Champions League Kiels Triumph nach sieben Jahren

Es war das große Ziel des THW Kiel, endlich einmal die Champions League zu gewinnen. Das ist dem deutschen Handball-Meister nun gelungen. Ein Grund für den Erfolg gegen Flensburg: Auf der für ihn ungewohnten Spielmacher-Position glänzte ein deutscher Nationalspieler.

Um Noka Serdarusic herum tobte die Halle, um ihn herum rasten die knapp 10 000 Fans des THW Kiel in der Ostseehalle, da Kim Andersson drei Sekunden vor ultimo das entscheidende Tor erzielt hatte, nun seine Kollegen Jagd auf den schwedischen Linkshänder machten und ihn unter sich, unter einer Masse aus schwitzenden Leibern begruben. Mit 29:27 (15:10)-Toren gewann der THW Kiel das Duell gegen die SG Flensburg-Handewitt und triumphiert damit nach dem 28:28 im Hinspiel erstmals in der Champions League, dem wichtigsten Clubwettbewerb der Welt. Serdarusic aber, der Architekt des Kieler Erfolgs, schien kaum Notiz zu nehmen von den Jubelszenen, er folgte seinem Ritual: Wie immer gab der 56-Jährige dem gegnerischen Coach die Hand und verließ umgehend das Spielfeld Richtung Katakomben, um eine Zigarette zu rauchen. Serdarusic, der seit 1993 in Kiel arbeitet und bis dato 16 Titel gesammelt hatte, genoss in Ruhe diese Genugtuung, endlich auch diese Sehnsucht gestillt zu haben; auf den Tag sieben Jahre zuvor waren die "Zebras" im Finale beim FC Barcelona knapp unterlegen und hatten danach keine Anstrengungen und finanziellen Risiken gescheut, die Champions League nach Schleswig-Holstein zu holen. "Dass wir das geschafft haben, bezeichne ich als unglaublich", war Serdarusic sichtlich gerührt, "denn wir waren für den Gegner leicht auszurechnen."

In der Tat kann man von einem sportlichen Wunder sprechen, das der THW Kiel in den letzten acht Tagen vollbracht hat. Ohnehin schon schwer durch Verletzungen diverser Spieler gehandicapt, war vor zwei Wochen auch noch die Zentrale des Kieler Angriffsspiels ausgefallen, der 36-jährige Schwede Stefan Lövgren; im Rückraum stand nur noch ein Rechtshänder zur Verfügung: Europameister Nikola Karabatic aus Frankreich. Die Flensburger, mit 14 Profis viel homogener und ausgeglichener besetzt, rochen bereits am riesigen Silberpokal – doch in beiden Partien, die hektisch waren, hart umkämpft, gekennzeichnet von spektakulären Torhüterparaden, am Ende dazu dramatisch, hatte THW-Trainer Serdarusic die nur wenigen verbliebenen taktischen Waffen herausragend eingesetzt und so den Favoriten in die Knie gezwungen.

Dass Keeper Thierry Omeyer erneut glänzende Form nachwies und im Finale fast alle Würfe von außen parierte, das war von Experten fast erwartet worden. Auch die beängstigenden Durchbrüche von Nikola Karabatic, der 2003 bereits mit HB Montpellier siegte, verblüffte die Fachleute nicht. Eine Überraschung aber stellte dar, was das enfant terrible des deutschen Handballs in beiden Partien leistete: Christian Zeitz.

Der 26-jährige Linkshänder spielte auf ungewohnter Position; normalerweise schmettert er seine gewaltigen, bis zu 120 km/h schnellen Würfe aus dem rechten Rückraum gen Tor, und nicht selten setzte Serdarusic seinen Lieblingsschüler Zeitz auch auf Rechtsaußen ein, da Zeitz über viele Trickwurf-Varianten verfügt. Nun aber, im ersten Champions League-Finale seiner Laufbahn, spielte Zeitz auf der wegen Lövgrens Verletzung verwaisten Spielmacher-Position auf Rückraum Mitte. Hier ist Disziplin gefragt, große Übersicht, hier werden die Systeme angesagt und von den Mitspielern automatisch abgespult – all das war Zeitz nicht zugetraut worden. Dennoch setzte Serdarusic auf den Mann, den die Wochenzeitung "Die Zeit" einst wegen seiner Unberechenbarkeit den "Unvorhersehbaren" nannte – und ernannte ihn sogar, um ihn seiner Verantwortung zu erinnern, zum Kapitän der Mannschaft.

Zeitz rechtfertigte das Vertrauen auch im Rückspiel, obwohl ihn die rund 1000 Flensburger Fans wegen seines Kopftreffers in Hinspiel von Beginn an beschimpften und gnadenlos auspfiffen. Natürlich verfügte er nicht über die Ruhe und Gelassenheit Lövgrens, aber er wurde nie hektisch. Natürlich blockte die starke 6:0-Deckung der Flensburger seine ansatzlosen Gewaltwürfe nicht selten ab, aber er blieb stets torgefährlich und schuf so Räume für einlaufende Mitspieler wie den slowenischen Linkshänder Vid Kavticnik. Vor allem seine individuelle Stärke im Unterzahlspiel, die er - so oft es ging - ausspielte, brachte den THW in beiden Duellen in Vorhand: Mit insgesamt 14 Toren war Zeitz neben Karabatic der zweitbeste Schütze. "Die ganze Mannschaft war stark, aber natürlich war Zeitzi unglaublich", lobte Lövgren seinen Stellvertreter.

Der gebürtige Heidelberger wollte über seine Taten keine Worte verlieren, er sprach nur von den "erfolgreichsten Wochen meiner Karriere", da er neben dem Weltmeister-Titel und dem deutschen Pokal innerhalb von nur drei Monaten nun auch den wichtigsten Clubtitel gewonnen hat. Deutscher Meister war er schon 2005 und 2006, Europameister im Jahre 2004, dazu ist er 2004 mit Olympia-Silber dekoriert worden. Was fehlt, ist der Olympiasieg. Aber Peking 2008 ist ja nicht mehr weit.

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