Schwimm-Star Steffen Eine Gold-Hoffnung taucht auf

Vor einem Jahr flüchtete sie völlig frustriert von der WM, bei den Olympischen Spielen will Britta Steffen wieder um Medaillen mitschwimmen. Der Druck auf die Berlinerin ist jedoch riesig, kein anderer deutscher Teilnehmer steht so im Rampenlicht.

AP

Die Frage musste kommen und sie ließ Britta Steffen - wenn auch kaum merklich - auf ihrem Stuhl zusammenzucken. Wie wichtig ein guter Start bei den Olympischen Sommerspielen denn sei, wurden die vier anwesenden deutschen Schwimmer bei der letzten Pressekonferenz vor dem Abflug nach London gefragt. Die Blicke sämtlicher Journalisten richteten sich auf sie: Britta Steffen.

Ein Jahr ist es jetzt her, dass sie bei der Weltmeisterschaft in Shanghai alles andere als einen guten Start erwischte. Als zweifache Titelverteidigerin war Steffen nach China gereist, hatte bei der WM 2009 in Rom jeweils in Weltrekordzeit Gold über 50 und 100 Meter Freistil gewonnen. In Shanghai schwamm sie zunächst lausige Zeiten, sagte dann frustriert sämtliche weiteren Starts ab und flüchtete schließlich von der WM.

Vor diesem Hintergrund war die Gute-Start-Frage fast ein wenig gemein, weshalb sich Steffens Lebensgefährte Paul Biedermann genötigt sah, einzuspringen. "Ein guter Start ist natürlich wichtig", sagte der 25-Jährige, der bei den Männern die deutsche Medaillenhoffnung ist. Das durften dann auch Jan-Philip Glania und Alexandra Wenk, die beiden Nachwuchshoffnungen bei dem Pressetermin in Hamburg, noch einmal wiederholen, bevor Steffen nicht mehr umhinkam, zu antworten. "Wir werden das schon schaukeln", sagte sie nur.

Der Druck auf Steffen ist riesengroß

Britta Steffen wirkte in diesem Moment sehr angespannt, aber wer will ihr das verdenken? Im gesamten, 392 Athleten umfassenden deutschen Kader für London gibt es wohl keinen anderen Sportler, der so im Fokus steht wie die 28-Jährige. Vielleicht noch Robert Harting, Diskus-Weltmeister 2009 und 2011, aber von dem erwartet man nur eine Goldmedaille. Steffen möge doch bitte wieder zwei davon abliefern, so wie vor vier Jahren in Peking, als sie über 50 und 100 Meter Freistil siegte.

"Als Titelverteidigerin hinzufahren ist schon eine Bürde", sagte Britta Steffen vor der Presse mit leiser Stimme. Der Druck auf sie ist riesengroß, das scheint sie mehr und mehr zu spüren.

Es ist mittlerweile so, dass sich die Berlinerin ungeachtet ihrer großen Erfolge bei jeder Großveranstaltung wieder neu beweisen muss. Insgesamt 23 Medaillen bei Olympischen Sommerspielen sowie Welt- und Europameisterschaften hat sie bislang geholt, davon je zweimal Olympia- und WM-Gold sowie neunmal EM-Gold. Zudem hält sie aktuell den Weltrekord über 50 und 100 Meter Freistil. Einen Bonus genießt sie deswegen aber noch lange nicht, öffentliche Gnade gibt es nach schwachen Ergebnissen keine.

"Mir kann nichts mehr passieren, es ist nur Schwimmen"

Es ist wohl das Schicksal großer deutscher Schwimmer, dass sie trotz ihrer vielen Siege immer besonders kritisch gesehen werden. Michael Groß hat das erlebt, der Doppel-Olympiasieger von Los Angeles 1984, der in seinen schlechten Zeiten als flügellahmer Albatros verspottet wurde. Auch Franziska van Almsick, dekoriert mit Olympia-Silber und WM-Gold, wurde vom Darling des deutschen Schwimmsports zu "Franzi van Speck", wie der Boulevard titelte. Und Steffens Doppelsiege bei den Spielen 2008 und bei der WM 2009 schützten sie nicht davor, nach ihrer Flucht aus Shanghai heftig in die Mangel genommen zu werden.

