Chinesisches Schach Jagd auf den Schwarzen General

Das Spiel ist mehr als 2000 Jahre alt und in China ein Massensport: XiangQi, das asiatische Schach. Doch die Zukunft des Kulturgutes ist in Gefahr: Die eigene Jugend bevorzugt längst die westliche Variante. Nun konterten die Chinesen – mit einer WM in Paris. Von René Gralla, Paris

Von Arlettes Bar gleich neben der Pariser Metro-Station École Véterinaire sind es nur ein paar Minuten Fußweg bis nach Kanton. Eine nonchalant verlotterte Häuserzeile; vergitterte Balkone, deren Besitzer offenkundig von der Provence träumen; die Bar-Tabac "Diplomat" und dann ein Torbogen wie vor einer Pagode: die Einfahrt zum Hotel "Chinagora" auf einer Halbinsel, wo Marne und Seine zusammenfließen.

Das mehrgeschossige Ensemble aus schnörkeligen Erkern und Türmen, 1992 errichtet von einem chinesischen Mischkonzern, könnte der Phantasie eines Kung-Fu-Regisseurs entsprungen sein - fehlt bloß noch Jackie Chan, der sich herabschwingt von einem der Masten, an denen neben der Trikolore auch Pekings rote Fahne knattert. Der Kinoheld des Handkantenschlags hätte sicher viel Spaß, schließlich ermitteln im Hotel Chinagora die Besten aus 20 Nationen ihren Weltmeister in einer Disziplin, die zwar auf Körperkontakt verzichtet, den Besiegten aber dennoch nachhaltig schmerzt: XiangQi.

Das "Elefantenspiel" - so die wörtliche Übersetzung - ist das Schach der Chinesen. Entstanden drei, vier Jahrhunderte vor Christus gilt XiangQi heute in der Volksrepublik und ebenso in Vietnam als Massensport: 100 Millionen Aktive allein zwischen Großer Mauer und Shenzhen, dazu die chinesische Diaspora; manche Schätzungen sprechen von einer halben Milliarde Fans.

Infanterie, Reiter und Kanonen

Im Westen ist das strategische Brettspiel nahezu unbekannt, was vor allem an seinem schwer ergründlichen Design liegt: keine fein gedrechselten Figuren, sondern flache Scheiben mit Schriftzeichen. Man muss schon in Sinologie vorgebildet sein, um auf Anhieb zu erkennen, dass XiangQi tatsächlich eine Schachversion ist, die obendrein ein realistisches Szenario abbildet: Die Südarmee stürmt gegen das Hauptquartier des Nordstaates, ein Grenzfluss teilt das virtuelle Gefechtsfeld, beide Parteien setzen statt Läufern und Türmen Infanterie, Reiter, schweres Gerät und sogar Kanonen ein.

Außerhalb des asiatischen Kulturkreises beschäftigen sich bisher nur versprengte Enthusiasten - in Deutschland gut hundert - mit der Mattjagd auf den roten "Marschall" (chinesisch: shuài) und den schwarzen "General" (jiàng), die den Königen des hiesigen Schach entsprechen. Innerhalb der XiangQi-Szene hat das lange niemanden ernsthaft beunruhigt: Die Millionengemeinde ist sich im Bewusstsein der eigenen Größe selbst genug gewesen.

Die bequemen Jahre sind jedoch vorbei, und schuld daran ist die Globalisierung - die ausnahmsweise einmal in umgekehrter Richtung funktioniert. Parallel zur kapitalistischen Neuausrichtung fördert Peking massiv das westliche Schach. Mit durchschlagendem Erfolg: Chinas Frauen, gestählt durch den aggressiven Stil des XiangQi, dominieren die Schach-Olympiaden, seit 1998 haben sie viermal hintereinander Gold geholt. Unter den führenden Schachnationen ist die Volksrepublik bis auf Platz zehn vorgerückt.

Ein Aufholmarsch an die Weltspitze, der seinen Preis fordert: Weil Chinas Jugend den Westimport cooler findet, ist das Jahrtausende alte Kulturgut XiangQi in Gefahr. Eine Entwicklung, die Weltmeister Lu Qin, 43, voll Sorge registriert: "Die Popularität des westlichen Schachs nimmt zu, weil unsere Athleten dort viele Siege holen und die Medien darüber konsequenterweise verstärkt berichten."

Deutsches Team in der unteren Tabellenhälfte

Dass Lu Qin zur Titelverteidigung nun erstmals außerasiatisches Territorium bereisen musste, sieht er als "Meilenstein" für eine globale Offensive, die den Schwund der Anhänger daheim kompensieren soll. Der Meister denkt schon an Welttitelkämpfe "in Australien oder Nordamerika". Ob ausgerechnet dort die Rettung des XiangQi gelingen könnte, scheint allerdings fraglich.

Während Asiens Topleute wahlweise im Anzug oder gepflegtem Freizeitlook ans Brett traten, gaben Europas Kandidaten im Turniersaal von Chinagora einem kollektiven Hang zu wuchtigen Sandalen (gern ohne Socken) und zur allgemein zerzausten Erscheinung nach. Mit dem Turnierausgang hatten die Westler ohnehin nichts zu tun. Lu Qin sicherte sich den Titel zum fünften Mal, seine Landsfrau Guo Liping, 24, siegte im Damenturnier, und auch in der Nationenwertung gewann die Volksrepublik. Die Delegation aus der Bundesrepublik, angeführt vom Radiologen Michael Nägler, 48, aus dem emsländischen Lingen, fand sich in der unteren Tabellenhälfte wieder.

Und da die französischen Gastgeber während der Turniertage nichts taten, um ihre Spieler interessierten Medienvertretern näher zu bringen, verschenkte die Welt-XiangQi-Federation (WXF) die Chance, jenseits des Zirkels der europäischen Chinaschachfreaks eine neue Klientel anzusprechen: westliche Geschäftsleute, die in China investieren wollen.

Da kann das XiangQi nämlich als Türöffner funktionieren, wie Madame Pei Jiarong verrät. Sie ist Vizepräsidentin der Akademie für Spiele in Peking und coacht in Paris die Auswahl der Volksrepublik. Schließlich gelten als Strippenzieher in der WXF die chinesischen Tycoons. Darunter die absolute Nummer eins: der geheimnisumwitterte Milliardär Henry Fok, 82, laut Ranking des Business-Magazins "Forbes" einer der reichsten Männer der Welt.

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