Reaktionen aufs Semenya-Urteil "Du bleibst unser Golden Girl"

Das Urteil des Sportgerichtshofes zum Fall Caster Semenya hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Für den DLV ist es ein "Bekenntnis zum Frauensport", Enttäuschung war aus Südafrika zu vernehmen.

Caster Semenya: Urteil spaltet die Fachwelt
Martin Rickett

Caster Semenya: Urteil spaltet die Fachwelt


Für den Deutschen Leichtathletik-Verband ist das Cas-Urteil im Fall Caster Semenya "ein klares Bekenntnis für den Frauensport in der bisherigen Klassifizierung". Der Spruch des Internationalen Sportgerichtshofs setze "auf die Chancengleichheit in einem sportlich fairen Wettkampf", sagte DLV-Präsident Jürgen Kessing in einer Erklärung.

Am Mittwoch hatte der Cas einen Einspruch der zweimaligen 800-Meter-Olympiasiegerin Semenya gegen die sogenannte "Testosteron-Regel" des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF abgewiesen. Die IAAF will über bestimmte Strecken (400 m bis Meile) einen Grenzwert für körpereigenes Testosteron von fünf Nanomol pro Liter einführen. Dies zwingt Athletinnen mit "Differences of Sexual Development" (DSD) wie Hyperandrogenämie dazu, ihren Testosteronwert, der teilweise deutlich über dem Grenzwert liegt, künstlich zu senken.

Bei dieser Entscheidung gehe es nicht um einen Sieg für den Weltverband IAAF und seinen Präsidenten Sebastian Coe oder eine Niederlage für Semenya, so der DLV-Chef, sondern vor allem um Klarheit in einem jahrelangen Prozess der Rechtsunsicherheit. "Mit dem Cas-Urteil sind die von der IAAF geplanten Regularien zu Testosteron-Limits nun ab sofort gültig", sagte Kessing. "Der Beschluss hat aus meiner Sicht nicht nur Auswirkungen für die Sportart Leichtathletik, sondern ist letztlich richtungsweisend für den gesamten Leistungssport."

"Aus zwei Perspektiven"

IAAF-Athletensprecher Thomas Röhler sieht die Entscheidung "aus zwei Perspektiven: Fairplay und Ethik schneiden sich in dem Fall sehr eng", sagte der Speerwurf-Olympiasieger der Deutschen Presse-Agentur. "Die Entscheidung sichert die Integrität und Identität des Wettbewerbs der Frauen." Die Regel müsse allerdings jetzt durchgesetzt und für die Zuschauer verständlich erklärt werden.

Eine deutliche Gegenstimme dazu kommt von Balian Buschbaum. Buschbaum, der als Yvonne Buschbaum vor seiner Geschlechtsangleichung mehrfach deutscher Stabhochsprungmeister der Frauen war, hat das Urteil kritisiert. "Schade, dass Caster Semenyas Anliegen von jemand be- und verurteilt wurde, der nie in ihren Schuhen gelaufen ist. Schade, dass Gerichte über Verstand und nicht mit Empathie entscheiden", sagte der 38-Jährige: "Mich würde wirklich interessieren, was Usain Bolt sagen würde, wenn man ihm Hormone gäbe, damit seine Beine schrumpfen. Nichts anderes verlangt man von Semenya."

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat nach dem Urteil auf die Komplexität des Falls Semenya verwiesen. "Wie schwierig die Entscheidung des Cas war, ist daran abzulesen, dass die Richter explizit darauf hinweisen, dass die Regel diskriminierend sei, aber argumentierten, dass sie notwendig sei, um die Chancengleichheit im Frauensport zu erhalten", teilte der DOSB mit.

Da das aktuelle Urteil allerdings explizit nur für wenige Lauf-Disziplinen in der Leichtathletik gelte, seien für die Zukunft "wohl weitere Verfahren zu erwarten. Hier scheint eine von Sportart zu Sportart sehr differenzierte Betrachtungsweise notwendig", hieß es weiter.

Rückendeckung aus Südafrika

Der DOSB denke seit geraumer Zeit unter Einbeziehung der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti) sowie des Bundesverbandes Intersexuelle Menschen über Möglichkeiten nach, "sowohl Sportlerinnen wie Caster Semenya gerecht zu werden, zugleich aber auch anderen Sportlerinnen, die ihre Chancengleichheit nicht gewährleistet sehen. Hier gilt es auch, mit den jeweiligen Sportverbänden nach praktikablen und fairen Lösungen zu suchen."

