Froomes schwerer Trainingsunfall "Er hätte tot sein können"

Viermal gewann Chris Froome die Tour de France. Er träumte von der fünften Siegesfahrt nach Paris - doch nach seinem schweren Trainingsunfall ist der Traum vielleicht für immer geplatzt.

Chris Froome ist vierfacher Tour-Sieger
martin Rickett / DPA

Chris Froome ist vierfacher Tour-Sieger

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Der rechte Oberschenkel gebrochen, die Hüfte gebrochen, der Ellenbogen gebrochen, Rippen gebrochen und innere Verletzungen erlitten: Nach dem heftigen Unfall des vierfachen Tour-de-France-Siegers Christopher Froome steht der Radsport unter Schock.

Mit Tempo 54 krachte Froome am vergangenen Mittwoch beim Training vor der vierten Etappe des Critérium du Dauphiné in eine Hauswand. Stundenlang mussten seine laut "L'Équipe" offenen Brüche am Straßenrand behandelt werden, ehe er per Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht werden konnte.

Dort wurde Froome sechs Stunden lang operiert und liegt nach wie vor auf der Intensivstation, wo er laut seinem Teammanager David Brailsford zwei oder drei Tage bleiben wird. Froome sei am Donnerstagmorgen aufgewacht, er und die Ärzte seien aber zufrieden mit der OP, teilte Froomes Team mit. Er denke schon über seine Genesungspläne nach.

Chris Froome hoffte auf seinen fünften Tour-Titel
Oli Scarf / AFP

Chris Froome hoffte auf seinen fünften Tour-Titel

Geschockt zeigte sich Dan Martin vom UAE Team Emirates. Der Ire war hinter Froome unterwegs, als der in das Haus krachte. "Ich sehe es immer noch vor mir", sagte Martin laut "Cyclingnews": "Ich bin beim Teamwagen geblieben und wir haben gefragt, ob wir etwas tun können. Aber ich dachte, es hätte viel schlimmer kommen können. Ich dachte, er hätte tot sein können. So etwas zu sehen, ist nicht angenehm."

Brailsford erklärte, wie es zu dem Unfall kommen konnte. "Er kam eine technisch anspruchsvolle Abfahrt herab in Richtung eines geraderen Straßenstücks mit Häusern auf beiden Seiten", sagte er. Dann habe Froome angedeutet, sich die Nase putzen zu wollen: "Um dies zu tun, hat er eine Hand vom Lenker genommen. In dem Moment hat eine Windböe sein Vorderrad erfasst, er hat die Kontrolle verloren und ist geradewegs in eine Hauswand hinein."

Folgt man den Schilderungen der Beobachter, kam Froome mit seinen schweren Verletzungen sogar noch glimpflich davon. Aus sportlicher Sicht ist Froomes Unfall bei der Generalprobe für die Tour de France eine Katastrophe. Seinen fünften Titel bei der Tour wird er zumindest in diesem Jahr nicht gewinnen.

Froome sprach schon vom sportlichen Erbe

Froome hatte immer betont, wie wichtig ihm ein fünfter Tour-Titel ist. "Ich komme jetzt zu dem Punkt in meiner Karriere, an dem ich anfange, darüber nachzudenken, welche Art von Erbe ich hinterlassen möchte", sagte der Brite Anfang des Jahres. "Unglaublich" wäre es für ihn, in einer Reihe mit den legendären fünffachen Toursiegern um Eddy Merckx und Bernard Hinault zu stehen.

Froome ist 34 Jahre alt, sein Vertrag beim Team Ineos, ehemals Sky, läuft nur noch bis Ende 2020. Es ist bezeichnend, dass er schon von seinem sportlichen Erbe sprach, das Karriereende rückt näher. Gerne würde Froome seine Laufbahn mit dem Status des Dominators beenden, den er sich zwischen 2013 und 2017 erarbeitet hatte.

Dabei war seine beeindruckende Karriere so nicht abzusehen gewesen. In Kenia als Kind britischer Eltern geboren, begann der kleine "Froomey" eigentlich mit dem Mountainbiking. Noch heute streckt Froome auf dem Rad die Ellenbogen weit von sich wie auf einem Mountainbike und strampelt, als sei die Schaltung zwei, drei Gänge zu leicht eingestellt.

Von Taktik hatte Froome, als seine Profikarriere relativ spät im Alter von 22 Jahren begann, wenig Ahnung, wie er später zugab. Mit nicht durchdachten Attacken verschwendete er Energie, wie man auf Abfahrten richtig bremst, hatte er nie gelernt. Mit so wenig Erfahrung hatte Froome schon bei seinem ersten Rennen in Europa Probleme. Bei der U23-WM in Salzburg stieß er mit einem Streckenposten zusammen - und hatte fortan den zynischen Spitznamen "Crash Froome".

Ein "Rohdiamant" für Team Sky

Froome sei ein "Rohdiamant" gewesen, sagte sein Ziehvater David Brailsford später den "Velo News". Froome ging ab 2010 mit seinem Talent in der durch Wattzahlen gesteuerten Taktik des Team Sky voll auf. 2013 löste er Tour-Sieger Bradley Wiggins als Teamkapitän ab.

