Anfeindungen gegen Tour-Star Froome "Betrüger, geh nach Hause"

Chris Froome ist der erfolgreichste Radsportler der Gegenwart. Bei der Tour de France wird er wegen Dopingvorwürfen von Fans bedroht. Sein Team ist besorgt.
Tour-de-France-Zuschauer mit Anti-Froome-Plakat

Tour-de-France-Zuschauer mit Anti-Froome-Plakat

Foto: MARCO BERTORELLO/ AFP

"Froome = Armstrong", "Froome, go home", "Cheater, go home" - Chris Froome hat es nicht leicht in diesen Tagen in Frankreich. Es ist noch kein Schilderwald, der sich ihm entgegenstellt. Aber bislang wird der Brite bei jeder Etappe mit dem Unmut einiger Fans konfrontiert.

Begonnen hatte dies schon bei der Teampräsentation. Viele Münder spitzten sich zu Pfiffen und Buhrufen, als der britische Rennstall Sky und dessen Kapitän vorgestellt wurde. Nur wenige Tage vorher hatte Froome in einem Blitzentscheid der UCI die Freigabe erhalten. Tourveranstalter ASO (Amaury Sport Organisation) zog danach die Klage vor dem Sportschiedsgericht zurück, mit der er Froomes Startrecht angefochten hatte.

Die Pfiffe bei der Präsentation machten Eindruck. "Es gab mir einen tiefen Stich im Herzen. Es ist mein Land hier, meine Leute. Aber Chris ist auch mein Fahrer", gestand Nicolas Portal gegenüber dem SPIEGEL ein. Portal, ein französischer Ex-Profi, ist seit 2011 sportlicher Leiter bei Sky. Froome ist sein Schützling. Dass dieser immer stärker verachtet und angefeindet wird, schmerzt Portal.

Angst vor dem Soloritt in den Bergen

Er fürchtet vor allem eine Steigerung der Feindseligkeiten, eine emotionale Überhitzung von Teilen des Publikums. Als er in einem kleinen Kreis von Reportern gefragt wurde, ob Froome bei der Tour überhaupt solch ein Bravourstück wie beim Giro wagen könne, als er allein 80 Kilometer vor dem Ziel entfernt attackierte und sich in einem bemerkenswerten Soloritt das rosa Trikot holte, atmet Portal tief durch.

Denn er kann sich die Gefahren ausmalen, die von aufgepeitschten Fans ausgehen, die bei den Bergetappen schon jetzt neben den Fahrern herlaufen, sie anschieben und mit Händen und Bannern touchieren. Welche Grenze werden sie noch überschreiten?

"Das Rennen darf nicht von solchen Faktoren beeinflusst werden. Es wird beeinflusst von anderen Dingen, von Regen oder Schnee, vom Wind, von Kreisverkehren auf den Straßen. Damit haben wir gelernt umzugehen. Aber andere Dinge dürfen den Wettkampf nicht beeinflussen", meint er.

Bei der Planung der Teamtaktik will sich Portal nicht von Sicherheitsbedenken einschränken lassen. "Wenn du das Rennen gewinnen willst, kannst du nicht einfach sagen: 'Oh, ich greife lieber nicht an, ich bleibe mal im Schutz von einem Teamkollegen'. So kann man nicht an ein Rennen herangehen", sagt er.

Christopher Froome

Christopher Froome

Foto: David Stockman/ dpa

Portal malt sich sogar die Szene aus und sagt kopfschüttelnd: "Ich kann doch nicht über Funk zu Chris sagen: 'Chris, bleib im Feld, es ist zu gefährlich.'"

Extra Sicherheitsmaßnahmen plant die Tour bislang noch nicht. Philippe Sudres, Kommunikationsdirektor der ASO, meinte auf Nachfrage des SPIEGEL: "Es gibt keine Extra-Vorkehrungen. Wir schützen nicht einzelne Fahrer, sondern die gesamte Öffentlichkeit, die Fahrer eingeschlossen."

Besondere Sicherheitsmaßnahmen gibt es gegenwärtig nicht einmal bei Team Sky. "Den Bodyguard für Chris Froome haben wir bereits seit 2016. Es gibt keine neuen Vorkehrungen für diese Saison", sagte ein Sky-Sprecher dem SPIEGEL.

Drohungen gegen Froome

Alles normal also? Nicht ganz. Unbehagen macht sich im Tross und im Peloton schon breit. Sunweb-Profi Tom Dumoulin nahm es mit einer Prise Humor. "Ich werde mal lieber einen Platz, besser noch fünf Plätze hinter Froome fahren. Ein Spray kann leicht sein Ziel verfehlen", spielte der Niederländer auf die überdimensionalen Asthma-Sprayer an, die am Rande des Giro d'Italia aufgetaucht waren. Die Froome-Affäre war durch eine unerlaubt hohe Konzentration des Asthmamittels Salburamol ausgelöst worden.

Jonathan Vaughters, Teamchef von EF Education First-Drapac, wirkte dagegen ernsthaft beunruhigt. "Wenn ich an Team Skys Stelle wäre, wäre ich besorgt. Kommentare in den sozialen Netzwerken lauten: 'Weil keine Gerechtigkeit hergestellt wurde von UCI und Wada, werden wir das vom Straßenrand aus unternehmen.' - das ist eine deutliche Drohung", sagte Vaughters dem Londoner "Guardian". Er forderte längere Absperrungen bei den Bergetappen. "Aber klar, du kannst nicht 200 Kilometer lange Barrieren errichten", schränkte er ein.

Vaughters sah auch Schuld bei der ASO: "Es scheint, als würde die ASO lieber Öl ins Feuer gießen, obwohl es doch in ihrer Verantwortung liegt, die Leute zu schützen." Bernard Hinault, Ex-Zeremonienmeister der ASO, hatte vor der Tour und vor dem Urteilsspruch die Fahrer zum Streik gegen Froome aufgerufen. Die ASO hatte auch versucht, Froome den Start zu verbieten.

Zuletzt war es allerdings David Brailsford, der Teamchef von Sky, der für zusätzlichen Ärger sorgte. Ausgerechnet einen Tag bevor die Tour das bretonische Städtchen Sarzeau als Ziel erreicht, griff er UCI-Präsident David Lappartient an. Er sah den Franzosen in seiner Rolle als unparteiischer Verbandschef nicht gewachsen und unterstellte ihm die "Mentalität eines kleinen französischen Bürgermeisters".

Sarzeau zählt keine 8000 Einwohner, und Bürgermeister dort ist im Nebenjob ausgerechnet Lappartient. Man kann sich auch ganz unnütz Feinde machen.

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