Brexit und Cricket Gerecht ist, was englisch ist

Sie haben das Spiel erfunden, deshalb meinen sie seine Regeln nach Belieben verbiegen zu dürfen: Die Geschichte der britischen Herrschaft über das Spiel Cricket verrät viel über die Weltsicht der englischen Brexiteers.

Jubelnder Cricketspieler Ben Stokes: Als wäre er auf dem Mars gelandet
Andrew Boyers/ Action Images/ REUTERS

Jubelnder Cricketspieler Ben Stokes: Als wäre er auf dem Mars gelandet

Ein Gastbeitrag von Jörg Luyken


Während der Rest der Welt über die G7-Konferenz in Biarritz, die Waldbrände im Amazonasgebiet und ein weiteres Wochenende der Unruhen in Hongkong sprach, waren die englischen Zeitungen mit etwas ganz anderem beschäftigt.

"Go urn my son!" titelte die "Sun", die meistverkaufte Boulevardzeitung Großbritanniens, über dem Bild eines rothaarigen Mannes, der einen schwer aussehenden Holzblock über seinem Kopf hält und ein urtümliches Gebrüll von sich gibt. Die Titelseite des "Daily Telegraph" war mit dem gleichen Foto geschmückt, schrieb darüber aber "Howzat!".

Machen Sie sich keine Sorgen, falls diese Schlagzeilen Ihnen das Gefühl geben, Ihr englischer Wortschatz habe ein paar Lücken. Selbst Menschen nördlich der Grenze zu Schottland könnten mit den Begriffen Schwierigkeiten haben, ganz zu schweigen von Amerikanern oder Kanadiern.

Zum Autor
  • privat
    Jörg Luyken wurde 1985 in Großbritannien geboren und hatte das fragwürdige Glück, eine jener Privatschulen zu besuchen, an denen Cricket immer noch für mindestens so wichtig gehalten wird wie die Entscheidung über Leben und Tod. Mittlerweile lebt er als freier Autor in Berlin und schreibt unter anderem für "The Daily Telegraph" und "The Local". Die Geschehnisse in seiner Heimat betrachtet er aus sicherer Entfernung.

Am Sonntagnachmittag geschah etwas auf einem sonnigen Feld in Yorkshire, das für niemanden auf der Welt von Interesse war - abgesehen von den Bewohnern Englands und Australiens. Aber liest man die Reaktionen in der englischen Presse, könnte man meinen, dieser rothaarige Mann wäre auf dem Mars gelandet.

Ben Stokes, so heißt er, spielte jedoch lediglich Cricket gegen einen Gegner, der seit 150 Jahren Erzrivale der Briten ist. Praktisch im Alleingang gelang es ihm, die jüngste Partie gegen das ehemalige Freiluftgefängnis am vierten Tag für England zu entscheiden, nachdem es drei Tage lang schien, als ob die Heimmannschaft es wieder einmal versäumen würde, "the Ashes", eine Urne, die dem Siegerteam als Art Pokal präsentiert wird, in den Händen zu halten.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Er gewann das Spiel am vierten Tag und brachte es damit einen Tag vor dem geplanten Ende zu einem abrupten Finale. Es handelte sich dabei nur um eines von fünf "Testmatches", die den ganzen Sommer über ausgetragen werden und eine nützliche Form der Ablenkung für die gelangweilte Elite Englands darstellen.

Alles, was anständig und richtig ist

Für alle, die mit dem Cricketspiel nicht vertraut sind (nein, es ist nicht dasjenige mit den Pferden): Ein Team wirft Bälle mit hoher Geschwindigkeit ("Bowling") in Richtung zweier Schlagmänner von der gegnerischen Seite. Die Schlagmänner müssen "Läufe" erzielen, indem sie den Ball über das Feld schlagen, scheiden aber aus, wenn der Ball drei hinter ihnen liegende Stöcke ("the stumps") trifft oder von einem auf dem Feld stehenden Spieler gefangen wird. Beide Teams dürfen zweimal schlagen, am Ende gewinnt das Team mit den meisten Läufen. Tatsächlich sind die Regeln byzantinischer als die ungeschriebene britische Verfassung, aber das sind erst einmal die Grundlagen.

