Ehemaliger NFL-Profi Kaepernick Auf die Knie

Seit Footballspieler Colin Kaepernick bei der Nationalhymne sitzen blieb, gilt er als einer der umstrittensten Sportler der USA. Nun ist er arbeitslos - weil er gegen die Diskriminierung von Schwarzen kämpft?

AP

Von Eike Hagen Hoppmann


An einem sonnigen Augusttag zogen etwa 1000 Demonstranten, Schwarze und Weiße, in New York vor die Zentrale der National Football League (NFL). Sie trugen T-Shirts auf denen "I'm with Kap" stand und riefen "Boykott, Boykott".

Sie demonstrierten für einen Footballspieler. Colin Kaepernick, 29, ehemaliger Quarterback der San Francisco 49ers ist aktuell vereinslos. Viele Beobachter sind sich sicher, dass nicht die sportlichen Leistungen der Grund für seine Arbeitslosigkeit sind. Kaepernick finde keinen Job, weil er sich offen gegen Rassismus positioniere und die Vereine Angst vor negativen Fanreaktionen haben, sollten sie ihn verpflichten.

Die Demonstration in New York war nur der vorläufige Höhepunkt. In der Sache geht es nur vordergründig um Sport. Die Diskussion ist deshalb so aufgeladen, weil sensible Themen der USA mit voller Wucht aufeinanderprallen: Der kriselnde Nationalsport und die Diskriminierung von Schwarzen. Zum Saisonstart kocht das Thema wieder hoch.

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Colin Kaepernick: Vom Star zum Ausgestoßenen

Die Geschichte begann vor etwa einem Jahr. Wie bei jedem Sportereignis in den USA wurde auch bei den Vorbereitungsspielen der San Francisco 49ers die Nationalhymne gespielt. Als alle aufstanden, blieb Kaepernick sitzen. "Ich stehe nicht auf, um Stolz auf eine Flagge für ein Land zu zeigen, das schwarze und farbige Menschen unterdrückt", sagte er. In den Wochen zuvor waren mehrere Schwarze von US-Polizisten erschossen worden.

Der Aufschrei war heftig. Spieler aus der NFL, Funktionäre und viele Fans reagierten entsetzt. Der damalige Präsidentschaftskandidat Donald Trump sagte, Kaepernick solle sich "ein neues Land suchen". San Franciscos Polizeigewerkschaft drohte sogar damit, keinen Dienst mehr im Stadion der 49ers zu verrichten, sollte Kaepernick nicht bestraft werden.

Auch Präsident Barack Obama schaltete sich ein und versuchte zu beruhigen, was nicht zu beruhigen war. "Er übt sein verfassungsmäßiges Recht aus, um ein Statement abzugeben", sagte Obama. "Ihm liegen reale und legitime Fragen am Herzen, über die gesprochen werden muss."

Doch weder die Äußerungen des Präsidenten noch Kaepernick selbst, der aus Respekt vor dem Militär seinen Protest änderte und nur noch auf die Knie ging, konnten die Situation beruhigen. Kaepernick war auf einmal einer der polarisierenste Sportler der USA. In gegnerischen Stadien wurde er ausgebuht, seinetwegen schauten Fans keine NFL-Spiele mehr. Gleichzeitig kauften aber auch immer mehr Leute sein Trikot.

Arbeitslos seit Saisonende

Nach einer enttäuschenden Saison verließ Kaepernick im Frühjahr die 49ers. Nicht ganz freiwillig, er wäre sonst wohl entlassen worden. Doch Kaepernick blieb ohne Verein. Und je näher die Saison heranrückte, umso größer wurden die Fragen.

Denn mit Mark Sanchez, Case Keenum, Josh McCown, Landry Jones oder E.J. Manuel haben zahlreiche Quarterbacks neue Verträge abgeschlossen, die schlechter als Kaepernick sind. Die Miami Dolphins reaktivierten sogar Jay Cutler aus dem Ruhestand, der eigentlich schon an seiner zweiten Karriere als TV-Experte arbeitete.

Jeder Verein hatte einen anderen Grund, Kaepernick nicht zu verpflichten. Sportliche Aspekte könnten dabei auch eine Rolle gespielt haben: Denn Kaepernicks Statistiken sind zuletzt Jahr für Jahr ein wenig schlechter geworden. In der vergangenen Saison brachte er weniger als 60 Prozent seiner Pässe an den Mann, damit liegt er im Quarterback-Vergleich auf Platz 26. Dabei spielt er nicht besonders häufig lange und risikoreiche Pässe.

Und doch greift das sportliche Argument zu kurz. Jedes der 32 NFL-Teams hat mindestens zwei Quarterbacks im Kader. 64 müssten also besser sein als Kaepernick - und selbst Kritiker wissen, dass das nicht der Fall ist. Seine Behandlung sei "unfair", sagte Carolinas Star-Quarterback Cam Newton. "Er sollte ohne Frage bei einem Team im Kader stehen."

