China auf dem Vormarsch Das rote Wunder

China fliegt ins All, China hat das größte Wirtschaftswachstum, China hat die meisten Menschen. Und jetzt will der rote Riese mit dem Masterplan "Gold-Strategie" bis 2008 die führende Sportnation werden. Athen ist dafür nur ein Vorlauf - ein beeindruckender.


Fahnenträger Yao Ming: Wandelndes Ausrufezeichen
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Fahnenträger Yao Ming: Wandelndes Ausrufezeichen

Athen - Vor den Spielen war die Welt noch in Ordnung. Da glaubte jeder, seinen Platz zu kennen. Die Deutschen träumten vom dritten Rang im Medaillenspiegel und sprachen von oben herab über mögliche Konkurrenten wie China. Fing ja auch prima an: Die deutschen Fußballerinnen fegten die chinesischen Damen ratzfatz 8:0 vom Platz. Jetzt geht's los, dachten alle.

Ja, und dann ging es los. Die Funktionäre des deutschen Schwimmverbandes freuten sich jeden Abend wieder, dass keiner ihrer Schützlinge ertrunken war, während China beharrlich, still und leise Medaillen sammelte. Schon die Wahl des Flaggenträgers war ein Symbol: China demonstriert Größe. Yao Ming führte das Team bei der Eröffnungsfeier an. Vorneweg der 2,26 Meter große Basketballspieler wie ein wandelndes Ausrufezeichen, dahinter die Heerschar freundlich winkender, bisher unbekannter Sportler.

Doch jetzt lernt man sie kennen. Das chinesische Team ist sehr groß, sehr jung, sehr weiblich, sehr unerfahren - und doch schon sehr erfolgreich. Mit 405 Athleten startet eine der größten Mannschaften in Athen, ihr Durchschnittsalter beträgt rund 23 Jahre. Nur beim Reiten und Baseball sind keine Chinesen zu sehen - noch nicht. 138 männlichen Olympiastartern stehen 267 Frauen gegenüber, ein Zwei-Drittel-Anteil, das gibt es in keiner anderen Mannschaft, die eine Frauschaft ist.

Jugend- und Mädchenoffensive

Das chinesische Sportprojekt, das unter dem bezeichnenden Arbeitstitel "Gold-Strategie" den Segen der Regierung bekam und mit großem finanziellen Aufwand gefördert wird, beeindruckt als Jugend- und Mädchen-Offensive. Nur rund 80 der über 400 Starter waren schon in Sydney dabei - der Rest sind Neulinge, die Erfahrungen sammeln sollen für das eigentliche Fernziel: Bei den (Heim)Spielen 2008 in Peking die führende Sportnation der Welt zu werden.

"Von einem solchen Plan habe ich noch nie etwas gehört", sagt Li Furong, der Chef der Mission, "das war noch nie unser Ziel." Solche Sätze sind kein Understatement, sondern gehören zum Regelwerk des Projektes Gold. Pressekonferenzen der chinesischen Mannschaftsleitung laufen ab wie Sitzungen eines Zentralkomitees. Die chinesischen Kollegen stellen keine Fragen, sondern lauschen den Ausführungen auf dem Podium und applaudieren. Interview-Anfragen werden behandelt wie versuchte Spionage. Das Projekt Peking 2008 wird systematisch und kühl vorbereitet.

Vom Westen lernen und dann überholen

Während das Niveau bei traditionell starken chinesischen Disziplinen wie Turmspringen, Gewichtheben oder Tischtennis gehalten wird, werden Bereiche wie etwa die Leichtathletik, in denen China der Weltspitze bislang hinterherhechelte, mit großem finanziellem Aufwand gefördert. Zahlen nennen die Funktionäre allerdings nicht.

Gold und Bronze im Tischtennis: Wang Nan und Zhang Yining sowie Niu Jianfeng und Guo Yue feiern mit ihren Fans
REUTERS

Gold und Bronze im Tischtennis: Wang Nan und Zhang Yining sowie Niu Jianfeng und Guo Yue feiern mit ihren Fans

Olympia ist für China ein Rechenexempel. Die magische Zahl lautet 119. Denn 119 der insgesamt 301 Goldmedaillen werden in den Kernsportarten Schwimmen, Leichtathletik und Turnen verteilt. Wer nach oben will, muss da abräumen oder zumindest mithalten. Aus Sydney war China mit 28 Goldmedaillen heimgekehrt und hatte dabei nur einmal seine Hymne in den Kernsparten hören dürfen. "Das reicht nicht, wir können nur eine große Sportnation sein, wenn wir Sieger in den wichtigsten Disziplinen haben", sagt He Huixians, stellvertretende Delegationschefin und Vize im chinesischen NOK.

