Cofidis-Skandal "Was sucht so jemand im Radsport?"

Abgehörte Telefonate, Blutspenden von Außenstehenden und ein Wiederholungstäter, der 1992 die olympische Bronzemedaille gewann. Der Dopingskandal um den französischen Radrennstall Cofidis zieht immer weitere Kreise. Das französische Sportministerium hat für Freitag eine Krisensitzung einberufen.


Paris - In der Dopingaffäre um den französischen Rennstall Cofidis richten sich die aktuellen Ermittlungen gegen den Radprofi Philippe Gaumont. Der 30-Jährige soll seinen früheren Teamkollegen Robert Sassone mindestens einmal mit dem Blut-Doping-Mittel Epo versorgt haben. Dies sagte ein nicht namentlich genannter Vertreter der französischen Justizbehörden nach Angaben der Nachrichtenagentur AP am Donnerstag.

Gaumont, der 1992 bei den Olympischen Spielen die Bronzemedaille im Mannschaftszeitfahren gewonnen hat, war am Dienstag gemeinsam mit seinem Teamkollegen Cédric Vasseur bei der Rückkehr aus dem Trainingslager in Südspanien am Pariser Flughafen Orly festgenommen worden. Gaumont wurde aber für die Dauer der Untersuchung wieder auf freien Fuß gesetzt. Kurz vor der Verhaftung der beiden Cofidis-Profis hatte ein Ermittlungsrichter Anklage gegen den 25-jährigen Bahn-Spezialisten Sassone erhoben. In dessen Haus waren in der vergangenen Woche neben Epo auch Amphetamine und Wachstumshormone gefunden worden.

Perverse Generation


Gaumont ist kein Neuling, was Dopingaffären angeht. 1996 und 1997 wurde er jeweils positiv getestet, 1999 und 2003 stand er unter besonderer Beobachtung. "Was sucht so jemand noch im Radsport?", schimpfte deshalb der Vorsitzende der französischen Radprofis, Thierry Cazeneuve. Er fürchtet, dass der Radsport Gefahr laufe, zerstört zu werden, solange diese Generation von Betrügern im Sattel sitze. "Es wird Zeit, dass diese Fahrer endlich abtreten, sonst erledigen sie den Radsport endgültig", so Cazeneuve weiter, "ich glaube, manche dieser Alten sind so pervers, dass sie jüngere Fahrer vom rechten Weg abbringen." Cazeneuve fordert für die Zukunft härtere Sanktionen wie unangemeldete Tests im Training und in den Privathäusern der Fahrer oder sogar während den Etappen.

Am Donnerstag berichtete die französische Fachzeitschrift "L'Equipe" zudem von einer altmodischen Form von Blutdoping, die von Cofidis-Fahrern während der vergangenen Tour de France angeblich praktiziert worden sei. Das Sportblatt beruft sich auf Informationen des Magazins "Le Point". Demnach sollen Fahrer Blut von außen stehenden Personen gekauft haben, um die eigene Körperflüssigkeit mit roten Blutkörperchen anzureichern.

Laut "Le Point" sei diese Art von Blutdoping schon in den siebziger Jahren angewendet worden, aus Angst vor Hepatitis- und Aids-Infektionen dann aber jahrelang nicht mehr praktiziert worden. Als Beweis für die Behauptung liefert "Le Point" einen nun veröffentlichten Telefonmitschnitt eines entsprechenden Gesprächs zwischen dem in der vergangenen Woche verhafteten Cofidis-Physiotherapeuten Bogdan Madejak und Ex-Cofidis-Fahrer Marek Rutkiewicz.

Krisensitzung einberufen


Der Kapitän des Cofidis-Teams, David Millar, hat unterdessen den Verdacht eines groß angelegten Dopings in seinem Rennstall zurückgewiesen. "Was ich sagen kann, ist, dass es kein Cofidis-Problem ist, und es hat sicherlich nichts mit mir zu tun", wird der britische Zeitfahr-Weltmeister vom Internet-Anbieter "Radsport-News" zitiert. Auch einen Vergleich mit der Festina-Affäre aus dem Jahr 1998 lehnte der 27-Jährige entschieden ab.

Angesichts der immer weiteren Kreise, die die aktuelle Doping-Affäre zieht, hat der französische Sportminister Jean-Francois Lamour einen Krisengipfel einberufen. Am Freitag sollen die wichtigsten Radsport-Vertreter des Landes über die Affäre und ihre Auswirkungen auf die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele im Sommer in Athen diskutieren.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.