Chinesischer Dopinganalytiker Herr der Kühlschränke

Er arbeitet bis tief in die Nacht und schläft im Keller des Anti-Doping-Labors: Xu Youxuan ist bei den Olympischen Spielen jeden Tag auf der Jagd nach Betrügern. Der Chemiker kämpft einen fast aussichtslosen Kampf - und glaubt doch an den sauberen Sport.

Aus Peking berichtet


Herr Xu will Gerechtigkeit. Und weil Doping die Gerechtigkeit gefährdet, kämpft Herr Xu gegen Doping - wenn es sein muss, rund um die Uhr. Er arbeitet bis spät in die Nacht im Labor der Chinesischen Anti-Doping-Agentur Chinada, dann legt er sich im Keller schlafen, und wenn er aufwacht, kämpft Herr Xu weiter. Einmal in der Woche darf er nach Hause.

Dopinganalytiker Xu: "Es gibt auch saubere Athleten"
Markus Völker

Dopinganalytiker Xu: "Es gibt auch saubere Athleten"

Es sind Olympische Spiele in Peking, und Xu Youxuan kämpft einen fast aussichtslosen Kampf. Aber er glaubt, dass die Gerechtigkeit siegen wird.

Eigentlich müsste Xu, 45, auch jetzt arbeiten, aber weil er über seinen Kampf für einen sauberen Sport sprechen soll, hat er in der vergangenen Nacht eben vorgearbeitet. "Bis 3 Uhr", sagt Xu. Er ist Direktor im Analytischen Labor der Chinada, ein Chemiker mit dem Spezialgebiet Wachstumshormone, aber in diesen Wochen ist er eher ein Koordinator.

48 Festangestellte hat das Labor, dazu kommen 18 internationale Freiwillige, Doktoren, Professoren. Der Deutsche Mario Thevis aus Köln ist auch dabei. "Sieben der 18 Ausländer sind Direktoren von ausländischen Anti-Doping-Laboren", sagt Xu. Es ist ein sehr internationales Team, das da in der An Ding Road Nummer eins in zwei Schichten nach verbotenen Substanzen fahndet: nach Epo, Insulin, Wachstumshormonen. 300 Tests am Tag, 4500 Tests in gut zwei Wochen. Es ist das Pensum eines deutschen Anti-Doping-Labors - in einem Jahr.

Bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) herrscht Zufriedenheit über die Arbeit der chinesischen Dopingfahnder: "Natürlich ist nichts perfekt, aber die Tests dort nehmen zu und werden immer intelligenter. Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich den Chinesen eine 8,5 geben", sagte der frühere Wada-Präsident Richard Pound.

Mangelnde Beschäftigung können Xu und seine Kollegen nicht beklagen. Jaques Rogge, der IOC-Präsident, hat die Zahl 4500 genannt, es sind ein paar hundert Tests mehr als vor vier Jahren in Athen. Rogge hat vor den Spielen auch von 40 positiven Dopingtests gesprochen, die man erwarte. 40 positive Tests seien ein Beleg dafür, dass das System des Antidoping-Kampfes funktioniere, sagte Rogge. In der ersten Woche haben Xu und seine Mitstreiter vier Athleten als Betrüger entlarvt, zwei davon am Donnerstag, einer am Samstag. "Es werden sicher noch mehr", sagt Xu. Vier positive Tests. Es scheint, als funktioniere das System. Das der Betrüger.

Der ehemalige Doping-Dealer Angel Heredia sagte im SPIEGEL vor ein paar Tagen, konstante Leistungen auf Weltniveau seien ohne Doping undenkbar.

Xu Youxuan sagt: "Viele dopen. Aber es gibt auch saubere Athleten."

Aber Xu Youxuan sagt auch, dass es natürlich unmöglich sei, jeden Sportler zu testen. Sie hätten vor den Olympischen Spielen getestet, hier seien auf jeden Fall alle Medaillengewinner dran. Und sie frieren jede Probe ein, damit sie später mit verfeinerten Analysemethoden vielleicht doch noch erfolgreich sind. Dafür wurden extra Kühlschränke angeschafft, "selbst mit allen Dopingproben von Peking ist gerade mal ein Viertel der Kapazität ausgelastet", sagt Xu. Kühlschränke gibt es also genug. Xu ist Chemiker, er hat eine sehr technische Sicht auf die Dinge.

Als er 1989 im damaligen Doping-Kontrollzentrum Pekings anfing, war es ein primitives Provisorium mit 15 Leuten, das für die Asienspiele 1990 geschaffen worden war. Seither ist die Behörde um das Zehnfache gewachsen, insgesamt 70 Millionen Yuan (etwa sieben Millionen Euro) haben die Chinesen noch einmal investiert, 28 Millionen davon in neue Laborgeräte. "Aber wir sind technisch nicht auf dem höchsten Level", räumt Xu ein.

Er spricht deshalb auch davon, wie wichtig Vernetzung und Wissensaustausch seien. Die chinesischen Dopingfahnder waren vor den Spielen in Deutschland, England und Spanien, um zu lernen. Der Kampf für Gerechtigkeit ist global, jedes Jahr gibt es in Köln einen Anti-Doping-Workshop. Und in diesen Wochen erfordert er eben besonderen Einsatz. Xus Ehefrau arbeitet selbst und ist auch viel unterwegs. So kommt es oft vor, dass sein Sohn allein zu Hause sitzt.

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REUTERS

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Aber was tut man nicht alles, um Schritt zu halten mit den Betrügern. Und manchmal einen zu erwischen.

Freut er sich dann?

"Wissen Sie, als Angestellter bin ich da zwiegespalten. Auf der einen Seite gefährdet Doping die Gerechtigkeit im Sport."

Und andererseits?

"Manche Sportler, die wir positiv testen, sind noch so jung. Und zerstören schon ihre Karriere."

Man stehe nun vor einem neuen Problem, sagt Xu: Gendoping. "Es wird schon bei Tieren getestet, aber noch ist es im Sport nicht Realität." Weil sich das noch kein Athlet getraut habe. Aber die nächste Bedrohung der Gerechtigkeit wartet schon.



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