Bronze am Reck Das Hambüchen-Drama

Der Frust sitzt tief: Fabian Hambüchens Traum vom olympischen Gold in seiner Paradedisziplin - dem Reck - ist geplatzt. Hinter dem 20-Jährigen liegen turbulente Tage, vor ihm dennoch glänzende Aussichten für seine sportliche Zukunft.

Von Susanne Rohlfing, Peking


Als Fabian Hambüchen in die Halle kommt, pustet er Luft durch seine Lippen und lässt sie vibrieren wie ein kleiner Junge, der noch unsicher ist, was er alles für Töne produzieren kann. Später sitzt der 20-Jährige auf einer Bank, die Beine lang ausgestreckt auf einer Sporttasche abgelegt, die Arme verschränkt, der Gesichtsausdruck schmollend. Wie ein Schuljunge, der nicht mehr mitspielen darf. Und am Ende verlässt ein gereifter Fabian Hambüchen das National Indoor Stadion in Peking. Um seinen Hals hängt eine olympische Bronzemedaille. Das ist weniger, als sich der Turner für das Einzelfinale am Reck vorgenommen hatte. Aber es ist genug, um nach vorn zu schauen. "Eine Bronzemedaille ist klasse", sagt Hambüchen, und: "Ich bin glücklich damit und hebe mir noch etwas auf für London. Wenn es da klappt, ist gut, und wenn nicht, habe ich wenigstens einmal in meinem Leben Bronze gewonnen bei Olympischen Spielen."

Als er das sagt, hat er schon eine Weile nachgedacht und den ersten Frust runtergeschluckt. Nach drei vierten Plätzen im Team-Mehrkampf, am Boden und kurz vor dem Reckfinale noch am Barren, hat der Weltmeister an seinem Paradegerät die letzte Chance genutzt, doch noch eine Medaille zu gewinnen. Besser waren nur der Chinese Zou Kai (16,200 Punkte) und Jonathan Horton (16,175 Punkte) aus den USA. Hambüchen bekam 15,875 Punkte und lag damit deutlich unter seiner Weltrekordwertung von 16,65 Punkten.

Weil weltweit niemand so schwierige Elemente so gekonnt aneinanderreihen kann wie Fabian Hambüchen, und weil ihm das in den Monaten vor den Olympischen Spielen immer wieder so verlässlich gelungen war, schien ihm der Olympiasieg nicht zu nehmen. In der Qualifikation lief auch noch alles nach Plan: Ohne an seine Grenzen gehen zu müssen, bekam Hambüchen 16,200 Punkte, mehr als jeder andere im Feld und so viele wie am Dienstagabend vor 18.000 Zuschauern Zou Kai bei seinem Olympiasieg.

"Fabian hat die Ohren nicht hängen lassen"

Das Hambüchen-Drama begann im Mannschaftsfinale. Er fasste daneben und musste vom Gerät. Im Einzel-Mehrkampf-Finale ging es weiter: Wieder ein Fehlgriff und eine harte Landung auf der Matte. Mit der Bronzemedaille um den Hals sagt Hambüchen: "Ganz ehrlich, das war einfach nicht meine Woche an dem Ding." Sein Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen betonte jedoch: "Den Fabian hat ausgezeichnet, dass er die Ohren nicht hat hängen lassen, wenn es mal nicht so lief. Andere machen Fehler und bauen dann ganz ab." Zwei Stürze hatte es gegeben im Reckfinale, und der Italiener Igor Cassina, der als Letzter ans Gerät musste und es in der Hand hatte, Hambüchen Bronze noch zu nehmen, baute einige Wackler ein.

Das war der Moment, als der schmollende Gesichtsausdruck in Hambüchens Gesicht einem vorsichtigen Lächeln wich. Er war doch dringeblieben im großen Spiel um die Medaillen. Er drehte eine Runde, ließ sich gratulieren und gratulierte. Dem Chinesen hielt er einen Vortrag: "Das war gar nicht so viel, aber ich musste langsam sprechen, damit er es versteht", erklärt Hambüchen. Er habe Zou Kai gesagt, dass er eine tolle Übung geturnt und den Sieg verdient habe. Diese "verdammte Goldmedaille", wie Hambüchen das ehemalige Ziel seiner Träume inzwischen schon nennen kann.

Wenn deutsche Athleten zu internationalen Turngrößen aufstiegen, dann war es immer wieder am Reck, an dieser 2,40 Meter langen, in 2,55 Meter Höhe verspannten Stange. Vielleicht liegt es daran, dass das Reck in Friedrich Ludwig Jahn, genannt "Turnvater Jahn", einen deutschen Erfinder hat. Vielleicht auch daran, dass der erste Olympiasieger am Reck 1896 Hermann Weingärtner hieß und aus Frankfurt (Oder) kam. Zur großen Turnnation ist Deutschland deshalb nicht geworden, doch die wenigen Stars waren Reckturner: 1974 avancierte Eberhard Gienger zum Weltmeister, 1996 wurde Andreas Wecker Olympiasieger. Und im vergangenen Jahr bei der Heim-WM in Stuttgart tat es Hambüchen Gienger nach.