"Darauf haben wir lange gewartet"

Seitdem läuft das Projekt Westen. Für Teamsportarten wie Fußball, Basketball und Hockey werden westliche Trainer engagiert, selbst im Segeln und Rudern will man nun angreifen. Und wie eine vaterländische Erlösung wurde die Schwimm-Goldmedaille von Luo Xuejuan über 100 Meter Brust gefeiert. "Darauf haben wir lange gewartet", sagt He Huixians und lobt die Einstellung der jungen Schwimmerin. Nein, persönlich könne man leider gerade nicht mit ihr reden, aber Frau Huixians ist bereit, alles wiederzugeben, "was in ihr vorgeht." Das nennt man Teamgeist.

Die Schwimmerin wird nun auch deshalb als Modell-Athletin gepuscht, weil sie vormachte, was die Planer nicht steuern können: Die Psyche, den Wettkampfstress. Sie war nur Siebtschnellste gewesen im Halbfinale, startete also auf fast aussichtsloser Nebenbahn, behielt aber die Nerven. "Sie war völlig cool", sagt Huixians, und das sei vorbildlich und so müsse man denken, wenn man berühmt werden will "bis ans Ende aller Zeiten." Und darum gehe es ja.

In Athen werden die jungen Kämpfer alle getestet, gehärtet, rund die Hälfte wird man in Peking wiedersehen, wer versagt, wird ausgetauscht. Man hat systematisch jüngeren Sportlern den Vorzug gegeben - die jüngste heißt Zhang Tianyi, ist Schwimmerin und gehört mit ihren vierzehn Jahren bereits zu den Neunziger-Jahrgängen. Eine hungrige Generation für eine hungrige Nation.

"Frauen sind leichter zu managen"

Synchronspringerinnen Wu Minxia (l.) und Guo Jingjing: "Physisch weniger benachteiligt"
EPA/DPA

Synchronspringerinnen Wu Minxia (l.) und Guo Jingjing: "Physisch weniger benachteiligt"

Hinter dem hohen Frauenanteil steckt Kalkül. "Unsere Frauen", erklärt Li Furong, "sind im Vergleich zu westlichen Typen physisch weniger benachteiligt als die Männer." Zudem habe man festgestellt, dass der Westen in den traditionell erfolgreichen Nationen den Frauensport weniger fördert, hier also die Konkurrenz leichter überrundet und abgehängt werden kann. Und dann erklärt er noch im besten Funktionärs-Chinesisch: "Frauen sind im täglichen Training leichter zu managen. Sie haben eine bessere Arbeitsmoral." So wird man(n) frauenfreundlich.

In Athen studieren die Chinesen alles. Sie sind die präsenteste Nation, treten immer in Gruppen auf, sind sehr freundlich und sehr schweigsam. Sie interessieren sich für das Catering im Deutschen Haus, die Metalldetektoren in den Stadien, die Kondommarken im olympischen Dorf.

Auch im Arbeitsbereich Doping wollen sie Peinlichkeiten wie in Griechenland, wo der Gastgeber nur den Hormonspiegel anführt, vermeiden. Wobei für die "Sauberkeit" der Dopingproben systematische Vorkontrollen im ganzen Team sorgen sollen. Im Jahr 2000 flogen kurz vor den Spielen in Sydney noch 27 Sportler nach "Gesundheitschecks" aus dem Kader. Und leere oder halbvolle Stadien sind im bevölkerungsreichsten Land der Welt vermutlich auch nicht zu erwarten. Die durchorganisierte Gesellschaft kennt sich aus mit Massenräuschen auf Großveranstaltungen.

"Mit etwas mehr als 20 Goldmedaillen wären wir zufrieden", sagte Delegationschef Li Furong vor den Athen-Spielen. Das hat man zur Halbzeit schon fast erreicht und konkurriert gerade mit den USA und Russland. In vier Jahren wird die Zielvorgabe dann anders klingen. Und wenn Athen tatsächlich nur der Vorlauf ist, dann darf nicht nur die (Sport)Welt ziemlich nervös werden. China fliegt ins All, China hat das größte Wirtschaftswachstum, China hat die größte Bevölkerung. In Peking 2008 sollen alle ihr rotes Wunder erleben.

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