Handball-Champions-League Löwen im Vollstress

An einem Tag Bundesliga, am nächsten Champions League - unmöglich? Von wegen: Im Handball müssen die deutschen Klubs so etwas künftig wohl öfter mitmachen.

André Schmid von den Rhein Neckar Löwen
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André Schmid von den Rhein Neckar Löwen

Von Michael Wilkening


Als Oliver Roggisch Gewissheit hatte, war er erst einmal fassungslos - und ist es bis heute. Der sportliche Leiter des deutschen Handballmeisters Rhein-Neckar Löwen kann nicht glauben, was ihm und seiner Mannschaft abverlangt werden soll. Am 11. November absolvieren die Löwen das Bundesliga-Spitzenspiel beim SC DHfK Leipzig und nur 23 Stunden danach sollen sie zum Topduell in der Champions League beim ruhmreichen FC Barcelona antreten.

Zwischen den Matches müssen die Deutschen regenerieren, sich auf den nächsten Gegner vorbereiten und 1350 Kilometer reisen. "Damit wurde eine Grenze überschritten", sagt Roggisch, der bis vor drei Jahren selbst spielte und deshalb bestens nachvollziehen kann, welcher körperlichen und mentalen Belastung die Handballer der Löwen ausgesetzt werden.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesliga muss eine Mannschaft zwei Partien an zwei aufeinanderfolgenden Tagen an unterschiedlichen Orten absolvieren. Was in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA zum Alltag gehört, ist ein Novum im Handball. Möglicherweise bleibt das kein Einzelfall.

Terminkollisionen sind vorauszusehen

Weil die europäischen Spitzenvereine eine Reform der Champions League planen, die mehr Spiele für die beteiligten Klubs mit sich bringen würde, drohen neue Terminkollisionen und eine zunehmende Belastung der besten Spieler in Deutschland. Zu verhindern ist das vermutlich nicht, weil die Interessen der Topklubs in Europa mit denen der deutschen Liga (HBL) nicht übereinstimmen.

Vor zwei Jahren gab es eine Neugestaltung der Champions League, die seither insgesamt 28 Mannschaften umfasst und in zwei Achter-Gruppen der Topklubs und zwei Sechser-Gruppen der schwächeren Vereine aufgeteilt ist. Nach 14 Vorrundenpartien für die Topklubs schließt sich das Achtel- und Viertelfinale sowie das Final-Four-Turnier in Köln an.

THW Kiel gegen PSG - ein Topspiel in der Champions League
DPA

THW Kiel gegen PSG - ein Topspiel in der Champions League

Dieser Modus ist das Ergebnis des "Memorandum of Understanding", das die führenden Vereine und der Europäische Handball-Verband (EHF) geschlossen hatten. Diese Verabredung ist bis 2018 gültig - und mittlerweile aus Sicht der Klubs überholt. Künftig soll es nach deren Plänen eine Zwölferliga geben, der sich nach einer Hauptrunde mit 22 Partien ein Viertelfinale der acht besten Teams und das Final Four anschließen. Aus Deutschland sollen der Meister und der Zweite dabei sein.

Für die Finalisten der Champions-League-Saison wären 26 Spiele anstatt bislang 20 zu absolvieren. Ab der Saison 2019/2020, spätestens ein Jahr danach, soll der neue Modus implementiert werden - und die großen Vereine machen Druck.

Die europäische Superliga ist auf dem Weg

Xavier O'Callaghan, Manager bei den Handballern des FC Barcelona, drohte mit einem Ausscheiden seines Klubs, sofern es keine zufriedenstellende Lösung geben sollte. Die Interessen von Barcelona, den Franzosen von Paris Saint-Germain, KC Veszprem (Ungarn) oder KS Kielce (Polen) sind eindeutig. Mit der neuen "Europaliga" sollen die Vermarktungserlöse erhöht und gleichzeitig mehr echter Wettbewerb für das eigene Team geschaffen werden.

Nur die deutsche Bundesliga und mit Abstrichen die Liga in Frankreich fordern ihre Spitzenmannschaften im wöchentlichen Rhythmus, für Klubs wie Vezprem, Barcelona oder Kielce gleicht der Weg zur nationalen Meisterschaft seit Jahren einem Spaziergang.

Superstar Nikola Karabatic im Final Four 2015
AP/dpa

Superstar Nikola Karabatic im Final Four 2015

Vor diesem Hintergrund ist das Streben der führenden Klubs nach einer europäischen Superliga nachvollziehbar - und die kritischen Stimmen aus Deutschland dürften kein Gehör finden. Mit dem THW Kiel steht der größte deutsche Klub einer Europaliga ohnehin positiv gegenüber. "Wir werden eine ganzjährige europäische Liga in den nächsten Jahren sehen", sagte der Kieler Manager Thorsten Storm dem Sport-Informationsdienst.

Der europäische Verband schweigt

Die Gründung einer europäischen Superliga ist hinter den Kulissen von den führenden Vereinen längst verabredet und der Einflussbereich der EHF zu klein, um sie abwenden zu können, so dass es im Grunde nur noch darum geht, im schon jetzt übervollen Jahreskalender ein paar Termine für das neue Format freizuschaufeln. Eine Verkleinerung der Bundesliga, wie von Klubs im Ausland gefordert, wird es laut HBL-Chef Frank Bohmann nicht geben.

Nur in Deutschland spielen europaweit in der ersten Liga 18 Vereine, eine Reduzierung ist den Klubs, die keine Chance auf die Europaliga haben, aber nicht vermittelbar. Die favorisierte Lösung der europäischen Elite sieht weniger Spiele für die Nationalmannschaften vor. Die Qualifikation für Europameisterschaften soll zusammengestrichen werden. "Es ist die Frage, ob wir jedes Qualifikationsspiel brauchen", sagt HBL-Chef Bohmann. Eine zusätzliche Belastung für die Top-Spieler in der Bundesliga würde es trotzdem geben, aber sie würde nicht so dramatisch ausfallen wie zunächst befürchtet.

Der Druck liegt jetzt auf der EHF. Wenn ein offener Konflikt mit den Klubs vermieden werden soll, muss der Verband einlenken. Von EHF-Präsident Michael Wiederer kam zunächst dazu keine Stellungnahme, er wollte sich zu der Thematik nicht äußern.



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themistokles 19.09.2017
1.
Tja. Und in der Fußball- Bundesliga wird sich beschwert, wenn man mal 2 Spiele in einer Woche hat (und das dann auch noch als "englische Woche" tituliert. Ich verfolge selbst sehr intensiv die NBA. Was die Profis dort leisten müssen, ist wirklich hart. Dem Handball wünsche ich, dass es wirklich eine Ausnahme bleibt. Zwei Spiele in einer Woche sind völlig OK. Aber bitte etwas weiter auseinander. Ansonsten steigt (siehe wieder NBA) das Verletzungsrisiko enorm.
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