Gienger, inzwischen Vizepräsident Leistungssport im DOSB, hatte schon im Vorfeld vor zu großen Erwartungen gewarnt: "Wenn da nur eine Kleinigkeit dazwischenkommt, kann eine wunderbare Vorbereitung kurzfristig kaputtgehen." Die Kleinigkeiten hatten sich in Peking für die Familie Hambüchen gehäuft. Der Vater wurde krank, der Sohn zog sich eine Kapselverletzung im Finger zu und patzte zweimal am Reck. Im Finale setzte er den Schwung nach einem Adler mit ganzer Schraube in die falsche Richtung fort und verlor wichtige Zehntel in der A-Note, der Bewertung des Schwierigkeitsgrads. Dass er trotzdem noch Bronze gewann, verdankt er seiner Routine auf hohem Niveau, die ihm erlaubte, hochkarätig zu improvisieren.

Als alles vorbei ist, kann der 20-Jährige sehr schnell sehr abgeklärt über das reden, was da passiert ist. Er spricht von einer "fast schon dummen Einstellung", die er gehabt habe, weil er nur diese eine Medaille wollte. Die goldene. "Das kann man sich ja erhoffen und wünschen", sagt Hambüchen, "aber wenn man sich dann so darauf fixiert, dass man sich im ersten Moment gar nicht über Bronze freuen kann, muss man sich echt überlegen, was man da die letzten Tage und Monate gemacht hat."

Er schüttelt den Kopf. Er will gar nicht drüber nachdenken. Er will wieder Spaß haben am Turnen. Deshalb freut er sich jetzt auf die Turngala am Mittwoch in Peking. Eine bunte Show der Besten. Ganz ohne Druck.

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Seite 1
Labyrindenhirne 19.08.2008
1.
Zitat von sysopTurner Fabian Hambüchen ist bei den Olympischen Spielen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. In seiner Paradedisziplin - dem Reck - holte er immerhin zum Abschluss noch Bronze. War die Fingerverletzung schuld an dem unbefriedigenden Abschneiden? Oder war die Konkurrenz einfach zu stark?
Oder Hambüchen zu schwach? Auf jeden Falllag es NICHT an der Konkurrenz , dass ihm am Reck leichte Fehler unterliefen.Ob es die Fingerverletzung gewesen ist, bleibt fraglich. Ich vermute seine Abstürze zu Anfang der Wettkämpfe haben an seinem noch jungem Nervenkostüm paar Kratzer hinterlassen.Auch die dadurch mögliche Übermotivation, jetzt alles besser machen zu wollen , könnte negativ dareingespielt haben. Macht nichts, Kopf hoch, weiterüben, die nächste Möglichkeit bekommt er mit Sicherheit noch. Aber dann hat er schon diese Erfahrung, die wohl alle machen müssen, schon abgehackt :)
takeo_ischi 19.08.2008
2.
Zitat von sysopTurner Fabian Hambüchen ist bei den Olympischen Spielen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. In seiner Paradedisziplin - dem Reck - holte er immerhin zum Abschluss noch Bronze. War die Fingerverletzung schuld an dem unbefriedigenden Abschneiden? Oder war die Konkurrenz einfach zu stark?
Es ist wohl gerade diese abnorme Erwartungshaltung, die ihm von Seiten der Medien entgegengebracht wurde. Wenn man wie hier lesen muss 'immerhin noch Bronze'. Bronze bei Olympia ist mehr als der durchschnittliche Medienfuzzie je erreichen wird. Hambüchen selbst hat diesen Erwartungsdruck sehr ernst genommen. Wollte alles und hat sich zur Motivation die Ziele ganz hoch gesetzt, somit ist jetzt auch die Enttäuschung ziemlich hoch. Unvermögen kann ich nicht erkennen, nur er hat in seinen jungen Jahren dem Favoritendruck nicht standgehalten. Das Verletzungspech spielt da eher eine psychologische Rolle.
Muggenhorst, 19.08.2008
3.
Zitat von sysopTurner Fabian Hambüchen ist bei den Olympischen Spielen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. In seiner Paradedisziplin - dem Reck - holte er immerhin zum Abschluss noch Bronze. War die Fingerverletzung schuld an dem unbefriedigenden Abschneiden? Oder war die Konkurrenz einfach zu stark?
Ich denke mal, hier war der Druck (auch von der Medienseite )nach den Pannen zuvor einfach zu groß. Sowas kann passieren. Allerdings fand ich die Kampfrichterentscheidung über Platz eins und zwei wieder einmal zu Gunsten des Gastgebers ausgelegt. Für mich hatte Jonathan Horton eindeutig gewonnen, dessen Übung ich auch deutlich schwieriger fand als die des Chinesen. Die Turnexperten hier mögen mich korrigieren.
dj1204, 19.08.2008
4.
Zitat von sysopTurner Fabian Hambüchen ist bei den Olympischen Spielen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. In seiner Paradedisziplin - dem Reck - holte er immerhin zum Abschluss noch Bronze. War die Fingerverletzung schuld an dem unbefriedigenden Abschneiden? Oder war die Konkurrenz einfach zu stark?
Empfinde die Ausgangsfrage auch als Frechheit. Von "Unvermögen" zu sprechen, ist doch wohl bei jemanden, der in zwei Disziplinen weltweit viertbester und in der dritten sogar drittbester geworden ist, ein wenig übertrieben. Möchte mal den sysops beim turnen zugucken.
Robert Hut, 19.08.2008
5. Chuzpe
Wer denkt sich beim Spiegel eigentlich solche Fragen aus? Unglaublich.. OT: Ich ziehe grundsätzlich alle Chinesischen Medaillen ab, da die 100% bis zum geht nicht mehr gedopt sind.. zählen für mich einfach nicht.. und der Chef-Dopingtester ist Chinese: http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,572261,00.html
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