Leichtathletikstar Semenya Sie will nur laufen

Caster Semenya ist ein Weltstar im Laufsport - und gleichzeitig begleitet sie der Argwohn von Verband und Konkurrenz, Fragen nach ihrem Geschlecht. Über den unwürdigen Streit über ihre hohen Testosteronwerte.
Caster Semenya aus Südafrika bei einem Wettkampf in Zürich

Caster Semenya aus Südafrika bei einem Wettkampf in Zürich

Foto: imago/ Xinhua

Caster Semenya hat in ihrer Laufkarriere viele Titel gesammelt: zweifache Olympiasiegerin, zweifache Weltmeisterin, Siegerin bei den Commonwealth Games, Afrikaspielen und den Afrikameisterschaften. Sie ist die Königin der Mittelstrecke.

Sie hat aber auch eine Menge anderer Titel auf sich vereinigt: "Die Gejagte", "Die Verfolgte", "Die aus der Hölle kam", für wenige gliedert sich das Wort Leichtathletik in seine beiden Bestandteile so sehr wie für die mittlerweile 28-jährige Südafrikanerin. Athletik in jedem Fall - aber leicht waren die Jahre für Semenya ganz bestimmt nicht.

Der sogenannte Fall Semenya, der jetzt vor dem Internationalen Sportgerichtshof entschieden wird - es gibt ihn, seit die Sportlerin vor zehn Jahren als 18-Jährige bei der Weltmeisterschaft in Berlin auftauchte und aus dem Nichts Gold über 800 Meter gewann, die Konkurrenz in Grund und Boden laufend. Und als die Weltpresse bei der anschließenden Pressekonferenz neugierig wartete, wissen wollend, wer diese vielen noch unbekannte junge Frau denn sei, tauchte statt Semenya der Generalsekretär des Weltverbands IAAF Pierre Weiss auf und sagte, es gebe Zweifel, "ob diese Lady eine Frau ist".

Seit zehn Jahren ringt der Verband um Antworten

Seitdem läuft der Argwohn mit. Die Unsicherheit und das Misstrauen nehmen in den Startblöcken neben ihr Platz. Und dem organisierten Sport eröffnete sich eine perfekte Gelegenheit, zu beweisen, wie überfordert er mit einem solchen Thema ist. Wie ist das, wenn Sportlerinnen hyperandrogen sind, wenn sie also so viel Testosteron im Körper haben, dass sie sportliche Leistungen bringen können, die an Männer erinnern? Wie ist es mit der Gleichberechtigung, wie ist es mit der körperlichen Integrität? Und wie ist es mit der Würde? Wichtige Fragen, heikle Fragen auch. Aber eben auch Fragen, auf die der Verband in zehn Jahren keine nachhaltigen Antworten gefunden hat.

Als kurz nach dem Berliner Lauf durchsickerte, dass Ärzte Semenya im Auftrag der IAAF schon vor ihrem Start daraufhin untersucht hatten, ob die Lady eine Frau sei oder nicht, formierten sich die Fronten, und eigentlich bestehen sie bis heute. Auf der einen Seite die südafrikanischen Funktionäre und die Öffentlichkeit in ihrer Heimat, die geradezu beleidigt auf jeden Zweifel reagieren, Semenya mit aller Empörungsrhetorik verteidigen. Da fielen auch schon mal Worte vom "Dritten Weltkrieg", der IAAF wurde Rassismus unterstellt. Semenya ist in Südafrika ein Superstar, jeder kennt ihren Namen, Semenyas Dorf Ga-Masehlong in der nördlichen Provinz Limpopo dürfte das bekannteste Dorf Südafrikas sein. Die Funktionäre brauchen ihre Medaillen, außer ihr glänzte vor zehn Jahren nicht viel in der südafrikanischen Leichtathletik.

Sieg im Vorjahr bei den Commonwealth Games

Sieg im Vorjahr bei den Commonwealth Games

Foto: DARREN ENGLAND/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Auf der anderen Seite steht der Weltverband, der mehrfach versucht hat, Regeln einzuführen, um Läuferinnen mit einem so hohen Gehalt männlicher Hormone, wie ihn Semenya aufweist, entweder vollständig auszugrenzen oder zumindest zu zwingen, ihren Testosteronhaushalt durch Medikamente zu senken. Die Rückendeckung vieler anderer Verbände hat die IAAF - das ist auch kein Wunder, die Verbände anderer Länder wollen schließlich nicht, dass ihre Sportlerinnen Semenya immer hinterherlaufen.

Als wäre es eine Gynäkologiepraxis

Mittendrin in diesem Grundsatzstreit steht eine Läuferin, die sich seit zehn Jahren hochnotpeinliche Fragen anhören muss, als wäre eine Pressekonferenz eine Gynäkologie-Praxis. "Sind Sie eine Frau? Fühlen Sie sich als Mann?" Man kann sich vorstellen, wie sehr dies eine 18-Jährige überfahren hat. Mittlerweile hat Semenya mit den Fragen, mit dem Argwohn leben gelernt, lernen müssen. Aus ihrer Verletztheit hat sie allerdings wenig Hehl gemacht.

"Ich möchte natürlich rennen, so, wie ich geboren wurde. Es ist nicht fair, dass mir vorgeschrieben wird, wer ich bin", hat sie in ihrer schriftlichen Erklärung ausgeführt, warum sie gegen die Regelungen des Weltverbands juristisch vorgegangen ist. Sie hat angefügt: "Ich bin Mokgadi Caster Semenya - ich bin eine Frau, und ich bin schnell."

Ihr erster großer Triumph: WM-Gold in Berlin

Ihr erster großer Triumph: WM-Gold in Berlin

Foto: Anja Niedringhaus AP

Schnell war sie immer in den vergangenen zehn Jahren - allerdings unterschiedlich schnell. Ihre besten Zeiten hat sie in den Jahren gelaufen, in denen der Verband ihr keine begrenzenden Maßnahmen in den Weg gestellt hat. Ihre Bestzeiten über 400 Meter, 800 Meter, 1000 Meter und 1500 Meter stammen allesamt aus dem Vorjahr - als die IAAF schon einmal Testosteron-Limits eingeführt hatte, war sie deutlich langsamer. Damals hatte sie sich allerdings auch von einer Knie-Operation zu erholen - ein Beweis dafür, dass Semenya nur dann dominiert, wenn sie ihr Testosteron ausspielen kann, ist das also nicht.

Bei der Anhörung vor dem Cas im Februar präsentierte sich Semenya selbstbewusst, sie machte demonstrativ das Victory-Zeichen, sie ist nicht mehr diejenige von früher, bei der man das Gefühl haben konnte, sie wird von zwei Seiten instrumentalisiert: Die Südafrikaner, die Semenyas Erfolge einheimsen wollten, und der Verband, der, um sein Regelwerk zu retten, in ihre Privatsphäre eindringt. Die Läuferin verschwand dahinter.

In der Causa Semenya ist oft der Vergleich mit anderen Sportlern wie Schwimmer Michael Phelps oder Sprinter Usain Bolt gezogen worden. Mit dem Hinweis, beide hatten auch durch ihre Anatomie Vorteile, niemand kam auf die Idee, sie deswegen mit Auflagen zu belegen oder sie gar zu sperren. Ist es fair, das bei Semenya zu tun? Die Läuferin hat immer wieder beteuert: "Ich will auf die Bahn gehen und tun, was ich am besten kann. Laufen." Wenn es so einfach wäre.

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