Daniel Raecke

Cas-Entscheidung gegen Caster Semenya Völlig vermessen

Der Leichtathletik-Weltverband will die Läuferin Caster Semenya zwingen, ihren Hormonspiegel zu manipulieren - und hat vor Gericht Recht bekommen. Dürfen jetzt Funktionäre entscheiden, wer eine Frau ist und wer nicht?
Caster Semenya nach ihrem Sieg über 1500 Meter bei den Commonwealth Games

Caster Semenya nach ihrem Sieg über 1500 Meter bei den Commonwealth Games

Foto: Martin Rickett/ dpa

Kennen Sie Tacko Fall? Tacko Fall ist ein im Senegal geborener Mann, der vier Jahre an der University of Central Florida studiert hat und dort College-Basketball gespielt hat. Fall ist nicht der beste Basketballer des Planeten, aber er ist 2,29 Meter groß, was ihn zu einem der größten lebenden Menschen der Welt macht. Und ein 229 Zentimeter großer Mensch will erstmal verteidigt werden im Basketball.

Niemand ist auf die Idee gekommen, Fall deshalb von Wettkämpfen auszuschließen. Im Gegenteil: Das Duell seines UCF-Teams mit der favorisierten Duke University gehörte bei der College-Meisterschaft im März zu den spektakulärsten Spielen. Falls naturgegebene Vorteile in seinem Sport werden von Basketballfans, gegnerischen Spielern und den Medien klaglos akzeptiert.

Ganz anders sieht es im Fall Caster Semenya aus. Die südafrikanische Läuferin muss sich dafür rechtfertigen, dass sie auffällig hohe Testosteronwerte hat. Der Leichtathletik-Weltverband IAAF kämpft seit Jahren dafür, Semenya entweder von Wettkämpfen auszuschließen oder sie durch Regeländerungen zu zwingen, ihre Leistungsfähigkeit durch Einnahme von Medikamenten zu verringern.

"Diskriminierend, aber passt schon"

Dass der internationale Sportgerichtshof Cas dem Verband jetzt recht gegeben und den Einspruch Semenyas zurückgewiesen hat, ist ebenso überraschend wie skandalös: Das Gericht erkennt sogar an , dass diese Praxis diskriminierend ist, hält sie aber trotzdem für "gerechtfertigt und verhältnismäßig". Dazu muss man wissen, dass die IAAF bereits 2015 mit dem Versuch gescheitert war, die indische Sprinterin Dutee Chand aufgrund ihrer erhöhten Testosteronwerte von Wettkämpfen auszuschließen.

Jetzt hat der Verband eine Studie vorgelegt, die auf wenige Laufstrecken beschränkt ist, zwischen 400 Meter und einer Meile. Hier sei der testosteronbedingte Wettbewerbsvorteil besonders hoch. Praktischerweise genau auf den Distanzen, auf denen Semenya aktiv ist.

Der Cas findet es vertretbar, im Sinne der "Fairness" Frauen dazu zu zwingen, ihre natürlichen Hormonwerte durch Einnahme von Medikamenten zu senken, wenn sie ihren Sport ausüben wollen - Zwang zum Doping.

Wie der Verband angibt, könnten Athletinnen ihre Testosteronwerte "durch Einnahme normaler Verhütungsmittel senken", wie der Cas zustimmend zitiert. Ganz davon abgesehen, dass die Nebenwirkungen solcher Medikamente die sportlichen Fähigkeiten auf mehreren Ebenen beeinträchtigen können: Wie kann es sein, dass so ein Eingriff in die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen von Verband und Sportgericht als "verhältnismäßig" gebilligt wird? Weil nur eine kleine Minderheit von Frauen von dieser Regel betroffen ist?

"Die nächste Generation von Athletinnen verlieren"

Laut IAAF liegen die Hormonwerte von 99 Prozent aller Frauen innerhalb der erlaubten Grenzwerte. Was es umso erstaunlicher macht, dass der Verband noch im Februar warnte , wenn Semenya laufen dürfe, drohe man "die nächste Generation von Athletinnen zu verlieren". Wie das? War zu erwarten, dass das eine Prozent von Frauen mit auffälligen Hormonwerten fortan alle Mittelstreckenwettbewerbe der Welt fluten würde?

Die Praxis der IAAF im Fall Semenya legt nahe, dass es um etwas ganz anderes geht: Hier gibt es eine erlaubte Norm, der alle Athletinnenkörper angepasst werden sollen.

Man muss kein Judith-Butler-Seminar besucht haben, um den Verdacht zu hegen, dass es hier nicht nur um "sportliche Fairness" innerhalb bestimmter Laufstrecken geht. Sondern um die grundsätzliche Unterscheidung der Sportwelt in Männer und Frauen, ohne die vermeintlich die Ordnung der gesamten Gesellschaft zusammenbrechen würde.

Es geht gar nicht um Fairness

Dabei geht es im Fall Semenya wohlgemerkt nicht um ein "drittes Geschlecht". Die IAAF zweifelt gar nicht (mehr) an, dass Semenya rechtlich gesehen eine Frau ist. Aber sie behandelt sie sportlich dennoch einfach als Mann. Weil sie festlegt, wer dazu gehört und wer nicht. Und das nicht anhand von Beinlängen oder Lungenvolumen, sondern anhand gemessener Sexualhormone. Es geht also gar nicht um Fairness als solche.

Die Praxis der IAAF ist vielmehr dazu geeignet, Sprüche wie "die sieht ja aus wie ein Mann", die Sportlerinnen sich seit Jahrzehnten anhören müssen, mit einer willkürlichen Regel zu bestätigen. Und das ist noch nicht mal das Schlimmste am Urteil des Cas. Das Schlimmste ist, dass das wichtigste Sportgericht der Welt es gerade für angemessen erklärt hat, dass Frauen dazu gezwungen werden, Medikamente zu nehmen, wenn sie ihren Sport ausüben wollen.

Es gibt nur eine gute Nachricht: Der Berufungsweg an ordentliche Schweizer Gerichte steht Semenya offen. Bis dahin aber darf sie nicht mehr als der Mensch starten, der sie ist. Solche Probleme wird Tacko Fall nie bekommen.

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