2013 gewann Chris Froome seine erste Tour de France
Bryn Lennon / Getty Images

2013 gewann Chris Froome seine erste Tour de France

Von da an dominierte Froome die Große Schleife, siegte 2013 und von 2015 bis 2017 dreimal in Serie. Seinen Karrierehöhepunkt erreichte Froome zwischen 2017 und 2018, als er nacheinander die Tour de France, Vuelta a España und den Giro d'Italia gewann. Drei Siege bei aufeinanderfolgenden Grand Tours waren bis dato nur Eddy Merckx gelungen.

Doch Froomes Leistungen gingen im vorbelasteten Radsport auch mit Dopingvorwürfen einher. Schon 2015 äußerten Kritiker Zweifel an einer sauberen Leistung. 2017 folgte der vermeintliche Beweis, eine positive Dopingprobe bei der Vuelta. Bei Froome wurde ein erhöhter Salbutamolwert gemessen. Doch der Beschuldigte sagte, dass er an Asthma leide, sei bekannt. Er dürfe die Symptome der Atemwegskrankheit behandeln. Es begann ein unwürdiges Schauspiel um eine mögliche Sperre: Der Tour-Organisator ASO untersagte Froome zunächst die Teilnahme, nahm das Verbot aber zurück, nachdem der Weltverband UCI keine Sperre beantragt hatte. Die Begründung: Der Salbutamol-Test sei zu fehleranfällig.

Ende der Ära Froome?

Während Froome sich anschließend bei der Tour durch die Berge quälte und nur Dritter wurde, fuhr sein vermeintlicher Helfer Geraint Thomas zum Sieg. Die Ära Froome bei der Tour wurde dadurch zumindest unterbrochen. Ob er sie nach seinem schweren Unfall im Team Ineos noch mal fortsetzen wird, ist fraglich.

Sollte Froome nämlich im kommenden Jahr wieder um das Maillot Jaune fahren wollen, wird es in seiner Mannschaft schwierig. Mit Tour-Sieger Thomas und Toptalent Egan Bernal hat Froome sehr große Konkurrenz.

"Ich plane zwei, vielleicht drei Jahre im Voraus und suche nach dem nächsten Chris Froome", sagte Teamchef Brailsford schon 2018. Das sportliche Erbe von Froome wird schon verteilt. Doch nach dem Crash zählt für Brailsford zunächst nur eins: "Wir werden uns darauf konzentrieren, ihn bei seiner Genesung zu unterstützen."



insgesamt 24 Beiträge
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awes 13.06.2019
1. Nase putzen?
... ich kenne keine Radsportler, der sich die Nase mit einem Taschentuch schnäuzt; üblicherweise entledigt man sich mit einem "Charlottenburger" des Problems. Was hat Froome also gemacht, dass man sich eine dermaßen dämliche Begründung ausdachte?!
brisesbrises 13.06.2019
2. das nervt
wenn ich wegen eines Raubüberfalls verdächtigt worden wäre, aber freigesprochen worden wäre, würde ich wünschen, nicht den Rest des Lebens generell verdächtigt zu werden und das mein Leben davor nicht auch noch in den Dreck gezogen werden würde. Was sollen solche Sätze:"schon 2015 äußerten Kritiker Zweifel an einer sauberen Leistung"? Äußert irgendein Neider Zweifel, schon springen Sie als Journalist drauf an: "Ahhh Verdacht! Verdacht! Habens wir doch gewusst. Verdacht! Verdacht!" Schmeckt nach Boulevard. So ein Verdacht, ist billig in die Welt zu setzen. Wenn, dann wäre das Wort Gerücht richtiger. Denn ein Verdacht braucht eine Grundlage. Im Übrigen möchte ich einen Sportler an seinen sportlichen Leistungen messen, nicht an seiner Moral.
rabode 13.06.2019
3. Salbutamol
nimmt jeder Leistungssportler. 99,99% der Schwimmeliten haben komischerweise Asthma. Also was soll das, einem auf den Boden liegenden noch ins Gesicht treten?. Spon wird immer schlechter.
reinplat 13.06.2019
4.
Froome hat eine Hand vom Lenker genommen, um sich das eine Nasenloch zuzuhalten und dann kräftig durchzuschneuzen. Das mit dem "Putzen" ist nur der übliche Übersetzungsfehler ("clean his nose"), wie man es von deutschen Presseagenturen ja kennt.
a.weishaupt 13.06.2019
5. Fahrtraining für Radsportler?
Ich fahre selbst sportlich Rad, aber auch Motorrad, und das hat mir in mancher Situation schon geholfen. Bei höherem Tempo muss man wie beim Krad mit Impulslenkung arbeiten, also quasi in die falsche Richtung lenken. Auch bei niedrigerem Tempo kann es beim schnellen Richtungswechsel helfen. Ich habe mal ein Video eines Crashs einer Sportlerin gesehen, bei der klar war, dass sie noch nie auf einem Krad gesessen hat und einfach keine Kurven fahren konnte. Da der Sport ansonsten so derart durchorganisiert ist heute, wundert mich das dann doch. Froome wünsche ich gute Besserung.
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