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Pechstein-Triumph Revolutionärer Richterspruch

Claudia Pechstein nennt es ihren größten Sieg: Die Eisschnelllauf-Olympiasiegerin hat vor Gericht gegen den Weltverband triumphiert. Was bedeutet das Urteil für die Sportgerichtsbarkeit? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Worum geht es im Fall Pechstein?

Die fünfmalige Olympiasiegerin im Eisschnelllauf wurde 2009 für zwei Jahre gesperrt. Der Internationale Weltverband ISU warf Claudia Pechstein Doping vor - obwohl es keine positive Probe gab. Der Verband entschied aufgrund hoher Retikulozyten-Werte in Pechsteins Blut, diese seien nur durch Doping zu erklären.

Die Sportlerin wehrte sich und erklärte, die Blutwerte seien auf eine genetisch bedingte Anomalie zurückzuführen. Sie legte ein Gutachten vor, dass dies belegt, und mittlerweile gelten die schwankenden Blutwerte auch beim Verband nicht mehr als Dopingbeweis. Dennoch wies der Internationale Sportgerichtshof Cas Pechsteins Beschwerde im November 2009 zurück und bestätigte die Sperre. Daraufhin zog Pechstein vor das Münchner Landgericht und verklagte den Weltverband auf 4,4 Millionen Euro Schadensersatz.

Das Landgericht erklärte die Vereinbarung von Pechstein und Verband für nichtig, wonach sich die Athletin der Schiedsgerichtsbarkeit unterwerfen musste. Allerdings erklärten die Richter die Cas-Entscheidung für wirksam, weil Pechstein sich dem Schiedsgericht unterworfen habe. Diesen Teil des Urteils hat das Oberlandesgericht nun gekippt.

Was hat das Oberlandesgericht entschieden?

Die Richter haben die Schadensersatzklage angenommen. Die Cas-Entscheidung zur Dopingsperre sei "nicht anerkennungsfähig". Die deutschen Gerichte seien deshalb beim Urteil nicht an den Spruch des Sportgerichtshofs gebunden. Nach einem fast sechsjährigen juristischen Streit ist das ein großer Erfolg für Pechstein. "Dieser Sieg ist mehr wert als alle meine Medaillen", sagte sie.

Was bedeutet das Urteil?

Das Urteil kann über den Einzelfall hinaus eine große Bedeutung für die deutsche und internationale Sportgerichtsbarkeit haben. Sollte der Bundesgerichtshof dem Oberlandesgericht folgen, wäre Sportlern künftig der Weg zu ordentlichen Gerichten offen. Experten begrüßen das: "Endlich wird die Überbedeutung des Cas und die Verdrängung staatlichen Rechts ausgehebelt", sagte der Heidelberger Sportrechtler Michael Lehner.

Die Hürden dürften aber weiterhin hoch sein. So wie Unternehmen sich auf Schiedsgerichte verständigen können, wird dies auch im Sport weiter möglich sein. Unrealistisch ist deshalb, dass Fußballer oder ihre Vereine zum Beispiel beim Streit über eine Sperre nach einer Roten Karte die Sportgerichtsbarkeit verlassen können.

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Droht dem internationalen Sport nun ein Chaos?

Die Verbände warnen vor diesem Szenario, das dürfte aber reichlich übertrieben sein. Auch in Zukunft werden Verbände Klubs oder Athleten den ordentlichen Rechtsweg untersagen dürfen. Im neuen Anti-Doping-Gesetz zum Beispiel wurde ein Passus eingeführt, wonach Sportler die Sportgerichtsbarkeit akzeptieren müssen. Innenminister Thomas de Maizière glaubt, dass die Schiedsgerichtsbarkeit damit rechtlich abgesichert ist. Sportrechtler Lehner sieht das anders: De Maizière könne das Urteil nicht ignorieren "und muss sich überlegen, ob er diesen Paragrafen nicht zurückzieht".

In elementaren Fällen könnte es für Sportler in jedem Fall leichter werden, sich gegen die Schiedsgerichte zu wehren. Ein denkbares Beispiel wäre, wenn Karrieren von Sportlern auf dem Spiel stehen - zum Beispiel durch eine lebenslange Sperre oder Sportinvalidität nach einem brutalen Foul. Außerdem müssen die Schiedsgerichte bei einem Erfolg Pechsteins anders besetzt werden - mit mehr Einfluss der Athleten. Das dürfte viele Verfahren verlängern, wäre aber ein überfälliger Schritt zu mehr Gerechtigkeit im Sport.

Wie geht der Prozess weiter?

Der Weltverband hat umgehend Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH) angekündigt. Der Verband hat nun drei Monate Zeit, seinen Einspruch zu begründen. Danach wird die Revisionsschrift Pechsteins Anwälten zugestellt. Diese hat dann drei Monate Zeit, ihre Sicht schriftlich darzulegen. Wenn die Einspruchsfristen jeweils ausgeschöpft werden, wird sich der BGH nicht vor September 2015 mit dem Fall beschäftigen. Erst nach dem BGH-Urteil wird vor dem Oberlandesgericht über die finanziellen Forderungen von Pechstein verhandelt.

Ist ein Vergleich möglich?

Durchaus, zumal Pechstein sich immer offen dafür gezeigt hat. Bislang war es stets der Verband, der eine außergerichtliche Einigung abgelehnt hat. Das könnte sich ändern, wenn eine neue Hauptverhandlung droht.

Der Fall Pechstein in der Chronologie

cte/dpa/sid
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