Andere Spieler tragen Kaepernicks Protest weiter

Vorerst scheinen Kaepernicks Gegner also ihr Ziel erreicht zu haben. Am ersten Spieltag stand er in keinem NFL-Kader, keine TV-Kamera konnte seinen Hymnenprotest einfangen.

Stattdessen übernehmen andere seine Rolle. Das war schon in der vergangenen Saison so - und bleibt es auch. Schon bei den Testspielen blieben NFL-Profis während der Hymne sitzen. Am ersten Spieltag ging der Protest weiter: Manche blieben auf der Bank sitzen, andere knieten oder hoben ihre Faust. Andere stellten sich in die Nähe ihrer protestierenden Teamkollegen oder legten ihre Hand auf ihre Schultern um ein Zeichen der Solidarität zu senden.

Auch ohne Kaepernick auf dem Spielfeld - seine Botschaft ist so präsent wie nie. Auf dem Platz und auf den Straßen.

Hymnenproteste am ersten NFL-Spieltag

Gesessen Gekniet Faust gehoben
Michael Bennett, Seattle Seahawks Eric Reid, San Francisco 49ers Martellus Bennett, Green Bay Packers
Marshawn Lynch, Oakland Raiders Robert Quinn, Los Angeles Rams
Marcus Peters, Kansas City Chiefs Malcolm Jenkins, Philadelphia Eagles
Cliff Avril (kurzzeitig), Seattle Seahawks


insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
treime 15.09.2017
1. Oha Spiegel weiß Bescheid?
Es gibt sicher einige sportliche Argumente gegen Kaepernick. Begründete! Außer einem verlorenem Superbowl-Finale hat er ja kaum was vorzuweisen und das liegt daran, das er sich spielerisch nicht weiterentwickelt hat. Die andere Seite wurde mal so erklärt: welche NFL Franchise holt sich freiwillig so eine Aufmerksamkeit ins Boot? Die NFL Saison ist kurz, die meisten Teams brauchen Ruhe und den Fokus auf die Spiele. Bei den Ravens war Kaepernick lange Zeit im Gespräch, "witzigerweise" hörte man auf die ablehnenden Meinungen der Legenden Ray Rice und Ray Lewis, der eine verprügelte seine Freundin im Aufzug, der andere war des Mordes angeklagt ... Die haben gegen Kaepernick gesprochen. Und ja, Amerika ist immer noch rassistisch. M.W. gehört keines der 32 Teams einem farbigen Milliardär. Der Sender FOX überträgt einen Teil der Spiele und hat sicherlich Einfluss auf die Politik der NFL. Schauen wir mal. Ich tippe auf die Seahawks, wenn es um ein neues zuhause für Colin geht. Evtl. nächste Saison.
nick-the-greek 15.09.2017
2. ...
Traurig, das nicht mehr schwarze Spieler seinem Protest folgen. Wenn diese Spieler zusammen und gleich auftreten, wäre die NFL ja leergefegt, da diese einen Großteil der Spieler ausmachen.
Turbo 15.09.2017
3. Differenzieren
Wie so oft, sollte man etwas differenzieren. Koepernick hat Recht, um was es ihm geht. Allerdings wird er auch von der Mehrheit der "Farbigen" Athleten für seine Aktionen kritisiert, da sie argumentieren er mache nur auf sich aufmerksam, ließe aber keine Taten sprechen. Dass ihn bisher kein Verein unter Vertrag genommen hat, liegt zum großen Teil daran, dass kein Management das gewaltige Medienecho Woche um Woche auf sich nehmen möchte. Sportlich wäre vermutlich sofort sekundär. Fest steht auch, dass sich die USA keinen Gefallen getan hat, so ein hochbrisanten Thema in ihren Volkssport zu tragen. Gerade Football war in seiner Geschichte eben DAS Vorzeigebeispiel für Gleichheit, Chance der Schwarzen, nationaler Stolz und Demokratie. Dass die Rassen-Diskussion nun hier ausgetragen wird, wird dazu führen, dass diese Monument langsam aber sicher bröckelt. Wohin das führt weiß keiner. Aber geholfen hat es am Ende eigentlich niemandem.
tulu01 15.09.2017
4. Lynch
Lynch blieb oft sitzen, ohne besonderen Grund, bzw gab er im Gegensatz zu Kaepernick keine Statements ab. Es wurde ein wenig gemurrt aber das war es auch. faszinierend was passiert wenn man als Angestellter seine politischen Rechte wahrnimmt. wobei sein Fehler war sich nicht einfach privat zu erklären statt im Stadion in die Kameras zu sprechen.
m.schrader 15.09.2017
5.
Tja, die Clubbesitzer der NFL sind nun mal alle konservative weiße Milliardäre. Da sollte man sich vorher überlegen was man tut. Immerhin hat er ja genug Geld in seiner Karriere gemacht, sodass er sich ab jetzt voll auf den Beruf als Bürgerrechtskämpfer konzentrieren kann!
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