Freispruch für 100-Meter-Sprinter Coleman Rettung im Kleingedruckten

Sprintstar Christian Coleman kann bei der Leichtathletik-WM in Doha starten. Der US-Läufer hatte innerhalb eines Jahres drei Dopingtests verpasst - doch ein Regelzusatz bewahrte ihn vor einer Sperre.
Christian Coleman

Christian Coleman

Foto: Charlie Neibergall/ dpa

Christian Coleman ist wahnsinnig schnell. Bei der Vorstellungsrunde vor dem 100-Meter-Finale bei der WM 2017 in London huschte er so flink durch den eigens mit Feuerwerk und bunter Leuchttafel verzierten Eingangsbereich , dass er schon durch war, bevor der Stadionsprecher seinen Namen verlesen und das Publikum ihn bejubeln konnte. Im Rennen lag er dann lange vorne - bis sich Justin Gatlin noch an die Spitze schob.

Drei Hundertstelsekunden hatten Coleman damals zur Goldmedaille über die prestigeträchtige Strecke gefehlt. Zwei Jahre später ist es nun wieder äußerst knapp für Coleman ausgegangen, doch diesmal zu seinen Gunsten. Die wohl wichtigste Entscheidung dieses Jahres für den Sprinter fand jedoch nicht auf der Tartanbahn statt, sondern in den Bürogebäuden der US-Antidoping-Agentur Usada in Colorado Springs.

Und diesmal ging es nicht um drei Hundertstelsekunden - sondern um mutmaßlich einen Tag.

"Missed Test" oder "Filing Failure"?

Coleman war Ende August in die Schlagzeilen geraten, als bekannt wurde, dass sich der Sprinter innerhalb eines Jahres drei sogenannte "Whereabouts Failures" habe zu Schulden kommen lassen, was grob mit "verpassten Dopingtests" übersetzt werden kann. Laut des Antidoping-Codes der Welt-Antidoping-Agentur Wada  ist das eine mögliche "Rule Violation", die hart bestraft werden kann.

Der erste "Whereabouts Failure" ereignete sich am 6. Juni 2018, der zweite am 16. Januar 2019 und der dritte am 26. April 2019. Drei verpasste Tests innerhalb eines Jahres, die Sache schien klar: Coleman musste bangen, es drohten immerhin bis zu zwei Jahre Sperre. Die Teilnahmen an der WM Ende September in Doha und an den Olympischen Spielen im kommenden Jahr waren in Gefahr, bei beiden Wettbewerben gilt Coleman als Goldmedaillen-Kandidat.

Doch offenbar war die Usada etwas voreilig - oder nicht ganz regelfest. Denn ein tiefer Blick ins Wada-Regelwerk "Testing and Investigations"  brachte Coleman die Rettung: Unter "Whereabout Failures" fallen nämlich zwei Vergehen: Einerseits der "Missed Test", andererseits der laut Usada im ersten und dritten Vergehen Colemans vorliegende "Filing Failure", für den spezielle Regeln gelten, die den Sprinter am Ende entlasten sollten.

Sind Sie schon verwirrt?

Ein kurzer Versuch, die Begrifflichkeiten zur ordnen: Laut Usada  und der Athletics Integrity Unit (AIU) des Weltverband IAAF  ist ein "Filing Failure" dann gegeben, wenn ein Athlet nicht alle nötigen Aufenthaltsinformationen für das kommende Quartal bereitgestellt hat, oder diese unvollständig, ungenau oder verspätet in das Meldesystem eingetragen worden sind - und der Dopingkontrolleur den Athleten deshalb nicht antreffen konnte.

Rettender Regelzusatz

Ein "Missed Test" liegt hingegen dann vor, wenn der Dopingkontrolleur den Athleten während eines 60-minütigen Fensters, das der Sportler für jeden Tag selbst bestimmt und das die meisten in die Morgenstunden legen, nicht antreffen oder erreichen kann. Im Fall Coleman war dies laut Usada beim zweiten verpassten Test der Fall.

Der rettende Regelzusatz für Coleman, der in den Jahren 2018 und 2019 übrigens 20 Mal von der Usada negativ getestet wurde, findet sich im "Testing and Investigations"-Regelwerk der Wada. Dort heißt es sinngemäß, dass bei einem sogenannten "Filing Failure" nicht der tatsächliche Tag des verpassten Dopingtests als Termin des Verstoßes gilt, sondern der erste Tag des entsprechenden Quartals.

Foto: www.wada-ama.org

Die Usada besprach sich mit der Wada und entschied, dass Colemans erstes Vergehen vom 6. Juni 2018 auf den 1. April zurückdatiert werde. Da auch der dritte Termin ein "Filing Failure" war, wurde dieser wohl ebenfalls auf den 1. April 2019 zurückdatiert - auch wenn das nicht kommuniziert wurde. Somit würde der Zeitraum von einem Jahr nach dem ersten der drei verpassten Tests einen Tag vor dem letzten ablaufen. Das Ergebnis: Die Usada sprach Coleman am Montagabend frei.

Kritik an der Usada

Dieser Vorgang wirkt in erster Linie wie ein Schlupfloch, das Coleman dank eines guten Anwalts ausnutzen konnte. Doch auch das Vorgehen der Usada hat in den USA Kritik hervorgerufen - insbesondere die Tatsache, dass die Agentur offenbar die offiziellen Regeln nicht kannte oder falsch anwendete . Die Usada hat sich trotz Anfrage des SPIEGEL bislang noch nicht dazu geäußert, warum ihr die Regelanwendung scheinbar nicht bekannt war.

In der Pressemitteilung der Usada vom Montag  lässt sich Boss Travis Tygart so zitieren: "Jeder Athlet hat Anspruch auf die Unschuldsvermutung, bis sein Fall durch das festgelegte Gerichtsverfahren entschieden ist." Dies sei für Coleman der Fall, der laut Usada "keinen Verstoß begangen hat und gemäß den Regeln uneingeschränkt teilnahmeberechtigt ist".

Das 100-Meter-Finale bei der WM in Doha kann also mit Christian Coleman starten. Sofern er sich denn qualifiziert.