"Ich bin ganz, ganz unten gewesen. Mir kann nichts mehr passieren, es ist nur Schwimmen", sagt Steffen und es scheint, als wären diese Worte wie ein Panzer, den sie sich gegen Kritik von außen zugelegt hat. Rückschläge hat sie schließlich schon genügend erlebt.

Nach den Olympischen Sommerspielen 2004 fiel Steffen mit 20 Jahren in ihr erstes großes Loch. Sportlich verliefen die Wettkämpfe in Athen enttäuschend, weshalb Steffen ihr Studium in Wirtschaftsingenieurwesen für Umwelt und Nachhaltigkeit aufnahm. Fast ein Jahr, bis August 2005, trainierte sie kaum. Als Steffen bei der EM 2006 in Budapest an den Start ging, hatte sie fast zwei Jahre keinen großen Wettkampf mehr bestritten - und wurde mit viermal Gold und einmal Silber die überragende Athletin in Ungarn.

Es folgten medaillenreiche Jahre 2007 bis 2009, ehe sich Steffen erneut eine Auszeit gönnte. Dieses Mal handelte es sich aber wohl eher um eine selbst verordnete Pause, vor allem für den Kopf. Steffen schloss ihr Studium ab und machte ihre Beziehung zu Biedermann öffentlich. Doch anders als 2006 wurde ihr Wettkampf-Comeback nach längerer Auszeit 2011 zum Desaster. Daher will sie - entgegen der öffentlichen Meinung - auch nichts von Gold in London wissen. "Eine Medaille wäre schon ganz groß", sagt Steffen.

Wie gut sie trotz des WM-Debakels vor einem Jahr in Form ist, bewies sie bei der EM Ende Mai in Ungarn, wo sie wieder auf der internationalen Bühne auftauchte und dabei dreimal Gold sowie einmal Silber gewann. Zwar war in Debrecen die starke Konkurrenz aus den USA logischwerweise nicht vertreten. Doch die kontinentalen Titelkämpfe zeigten, dass mit Britta Steffen in London wieder zu rechnen ist - wenn sie am Samstag mit der 4x100-Meter-Freistil-Staffel einen guten Start erwischt.

insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
stranzjoseffrauss 27.07.2012
1. Mal sehen ...
... welche Ausreden sie nachher dieses Jahr abgibt. Immerhin kostet ihr Business-Class-Ticket für den Rückflug den Steuerzahler diesmal nicht soviel.
hopfenguru 27.07.2012
2. no hope without dope
wetten das sie in kein finale kommt, völlig überschätzt, aus dem nichts gekommen und dorthin wieder verschwunden, obwohl vielleicht bekommt sie ja mal nen lila werbevertrag, dann ist wenigstens das täglich brot gesichert
würstl 27.07.2012
3. Logisch bei 23 Medaillien
Zitat von hopfenguruwetten das sie in kein finale kommt, völlig überschätzt, aus dem nichts gekommen und dorthin wieder verschwunden, obwohl vielleicht bekommt sie ja mal nen lila werbevertrag, dann ist wenigstens das täglich brot gesichert
Ja ne ist klar, dass die völlig überschätzt wird bei 23 Medallien. Die bekommt man nämlich immer, wenn man keine Leistung bringt. So ist das im Sport eben- keine Leistung aber trotzdem Weltmeister/ Weltrekordhalter/Olympiasieger und Europoameister- ne also wirklich
nichtssagender 27.07.2012
4.
Zitat von stranzjoseffrauss... welche Ausreden sie nachher dieses Jahr abgibt. Immerhin kostet ihr Business-Class-Ticket für den Rückflug den Steuerzahler diesmal nicht soviel.
mich würde mal ihr wissen um die ticketpreise der sportler interessieren? soweit ich informiert bin geht es da nur in der holzklasse zu wettkämpfen!
boatrunner 27.07.2012
5. Und immer wieder...
...diese niveaulosen Kommentare. Warum schreiben Leute über Dinge, die sie eigentlich gar nicht interessieren? Aber für manche liegt die Weisheit eben im Hopfen plus der typisch deutsche Neidfaktor
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