Cricket ist jedoch viel mehr als nur eine Möglichkeit, die Zeit totzuschlagen. Um sinngemäß einen berühmten britischen Fußballtrainer zu zitieren: Hier geht es nicht um Leben und Tod - es ist viel wichtiger. Das Cricketspiel symbolisiert für die Oberschicht alles, was anständig und richtig ist. Wie man sich beim Cricket verhält - mit Respekt vor den Regeln und dem Geist des Spiels - spiegelt wider, wie man es im Leben tun sollte. So erklärt sich der oft verwendete englische Satz, mit dem schlechtes Verhalten getadelt wird: "That's just not cricket" (Das ist einfach kein Cricket).

Es gibt da jedoch ein Problem. England als das Land, das Cricket erfunden hat, darf entscheiden, welche Regeln gelten. Obwohl das Spiel der Sport der Wahl im milliardenschweren Indien ist und eine lange Tradition in Australien, Südafrika, Pakistan und anderen ehemaligen Kolonien hat, ist ein Londoner Cricketklub namens MCC der Hüter der Spielregeln.

Da die Menschen in den Kolonien das Spiel nicht erfunden haben, könnte jeder Versuch von ihrer Seite, die Regeln zu interpretieren, tiefgreifende und gefährliche Folgen nicht nur für den Sport, sondern auch für das gentlemanhafte und korrekte Verhalten im Allgemeinen haben.

Die Folgen dieser Entscheidungsmacht der Engländer können manchmal "somewhat amusing" sein, wie sie selbst sagen würden. Denn obwohl die Engländer das Cricketspiel erfunden haben, sagt man hinter vorgehaltener Hand, dass sie eigentlich nicht sehr gut darin sind. Gelegentlich hat dies dazu geführt, dass sie die Regeln schlichtweg neu interpretiert haben, um einen Vorteil gegenüber einem überlegenen Gegner zu erlangen.

"Wo ist denn dein Butler?"

Das berühmteste Beispiel stammt aus dem Jahr 1932, als der große australische Schlagmann Don Bradman sich anschickte, die englische Mannschaft bei ihrer damaligen Ashes-Tour in Australien auf verheerende Weise zu demütigen. Während die meisten Schlagmänner darum kämpfen, 50 Läufe zu bekommen, bevor sie ausscheiden, bekam Bradman regelmäßig 100 oder sogar mehr.

Für Englands Kapitän Douglas Jardine stand nicht nur der Nationalstolz auf dem Spiel, er hatte auch noch eine persönliche Rechnung mit den Australiern offen. Auf seiner ersten Tour in der ehemaligen Kolonie drei Jahre zuvor hatten die Zuschauer den in Oxford ausgebildeten Anwalt wegen seines der Oberschicht typischen hochmütigen Verhaltens verspottet, ein Witzbold schrie: "Wo ist denn dein Butler, um deinen Schläger zu tragen?" Jardine, an das ehrerbietige und friedliche englische Publikum gewöhnt, kehrte nach Hause zurück und war fortan überzeugt: "Die Australier sind ein ungebildeter und widerspenstiger Mob."

So kam es dazu, dass der englische Kapitän eine Strategie entwickelte, die zwar von den Spielregeln gedeckt war, aber in der Cricket-Welt weithin als Angriff gegen den Geist des Spiels gesehen wurde - ein weitaus schlimmeres Verbrechen. Er wies seine Bowler an, mit kurzen Bällen zu zielen, die vom Boden aufprallen und die Schlagmänner auf den Brustkorb oder Kopf treffen würden, eine Taktik, die als "Bodyline Bowling" bekannt wurde.

Es gibt nur wenige Möglichkeiten, sich gegen diese Strategie zu verteidigen, außer den Schläger zwischen Ball und Kopf zu stellen und auf das Beste zu hoffen, was aber die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich der Ball vom Schläger dreht und gefangen wird.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ein Cricketball kein aufgeblasenes Lederstück wie ein Fußball ist. Hergestellt aus dichtem, lederummantelten Kork, ist er extrem dicht und potenziell tödlich, wenn er schnell genug trifft. Mehrere Spieler sind aufgrund eines solchen Zusammenpralls in den letzten zwei Jahrhunderten gestorben.

Zur Halbzeit der Tour hatte sich die englische Strategie bewährt. Ihr aggressives Bowling neutralisierte Bradman, sie gewannen zwei der ersten drei Partien. Die Kosten auf der Gegnerseite waren eine Schädelfraktur und mehrere zertrümmerte Rippen. Als ein Schlagmann auf dem Boden lag, soll sich Jardine an seinen Werfer gewandt und ihn gelobt haben: "Gut gebowlt."

