Aufstieg der Brooklyn Nets Erst Murks, dann Marks

Über Jahrzehnte waren die Nets in der NBA erfolglos. Dann kamen Manager Sean Marks und Stars wie Kevin Durant und Kyrie Irving - und plötzlich ist ein Titel in Sicht. Was ist geschehen?

Brooklyn-Nets-Spieler Caris LeVert, Jarrett Allen, Quincy Acy
Michael Dwyer/ picture alliance/ AP Images

Brooklyn-Nets-Spieler Caris LeVert, Jarrett Allen, Quincy Acy

Von


Kevin Durant, Kyrie Irving und DeAndre Jordan in einem Sommer. Über Nacht sind die Brooklyn Nets zum interessantesten Team der NBA geworden, ein Titelkandidat für die kommenden Jahre. Vor diesen spektakulären Verpflichtungen waren die Nets eine graue Maus, ohne Superstars und chronisch erfolglos. Wer ist dieses Team, das nun drei der begehrtesten Spieler der Liga an sich binden konnte?

Die Geschichte beginnt 1976 - dem Jahr, in dem sich die NBA die Konkurrenzliga ABA (American Basketball Association) einverleibte. Zuvor hatte die Basketball-Ikone Julius Erving ("Dr. J") die New York Nets, damals noch auf Long Island in New York City beheimatet, zweimal zum ABA-Titel geführt. In der neuen Liga tat sich das Team jedoch schwer.

Nach Ervings Abgang zu den Philadelphia 76ers zogen die Nets 1977 nach New Jersey um und kamen bis zur Jahrtausendwende nur einmal (1984) über die erste Playoff-Runde hinaus. Zur Saison 2001/2002 gelang schließlich die Verpflichtung von Jason Kidd, der das Team auf Anhieb bis in die NBA-Finals führte. Dort unterlagen die Nets jedoch den Los Angeles Lakers sowie im zweiten Anlauf ein Jahr später den San Antonio Spurs. In der Kidd-Ära, die bis 2008 währte, erreichte das Team danach nie wieder auch nur das Halbfinale.

Rebranding in Brooklyn

Kidd wechselte nach Dallas, wo er mit Dirk Nowitzki 2011 den Titel gewann. Sein altes Team dümpelte vor sich hin und versuchte vergeblich, namhafte Spieler an Bord zu holen. So hatten die Nets 2010 den Plan, mit LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh in die nächste Spielzeit zu gehen. Die drei Superstars waren zu dem Zeitpunkt vertragslos, die halbe Liga war an einer Verpflichtung interessiert.

Um James, Wade und Bosh zu überzeugen, sollte vor allem der Musiker Jay-Z helfen, der 2005 Anteile an den Nets gekauft hatte - allerdings bloß eineinhalb Prozent. Mit dem russischen Milliardär Michail Prochorow, seit 2009 Mehrheitseigner, verfügte das Team über die nötigen Finanzmittel - zudem befand sich bereits eine neue Arena inmitten des New Yorker Stadtteils Brooklyn im Bau. Der Plan ging nicht auf, das Star-Trio vereinte seine Kräfte bei Wades altem Team Miami Heat, der Rest ist Geschichte.

Fotostrecke

10  Bilder
NBA-Team Brooklyn Nets: Jahrelang erfolglos - plötzlich Titelkandidat

Weil dem Kader unbedingt ein Star hinzugefügt werden sollte, holten die Nets zwischen 2011 und 2012 zunächst Deron Williams von Utah Jazz und anschließend Gerald Wallace von den Portland Trail Blazers, für die sie talentierte Spieler und wichtige Draftpicks abgaben. Sportlich gab es kaum Verbesserung.

Im Herbst 2012 fand schließlich der Umzug nach Brooklyn statt. Die rot-weiß-blauen Trikots tauschten die Nets gegen schwarz-weiße, auch das Logo wurde erneuert. Jay-Z gab zur Eröffnung der Arena ein Konzert, zu dem der aus Brooklyn stammende Rapper per U-Bahn und zu Fuß anreiste. Häufig sah man Jay-Z mit Ehefrau Beyoncé am Spielfeldrand sitzen, der erfolgreiche Musiker fungierte als Galionsfigur für die neue Marke. Die Nets inszenierten sich als Antithese zu den New York Knicks, dem Mainstream-Team in Manhattan, dessen Ruhm auf früheren Erfolgen gründet.

