer Person. Sie starb, als sie zwei war. Wahrscheinlich fühlte Toronto sich verantwortlich für ihren Tod, denn seine Mutter hatte ja ihre Verantwortung an ihn abgetreten.

Zwei Wochen vor der Hinrichtung habe ich Toronto Patterson im Staatsgefängnis von Livingston besucht. Wir sprachen über Telefon miteinander, getrennt durch eine gepanzerte Scheibe. Als ich ihn auf seine Schwester und die Heldengeschichte in seinem Leben, in dem es sonst nur Schwärze und Trostlosigkeit gab, vorsichtig ansprach, fing der große Junge an zu weinen und erzählte von dem Morgen, als er in die Schule ging und seine kleine Schwester immer noch so furchtbar weinte wie die ganze Nacht zuvor. Und dann erzählte er, wie er Stunden später nach Hause kam und sie tot war, und die Tränen flossen, als sei es gestern gewesen. Selten kamen mir in meinem nicht ganz kurzen Journalistenleben die Dinge so nahe wie im Staatsgefängnis von Livingston.

Juan Dixon war 15, als sein Vater an Aids starb. Drogen, schmutzige Nadeln, Tod. Er war 17, als seine Mutter aus denselben Gründen starb. Toronto war 14, als ihn seine Mutter zu Hause rauswarf, weil der Heranwachsende ihr noch mehr im Wege stand als in den Jahren zuvor. So geht es in vielen schwarzen Familien der Ghettos zu, so oder doch so ähnlich. Die Väter sind entweder von Anfang an oder bald danach abwesend, die Familien entpuppen sich für die Kinder als Hölle. Mütter, die Arbeit haben, verdienen nicht viel und die heranwachsenden Kinder, deren Mütter nicht viel verdienen, zählen dort nichts, wo es darauf ankommt, Anerkennung zu finden: auf der Straße, "in the hood", wie sie sagen, wo Prestige und Symbole regieren. Etwas, das aus dem Geld stammt, das aus der Prostitution, dem Drogenhandel oder aus Einbrüchen gewonnen wird. Ich weiß, so ist es nicht überall, aber dort, wo meine Geschichte spielt, ist es so.

Wenn Teenies wie Juan und Toronto freigesetzt werden, hängt vieles, wenn nicht alles, davon ab, wer Einfluss auf sie nimmt. Sie sind froh, wenn sich endlich einmal jemand um sie kümmert, um sie bemüht, ihnen zeigt, wie sie leben und wie sie Erfolg haben können. Sie sind dankbar für Restbestände an elterlicher Fürsorge, da sie Ähnliches nicht kennen. Sie sind verführbar, zum Guten wie zum Schlechten.

Der Zufall wollte es, dass Juans großer Bruder den Entschluss fasste, den kleinen Bruder an die Hand zu nehmen. Der Zufall wollte es, dass er kein Zuhälter oder Drogenhändler war, sondern danach strebte, ein Polizeioffizier in Baltimore zu werden, was er auch geschafft hat. Der große Bruder sorgte dafür, im Verein mit einer Reihe Tanten, dass Juan zur Schule ging und etwas für seinen Körperbau tat, als die Basketball-Trainer der High School meinten, Juan sei zu klein und schmal für das Spiel unter den Körben. Und Juan besaß genügend Fleiß und Ausdauer, etliche Tests an der Schule zwei- oder dreimal zu wiederholen, wenn er durchgefallen war. Er ist einer, der sich durchkämpft.

In Torontos Fall wollte es der Zufall, dass sich ein Cousin um den 14-Jährigen sorgte. Anders als Juans Bruder wollte der Cousin nicht Polizist werden, weil Polizisten jämmerlich wenig verdienen. Er aber verdiente gut, denn er war Drogenhändler, und weil er sich um Toronto sorgte, wurde aus dem Jungen schnell ein Drogen-Zwischenhändler. Sie verkauften Crack, den wilden gefährlichen Glücksbringer für Kunden, die sich Kokain oder Heroin nicht leisten können. Toronto nahm bald Woche für Woche 500 bis 600 Dollar ein. Ach ja, die Schule ließ er natürlich sein.

Juan Dixon fiel mir zum ersten Mal vor zwei Jahren während der "March Madness" auf, jener wilden Jahreszeit, in der landesweit die Meisterschaften im College-Basketball entschieden werden. Juan spielte für die Maryland Terrapins. Ihm hatte das Team zu verdanken, dass die "Terps" nationaler Champion wurden. Juan war der kühle Junge für die "Crunch Time" - für die letzten Minuten, wenn anderen die Hand zittert und keiner die Verantwortung für die entscheidenden Würfe übernehmen möchte. Der Junge, der sich auf nichts als auf seinen Bruder und sich selbst verlassen konnte, warf kalten Blutes und traf und machte die Punkte, die zum Sieg führten. Juans Bruder saß immer auf der Bühne. Er wird sein Leben lang auf den kleinen Bruder aufpassen.