Vom Sportstreit zur politischen Krise

Die Taktik hat das australische Publikum dermaßen wütend gemacht, dass es mehrmals danach aussah, als würde ein Aufstand losbrechen. Die australischen Cricket-Behörden waren anfangs nur ungern bereit gewesen, die englische Taktik zu verurteilen, aber die Brutalität des dritten Spiels veranlasste sie, ein Telegramm an das MCC zu senden.

In einer für den nicht Eingeweihten scheinbar milden Sprache warnte das Telegramm, dass das Bodyline-Bowling "ein sehr bitteres Gefühl zwischen den Spielern sowie Verletzungen verursacht. Unserer Meinung nach ist es unsportlich." Es schloss mit der Warnung, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern beeinträchtigt würden, sollte man die Taktik weiter verfolgen.

Das MCC war empört. Man "beklage" den Vorwurf der Unsportlichkeit, kam die Antwort, und sei "überzeugt", dass die von ihnen nominierte englische Mannschaft nichts tun würde, was gegen den Geist des Spiels verstoße. Und als klare Erinnerung daran, wer die Oberherrschaft über die Regeln hat, erklärte der Londoner Klub gönnerhaft: "Wenn das australische Kontrollgremium ein neues Gesetz oder eine neue Regel vorschlagen will, wird das zu gegebener Zeit unsere sorgfältige Prüfung erhalten."

Die Logik drehte sich im Kreis: Die englische Mannschaft konnte unmöglich gegen den Geist des Spiels verstoßen haben, da es sich um ein englisches Spiel handelte. Dennoch war die Taktik innerhalb der englischen Mannschaft selbst umstritten, wo sich ein Bowler weigerte, den Befehlen seines Kapitäns zu gehorchen.

Der Sportstreit eskalierte zu einer politischen Krise, in der die britische Regierung ihre Männer unterstützte. Konfrontiert mit der ernsthaften Bedrohung eines englischen Embargos auf australische Waren, schritt die Regierung in Canberra ein und zwang seine Cricket-Behörde, den Vorwurf der Unsportlichkeit zurückzunehmen. In den letzten beiden Spielen setzten die Engländer die Taktik fort, wenn auch in geringerem Maße, und konnten die Serie so mit vier Siegen gegen einen für sich entscheiden.

Die Nachricht von der umstrittenen Taktik verbreitete sich schnell im ganzen Empire. Meinungsführer der britischen Oberschicht machten sich ans Werk, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, dass die Australier für die Kontroverse verantwortlich waren. Ein Leitartikel in einer englischen Zeitung in Ostasien beschuldigte die Australier, schlechte Verlierer zu sein. Das vergiftete Klima führte dazu, dass der Umsatz australischer Geschäftsleute in Hongkong zurückging, während Engländer in Australien zu sozialen Außenseitern wurden.

Alles demokratisch. Egal, was

Für jeden, der es sich bis hier noch nicht gedacht hat: In diesem Artikel geht es ebenso sehr um Cricket wie um die aktuelle politische Lage im Land der Königin. Während Cricket sich seit 1932 verändert hat (das MCC teilt heutzutage seine Entscheidungsmacht mit einem internationalen Verband), trägt die Mentalität der englischen herrschenden Klassen noch immer viele der Merkmale dieser umstrittenen Spiele. Tory-Politiker wie Premierminister Boris Johnson oder Jacob Rees-Mogg, der Mann mit dem Spitznamen "Abgeordneter für das 18. Jahrhundert", verstehen Demokratie so, wie das MCC damals Cricket verstand.

Wie diese Tory-Brexiteers nicht müde werden hervorzuheben, ist Westminster "die Mutter aller Parlamente". Gemäß ihrer Begründung ist das, was in Westminster getan wird, schon deshalb legitim und richtig, weil es eben in Westminster getan wird.

Diese Überzeugung ermöglicht es ihnen, das Parlament in Zwangsurlaub zu schicken, um schwierige Debatten zu vermeiden, das ungewählte Oberhaus zu schützen und das Ergebnis eines Referendums gegen die verfassungsmäßige Macht des Parlaments aufrechtzuerhalten, alles im Namen der Demokratie. Es spielt keine Rolle, wie viele innere Widersprüche es in ihrem Glaubenssystem gibt. Sie sind die englische Oberschicht. Sie haben die Demokratie geschaffen und nur sie können deren Regeln richtig interpretieren.

Aber obwohl man glauben könnte, die englische Elite sei so sehr in ihren eigenen Vorstellungen gefangen, dass alle Hoffnung verloren ist: Die Geschichte des Bodyline-Bowlings endete nicht mit dem englischen Sieg in der Ashes-Serie von 1932.