Beyoncé (r.), Jay-Z: Mit dem Rapper und Unternehmer wurde der Umzug nach Brooklyn vermarktet
Getty Images

Beyoncé (r.), Jay-Z: Mit dem Rapper und Unternehmer wurde der Umzug nach Brooklyn vermarktet

"Schlechtester Trade der Geschichte"

Der damalige Nets-Manager Billy King legte es krampfhaft auf weitere Star-Verpflichtungen an - und zahlte dafür einen hohen Preis. Im Juli hatten die Nets die Verträge von Williams, Brook Lopez und Wallace für insgesamt rund 55 Millionen US-Dollar Jahresgehalt erneuert. Hinzu kam Joe Johnsons Salär von knapp 20 Millionen jährlich.

Pünktlich zum Neustart in Brooklyn hatten die Nets vier Stars im Kader. Sportlich enttäuschte die Mannschaft aber, sodass es im Juli 2013 zu einem denkwürdigen Trade mit den Boston Celtics kam. Für fünf Spieler und vier Draftpicks kamen im Tausch Kevin Garnett (37 Jahre), Paul Pierce (36) und Jason Terry (36) nach Brooklyn. Die Nets gingen "all in", holten Kidd als Cheftrainer zurück - und verzockten Haus und Hof. Das Alter machte sich bemerkbar, Verletzungsprobleme kamen hinzu und nur zwei Jahre später hatten alle drei Profis das Team wieder verlassen.

Aus den Draftpicks, die Brooklyn für die vielen Verpflichtungen abgegeben hatte, ergaben sich Portlands Damian Lillard sowie die beiden Celtics-Talente Jayson Tatum und Jaylen Brown.

Plötzlich geht alles ganz schnell

Im Februar 2016 musste King, der das Debakel zu verantworten hatte, seinen Hut nehmen. Als Ersatz wurde Sean Marks von den San Antonio Spurs abgeworben. Der neue Manager sortierte viele Spieler aus und setzte auf Talente, die andere Teams übersehen hatten. So ergab sich ein überraschend starker Kader mit Spielern wie Spencer Dinwiddie, Jarrett Allen und Caris Levert, zu denen 2017 auch D'Angelo Russell stieß.

Vergangene Saison wurden die Nets Sechster der Eastern Conference und Russell wurde zum All-Star gewählt. In den Playoffs war zwar in der ersten Runde gegen Philadelphia Schluss, doch die Reputation des Teams war deutlich verbessert worden. Mit einem weiteren Trade Anfang Juni schuf sich Brooklyn den nötigen Gehaltsspielraum für Durant, Irving und Jordan. Mit Start der Transferperiode sagten alle drei zu. Mitbewerber um die Dienste des Star-Trios waren unter anderem die Knicks am anderen Ende der Stadt gewesen.

Jay-Z musste seine Anteile an den Nets übrigens vor sechs Jahren verkaufen, um eine Spielerberater-Agentur gründen zu dürfen, bei der mittlerweile auch europäische Fußballer wie Jérôme Boateng und Kevin De Bruyne unter Vertrag stehen. Jay-Zs erster Klient damals war Durant - diesen Sommer kam Irving hinzu. Kurz vor dem Wechsel beider nach Brooklyn.

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Der_schmale_Grat 04.07.2019
1. Informativer Artikel
Spannend zu lesen, auch wenn mir einiges schon geläufig war, eine klasse Zusammenfassung. Es bleibt aber abzuwarten, wie die immer wieder gehypten Teams real abschneiden. Das Super-Team aus Miami hat ja 2011, als sie ihren ersten Titel einfahren wollten, gegen einen dünnen und erkrankten Deutschen, einen alten Spielmacher und ein paar anderen "abgenutzten" Männern sang- und klanglos verloren.
Turbo 04.07.2019
2. Spannend
Gute Zusammenfassung. Etwas zu kurz kommt allerdings die Jason Kidd Ära mit den 2 NBA Finalteilnahmen, die aktuell noch weit vor allem steht. Die NJ Nets waren ab 2002 das angesagteste Team an der Ostküste mit einem modernen, schnellen Basketball und starker Defense und eigenen gedrafteten Spielern, die sich kontinuierlich entwickelt hatten. Als später Vince Carter dazustieß, waren die Nets über Jahre eigentlich ein fester Playoff-Kandidat. Rod Thorn als Manager und ehemaliger NBA-Chef gab dem Verein große Glaubwürdigkeit. Dass Jason Kidd, der in seiner Blüte reihenweise Triple Doubles holte, nie den MVP Award gewann, war neben den beiden verlorenen Finalserien der wohl größte Wehrmutstropfen für den Verein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.