Toronto fuhr inzwischen Autos mit Radspeichen aus zwölfkarätigem Gold. Seinen Mund zierten goldene Zähne. Die Polizei hatte ihn längst auf dem Kieker. Sie wusste, dass er zwar keinen Führerschein besaß, aber eine Knarre, die er im Wagen versteckte. Als das passierte, was Toronto später, als ich ihn besuchte, "das Ding" nannte, war er 17 Jahre alt. Drei Menschen kamen im Juni 1995 ums Leben: seine Cousine Kim, deren sechsjährige Tochter Jennifer und die drei Jahre alte Ollie, die eine Kugel aus einem knappen Meter Entfernung traf, obwohl sie sich doch so gut in ihrem Etagenbett verkrochen hatte, weil sie ahnte, was ihr bevorstand. Ein furchtbarer Mord, der nach Aufklärung schrie.

Die Aufklärung fand rasch statt, und Toronto Patterson, der seine kleine Schwester gehegt und gepflegt und der für die kleine Jennifer und die noch kleinere Ollie gesorgt hatte, wenn Mutter Kim mal wieder mit einem neuen Lover durchgebrannt war, stand als dreifacher Mörder da. Es war, wie es oft so ist: Die Polizisten nahmen ihn, so der Brauch, in die Mangel. Patterson war ein Crackdealer, wer sollte ihm schon glauben. Sein Anwalt gehörte sicherlich nicht zu den Geschicktesten im Land. Wie auch? Pflichtverteidiger sind, erstens, schlecht bezahlt und bekommen, zweitens, die aussichtslosen Fälle.

Die Geschworenen des Verfahrens gegen Toronto sahen die kleinen Mädchen vor sich, die ein enthemmter Mörder erschossen hatte. Die Berufungsgerichte sahen keine gravierenden Fehler im Prozess, der zum Todesurteil geführt hatte, und schmetterten Einspruch auf Einspruch ab. Dass der verurteilte Mörder zur Tatzeit erst 17 war, rief keine rechtsstaatlichen Bedenken hervor. Der Supreme Court hatte ja das Mindestalter für Hinrichtungen auf 17 festgesetzt. Alles in Ordnung, alles rechtens, Alltag in Amerika, schwarzer Alltag, wenn auch nicht nur schwarzer Alltag.

Ob Toronto Patterson, der keine Drogen nahm, seine Cousine und die beiden Mädchen, die er gehütet hatte, wirklich umgebracht hat? Natürlich sagte er, er habe sie nicht getötet, er habe sie doch gekannt und gemocht und sei gar nicht imstande, Kinder umzubringen. Er hatte eine eigene, komplizierte Theorie über die Mörder, von denen er erzählte, dass sie von Kim Geld fürs Kokain, das sie schnupfte, eintreiben wollten. Die Polizei hatte jedoch lediglich jene Spuren verfolgt, die sich gegen Toronto auslegen ließen. Dass der wirkliche Tathergang mit seinem Geständnis nicht zusammenpasste, fiel nicht ins Gewicht. Dass er sein Geständnis widerrief, beeindruckte niemanden, denn Geständnisse verwerfen die Mörder doch immer.

Im Gefängnis schrieb Patterson viele Seiten über sein kurzes, trostloses Leben voll. Seine wechselnden Verteidiger nutzten die Lektüre als Zugang zum Labyrinth seiner Seele. Verständliche Sätze in korrekter Syntax - nicht schlecht für einen Jungen aus einer Welt, in der Drogen alles und Schulen nichts bedeuten. Die Prosa gibt zumindest eine Ahnung, dass in diesem Jungen mehr steckte als nur ein Drogenhändler, und dass es für ihn ein Leben jenseits von Drogen und Gefängnis hätte geben können. Wenn da ein Bruder gewesen wäre, wie in Juans Fall, der ihn in die Schule anstatt auf die Straße geschickt hätte. Warum hätte aus Toronto nicht etwas anderes werden sollen?

Durchbruch für Dixon

Als Toronto Patterson am 28. August 2002 starb, hingerichtet im Staatsgefängnis Huntsville für einen dreifachen Mord, den er bis zuletzt leugnete, hatte Juan Dixon gerade einen mehrjährigen Vertrag bei den Washington Wizards unterschrieben. In seinem ersten Profijahr spielte er mit Michael Jordan, der dem Novizen Respekt zollte, weil der Willenskraft, Ausdauer und Kühle an den Tag legte. Wann immer Dixon auf den Court lief, explodierte das MCI-Center vor Applaus. Von Anfang an liebten sie den Jungen, dessen Geschichte fast jeder in Washington kennt.

In seiner zweiten Saison leitete Juan, der in ein paar Tagen 26 Jahre alt wird, oft genug die Aufholjagd ein, weil die "Starting Five", die Stammformation, immer wieder binnen kurzer Zeit hoffnungslos zurückgefallen war. Wieder gehörte er zu den Publikumslieblingen. In der nächsten Saison, die Ende Oktober beginnt, sollte ihm der Durchbruch gelingen, falls die Wizards endlich einmal beständig spielen. Das Zeug dazu hat er, die Willenskraft, das Spielverständnis, die Ausdauer und den brennenden Wunsch, aus seinem Leben etwas Sinnvolles zu machen. Ich hoffe mit ihm, dem kleinen schwarzen Jungen aus Baltimore, der durchkam, während der andere kleine schwarze Junge aus Dallas in der Hölle seines Lebens umkam.

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