Ein Jahr später kam die Mannschaft der "West Indies" nach England auf Tournee und ihr Kapitän entschied sich, es Jardine und seiner Mannschaft heimzuzahlen. Es war nicht nur eine Neuheit, dass englische Schlagmänner sich ducken und abtauchen mussten, als Bälle mit Geschwindigkeiten von weit über 100 km/h auf sie zuschossen, es war auch das erste Mal, dass die englische Öffentlichkeit die brutale Taktik mit eigenen Augen sah.

Es dauerte nicht lange, bevor die Zeitung "The Times" aufhörte, das Wort "sogenannte" vor jeder Erwähnung des Begriffs "Bodyline" zu verwenden. Der Wisden-Almanach, die Bibel des englischen Cricket, bemerkte mit typischer Untertreibung, dass "die meisten, die sie zum ersten Mal sahen, zu dem Schluss gekommen sein müssen, dass sie zwar regelkonform, aber nicht sehr nett war".

Schuld war der Arbeitersohn

Schließlich stieg selbst das MCC von seinem Elfenbeinturm herab und änderte 1935 die Regeln, um den Schlagmännern mehr Schutz zu bieten. Als sich die Herren des Cricket gegen die Taktik wandten, versuchten sie allerdings, ihre Hände reinzuwaschen, indem sie eine Entschuldigung von dem Spieler verlangten, den sie für das Aufkommen dieser Taktik verantwortlich machten.

Dieser Cricketspieler hieß jedoch nicht Douglas Jardine. Am Pranger stand der Bowler Harold Larwood, den Jardine angewiesen hatte, auf Köpfe und Brustkörbe zu zielen. Larwood sollte die Schuld auf sich nehmen. Warum das MCC von ihm ein Geständnis verlangte und nicht etwa von Jardine, ist unklar. Es könnte für einige Leser jedoch von Interesse sein, dass Larwood der Sohn eines Kohlebergarbeiters war. Jardine war ein hervorragend ausgebildeter Oxford-Absolvent.

Larwood entschuldigte sich nicht. Er durfte nie wieder für England spielen.

Ist hier ein Funken Hoffnung in der Asche dieser kuriosen Geschichte zu finden? Sagen wir so: Es könnte sein, dass die englische Öffentlichkeit ihre Meinung darüber ändern wird, wie das Spiel gespielt werden soll, wenn sie erst einmal mit den Regeln einer Post-Brexit-Welt leben muss. Aber falls irgendwann ein Schuldiger für das Schlamassel gefunden wird, wird er wohl kaum Alexander Boris de Pfeffel Johnson heißen.

insgesamt 36 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
krokodilklemme 01.09.2019
1. recht so
den letzten absatz darf man sich getrost einrahmen.
meresi 01.09.2019
2. Cricket's?
Eines meiner Crickets hab ich Boris getauft, wird demnächst an mein fleischfressendes Haustier verfüttert. Seine Kohorten werd ich in der Friteuse rausbacken. Das gibt Kraft und es besteht keine Gefahr an Rinderwahn zu verenden.
Immanuel K. 01.09.2019
3. Ah, so ist das...
...also: gentlemanlike und fairness, ist also nichts als heisse Luft...!?
nebenbei_bemerkt 01.09.2019
4. Regeln verbiegen?
wie kann man etwas verbiegen, von dem nicht klar ist ob es jemals gerade war? Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie auch nur ansatzweise verstanden haben, worum es bei dieser Veranstaltung überhaupt geht, bzw. nach welchen Regeln es abläuft. Denke dazu muss man mindestens in dritter Generation mit Porridge, Plumpudding, Bohnen zum Frühstück anstatt mit Muttermilch aufgezogen worden sein. Falls Sie das vorweisen können, bitte ich um Vergebung und einer Erklärung des Spiels (nur wenn innerhalb von acht Stunden möglich).
tropfstein 01.09.2019
5. Das gab es auch anderswo
Irgendwie ist das nicht neu. Von Richard Nixon gibt es das berühmte Zitat: "When the President does it, that means it is not illegal." Aber bevor das Angelsachsen-Bashing losgeht: Gleiches gilt für andere, die (nach eigener Meinung) moralische Standards setzen oder moralisch über den anderen stehen. In Religionen oder Ideologien. Sogar an Universitäten, die eigentlich der freien geistigen Auseinandersetzung verpflichtet sind, gibt es Leute, die sich für besser halten und anderen vorschreiben, worüber man reden darf. Auch bei uns. Nix Ungewöhnliches als.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.