Mit Enttäuschung ist das Urteil in Semenyas Heimatland Südafrika aufgenommen worden. Südafrikas Sportministerin Tokozile Xasa machte der zweimaligen Olympiasiegerin aber auch Mut für ihre sportliche Zukunft. "Du bleibst unser Golden Girl. Du hast eine Nation geeint", sagte sie.

"Wir haben immer gesagt, dass diese Regeln auf den Menschenrechten und der Würde von Caster Semenya und anderen weiblichen Athleten herumtrampeln", betonte das Ministerium für Sport und Freizeit in einer Erklärung. Das Urteil sei "enttäuschend".

aha/sid/dpa



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weltverbesserer75 02.05.2019
1.
Woher nehmen wir uns das Recht, darüber zu entscheiden, wer Mann und wer Frau ist? Das kann nur eine einzige Person wissen und fühlen: die betroffene Person selbst. Auch wenn es vielen (meist älteren) Floristen nicht gefällt: die klaren Grenzen zwischen den Geschlechter verschwinden immer mehr.
jochenbergerhoff 02.05.2019
2. Nichts hinzuzufügen
Der Reaktion aus Südafrika ist nichts hinzuzufügen. Ich würde mir mehr Solidarität der deutschen Sportler für Frau Semanya wünschen, wenn unsere Funktionäre dazu nicht in der Lage sind.
kub.os 02.05.2019
3.
Zitat von weltverbesserer75Woher nehmen wir uns das Recht, darüber zu entscheiden, wer Mann und wer Frau ist? Das kann nur eine einzige Person wissen und fühlen: die betroffene Person selbst. Auch wenn es vielen (meist älteren) Floristen nicht gefällt: die klaren Grenzen zwischen den Geschlechter verschwinden immer mehr.
Und wo liegt jetzt die Lösung des Problems? Als älterer Florist (lustig; Flower-Power-Generation?) sind mir die Zuordnungsprobleme schon bekannt. Wäre aber schon doof, wenn sich ein Usain Bolt wie ein junges Mädchen fühlt und sich beim Damensprint anmeldet...
alexmagnus 02.05.2019
4. Es geht hier nicht mal um Gefühle
Sie ist genetisch weiblich. Hat nur von Natur aus "männliche" Hormonwerte (und daher auch keine Geschlechtsorgane, weder männlich noch weiblich). Sagt mal, diejenigen, die ihren Ausschluss befürworten - würdet ihr einen genetischen Mann mit weiblichen Hormonwerten bei den Frauen starten lassen? Unser Verständnis von Geschlecht ist in derartigen Grenzfällen sehr willkürlich - mal entscheiden die Gene, mal die Hormone, mal die Selbstidentifikation, mal die Geschlechtsorgane. Leute, wenn ihr schon diese unsinnige Geschlechtertrennung im Sport habt, legt euch endlich auf EIN Kriterium fest und urteilt danach ohne Wenn und Aber. Auch wenn mal eine Frau nach eurem Kriterium von allen als Mann angesehen wird oder umgekehrt. Sonst ist das Willkür in höchstem Maße.
emil_erpel8 02.05.2019
5.
Eine menschenverachtende Entscheidung. Frau Semenya wird aufgrund ihrer genetischen Ausstattung diskriminiert. Das gibt ja sogar der CAS zu. Um diese Diskriminierung abzustellen, soll sie sich "in Therapie" begeben, d.h. mit nebenwirkungsreichen Medikamenten vollpumpen. Man sollte doch meinen, aus solchen Zeiten wären die modernen Gesellschaften raus. Selbstverständlich haben Sportlerinnen und Sportler verschiedene, vor- oder nachteilhafte genetische Ausstattungen. Mit beidem müssen sowohl die Sportlerinnen und Sportler leben als auch die Konkurrenz. Man kann nur hoffen, daß Frau Semenya im Interesse aller Sportlerinnen und der Gesellschaft den Rechtsweg weiter beschreitet. Daß der europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine solche Entscheidung akzeptiert, erscheint mir undenkbar.
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