CAS-Entscheidung Deutsche Vielseitigkeitsreiter verlieren Gold

In einer der umstrittensten Entscheidungen in der Geschichte Olympischer Spiele hat der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Athen den deutschen Vielseitigkeitsreitern ihre beiden Goldmedaillen aberkannt. Das Urteil wurde mit Enttäuschung von der deutschen Delegation aufgenommen.


Bettina Hoy auf Ringwood Cockatoo: Riesengroße Enttäuschung
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Bettina Hoy auf Ringwood Cockatoo: Riesengroße Enttäuschung

Athen - Drei Tage nach ihrem Doppel-Triumph stehen die deutschen Vielseitigkeitsreiter mit leeren Händen da. Der CAS entschied am Samstag in Athen, dass der Goldmedaillen-Gewinn von Bettina Hoy und der Mannschaft nicht regelgerecht zustande gekommen ist. "Ich halte das für eine fürchterliche Entscheidung. Aber ich kann sie nicht ändern. Wir müssen sie akzeptieren", kommentierte Jürgen Thumann als Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) den Urteilsspruch.

Frankreich, das nun auf den Goldrang vor Großbritannien und den USA vorrückt, hatte mit den beiden anderen Ländern Einspruch vor der letzten Instanz des Weltsports erhoben. Ihr Gold im Einzel muss Bettina Hoy an die Britin Leslie Law abgeben. Silber geht an Kimberly Severson (USA), Bronze an Philippa Funnell (Großbritannien). Hoy fiel in der Einzelwertung auf den neunten Rang zurück. Die CAS-Entscheidung ist endgültig.

"Ich fühle mich beschissen", sagte Reinhard Wendt, Equipechef der deutschen Reiter in Athen, ungewohnt drastisch, "das ist für die Reiter mehr als eine Katastrophe, aber wir müssen dieses Urteil akzeptieren. Am liebsten wurde ich jetzt in der Ecke stehen und heulen." NOK-Präsident Klaus Steinbach und Chef de Mission des deutschen Olympia-Teams sprach von einer "bedauerlichen Entscheidung, die wir respektieren müssen. Die sportlich zweifelsfrei beste Reiterin Bettina Hoy hat am Grünen Tisch ihre verdiente Medaille verloren."

"Die Gerechtigkeit hat gesiegt"

Das CAS-Urteil wurde dagegen von den Franzosen mit Wohlwollen aufgenommen. "Die Gerechtigkeit hat gesiegt", sagte der französische Reiter Nicolas Touzaint, "diese Medaille ist eine brillante, unglücklicherweise gab es keine Marseillaise bei der Siegerehrung, kein Podium und auch keine Ehrenrunde."

Wendt war am Samstagnachmittag von Klaus Steinbach in dessen Eigenschaft als Chef de Mission informiert worden. Zunächst hatte Steinbach versucht, Hoy zu erreichen, die aber zu diesem Zeitpunkt im Flieger nach Deutschland saß. Dorthin waren Andreas Dibowski und Frank Ostholt bereits vor einigen Tagen zurückgekehrt, während Hinrich Romeike, nach der Entscheidung Fünfter und damit bester Deutscher, den Olympiaaufenthalt mit einem anschließenden Segeltörn verband. Lediglich Ingrid Klimke war noch im Olympischen Dorf in Athen. "Ich bin sprachlos", kommentierte Klimke die Entscheidung, "wir haben trotzdem verdient gewonnen. Wir haben alles gegeben. Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als die Medaillen zurückzugeben."

Basis der Kontroverse war eine Verkettung von Fehlern beim Hoy-Ritt in der Mannschafts-Entscheidung. Zunächst überquerte die 41-Jährige beim Springreiten während eines 45 Sekunden dauernden Countdowns die Startlinie ohne den ersten Sprung anzureiten. Bei Durchreiten der Lichtschranke sprang die Uhr jedoch nicht wie üblich auf Null und begann zu laufen, sondern es wurde von einem Zeitnehmer Sekunden später erneut der Countdown gestartet. Beim zweiten Überqueren der Startlinie lief alles planmäßig, Hoy gewann mit einem fehlerfreien Ritt die Team-Goldmedaille und behauptete ihren ersten Rang in der Einzelwertung.

Wenige Minuten nach dem Wettkampf kontrollierte die Ground Jury unter Vorsitz des deutschen Präsidenten Christoph Hess die Resultate und entschied auf einen Regelverstoß von Hoy. Die Zeit wurde vom ersten Überqueren der Linie an gemessen und resultierte in nachträglich aufgebürdeten 14 Zeitfehlerpunkten. Dadurch fielen das Team und Hoy in beiden Wertungen aus den Medaillen.

"Missmanagement beim Wettkampf"

Nach einem Protest der deutschen Teamleitung unter Führung des Ausschussvorsitzenden Jens Adolphsen, der an der Universität Halle eine Professur für Sportrecht hat, entschied daraufhin das Appeal Committee des Reiter-Weltverbandes FEI als Berufungsinstanz zu Gunsten der Reiterin. "Das Missmanagement beim Wettkampf durch die Jury darf die Athletin nicht benachteiligen", hatte Komitee-Mitglied Hugh Thomas begründet. Der CAS stellte in seiner Urteilsbegründung am Samstag allerdings fest, dass die Berufungskommission nicht für eine sporttechnische Frage dieser Art zuständig gewesen sei.

Am Samstag erklärte der griechische Komitee-Vorsitzende Freddy Serpieri, warum man den Protest am Mittwochabend angenommen hatte: "Unserer Meinung nach ging es nicht um einen technischen Fehler, sondern um die Interpretationen von Regeln. Deshalb waren wir der Überzeugung, dass wir zuständig sind." NOK-Vizepräsident Clemens Prokop kommentierte das Hickhack am Grünen Tisch: "Unsere Reiter sind hier Opfer eines Wirrwarrs bei der FEI geworden. Unter sportlichen Gesichtspunkten war Bettina Hoy zwei Mal die beste Reiterin. Durch das zweimalige Überqueren der Startlinie hatte sie keinen sportlichen Vorteil."



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