NFL-Probetraining von Colin Kaepernick Wer macht hier die Regeln?

Er war ein Superstar, doch nach seinem Hymnenprotest fand Colin Kaepernick kein neues Team. Nun wollte die NFL ein Sichtungstraining inszenieren. Kaepernick ließ es platzen. Was steckt dahinter?

Colin Kaepernick: PR-Stunt? Misstrauen?
Elijah Nouvelage / REUTERS

Colin Kaepernick: PR-Stunt? Misstrauen?

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Es war alles vorbereitet für Colin Kaepernick. Scouts von rund zwei Dutzend NFL-Teams waren zum Trainingsgelände der Atlanta Falcons im US-Bundesstaat Georgia gekommen, die ersten Trainigspartner liefen sich warm, ein Kamerateam bereitete sich vor. In einem durch die NFL initiierten Workout sollte der ehemalige Star-Quarterback um 15 Uhr Ortszeit zeigen, dass er es noch drauf hat, rund drei Jahre nach seinem bislang letzten Profispiel.

Etwa eine halbe Stunde vor Beginn ließ Kaepernick das Workout platzen. Genauer gesagt: Er verlegte es eigenmächtig. In einem Statement teilte der 32-Jährige mit, dass er nicht bei der von der NFL organisierten Session auftauchen werde, sondern seine eigene veranstalte, eine Stunde später als geplant und an einem anderen Ort.

Was steckte dahinter? PR? Misstrauen?

Um kurz nach 16 Uhr fuhr Kaepernick mit seinem Team vor einem Highschool-Stadion mehr als 90 Kilometer südwestlich vom Trainingsgelände der Falcons vor. Es kamen ein paar Hundert Fans und Vertreter von acht NFL-Teams.

Kaepernick, schwarzes Tanktop, schwarze Shorts, stellte sich auf Höhe der Mittellinie auf und warf Bälle, mal lang, mal kurz. Die meisten Pässe kamen an. Dann lief er vor den Würfen etwas nach hinten oder zur Seite, als würde er imaginären Gegenspielern ausweichen.

Ein bisschen wirkte das wie Theater. Die Vorstellung dauerte 40 Minuten.

Die "New York Times" zitiert einen NFL-Scout, der anschließend von einer "beeindruckenden" Vorstellung sprach. Er hat es also offenbar noch drauf. Doch ums Sportliche geht es in der Causa Kaepernick schon lange nicht mehr.

Kaepernick nach dem Workout: "Ich bin bereit"
Elijah Nouvelage / REUTERS

Kaepernick nach dem Workout: "Ich bin bereit"

Seit 2017 befinden sich die NFL und Kaepernick im Streit. Der Quarterback hatte im Jahr davor bei den San Francisco 49ers begonnen, während der Nationalhymne zu knien, um gegen Polizeigewalt gegenüber Afroamerikanern zu protestieren. Nach seinem Vertragsende bei den 49ers fand er trotz seiner sportlichen Klasse keinen Klub. Später verklagte er die Liga: Die Teams hätten ihn damals systematisch ausgegrenzt. Erst Anfang 2019 einigten sich die Liga und ihr einstiger Superstar - außergerichtlich, ohne Details öffentlich zu machen.

Zu Beginn dieser Woche hatte die NFL Kaepernick plötzlich und überraschend das Sichtungstraining angeboten, außerdem war ein Gespräch mit Teamvertretern geplant gewesen. Die gesamte Trainingseinheit sollte seitens der NFL gefilmt und das Material den nicht vertretenen Klubs zur Verfügung gestellt werden.

Kaepernick wollte Transparenz

Doch noch bevor das Training am Samstag verschoben wurde, berichteten mehrere US-Medien, Kaepernick und die NFL seien sich uneinig, unter welchen Bedingungen das Training stattfinden sollte. Es herrschte Misstrauen.

Zum einen habe Kaepernick einen Haftungsausschluss unterschreiben sollen, der ihm untersagt hätte, die Liga zu verklagen, sollte er nach dem Training kein Team finden. Einen bei solchen Sichtungstrainings üblichen Haftungsverzicht habe wiederum die NFL abgelehnt.

Der Hauptstreitpunkt sei jedoch die Anwesenheit der Presse gewesen. Kaepernick habe sich gewünscht, dass das Training für Medien und seine eigene Filmcrew frei zugänglich sei. "Um Transparenz zu gewährleisten", hieß es in seinem Statement. Zudem habe die Kaepernick-Seite verlangt zu wissen, welche Mitarbeiter die Teams zum Workout schicken würden. Weil die NFL sich geweigert habe, den Forderungen nachzukommen, habe man einen anderen Ort ausgewählt.

Die NFL ist "enttäuscht"

"Wir sind sehr enttäuscht, dass Colin nicht zu seinem Training erschienen ist", teilte die NFL kurze Zeit später mit. Die Trainingseinheit sei darauf ausgelegt gewesen, Kaepernick zu gewähren, was er beständig gefordert hatte, "eine Gelegenheit, seine Einsatzbereitschaft und seinen Willen zu zeigen, in die NFL zurückzukehren."

Der Haftungsausschluss, den Kaepernick hätte unterschreiben sollen, hätte dem Standard entsprochen, hieß es in dem Statement. Am Samstagmittag habe das Management des 32-Jährigen einen "komplett umgeschriebenen und unzureichenden" Alternativvorschlag zurückgeschickt.

Am Freitagabend habe die NFL demnach erfahren, dass Kaepernick die Veranstaltung für Journalisten öffnen wollte. Wie es bei Sichtungen üblich sei, hätte ein Videoteam den Vorgang filmen und das Material vom Interview und dem Training verbreiten sollen. Dabei habe die NFL dem Spieler ein Zugeständnis gemacht: Kaepernick und sein Management hätten sowohl das Video, das alle 32 Klubs bekommen hätten, als auch das Rohmaterial von der gesamten Veranstaltung erhalten. Das habe es zuvor noch nie gegeben.

Das gilt auch für ein Probetraining an einem Samstag.

Bereits die Terminierung des Workouts irritierte. Vergangenen Dienstag erhielt die Kaepernick-Seite einen Anruf von der NFL und das Angebot, am Samstag das Workout abzuhalten. Innerhalb von zwei Stunden müsse sich der Footballer entscheiden, ob er teilnehme. So schreibt es die "New York Times".

"Something didn't smell right"

Das Training wurde aber nicht nur besonders kurzfristig anberaumt, auch der Tag, an dem es stattfinden sollte, war ungewöhnlich. Normalerweise werden Sichtungstrainings unter der Woche abgehalten. Denn NFL-Teamvertreter sind am Wochenende entweder mit dem Scouting von College-Spielern oder der Vorbereitung auf den Spieltag am Sonntag beschäftigt. Kaepernick soll mehrfach versucht haben, das Workout zu verlegen. Andernfalls musste er damit rechnen, dass hochrangige Teamvertreter fernbleiben würden. Die NFL soll abgelehnt haben.

So wirkt das Workout nun fast wie ein PR-Stunt. Eine Maßnahme, mit der die NFL zeigen kann, dass sie einer Kaepernick-Rückkehr nicht im Weg steht. "Something didn't smell right", zitiert die "New York Times" Kaepernicks Agenten: Irgendwas war faul.

Aber auch Kaepernick verstand es, sich zu inszenieren und diese Bühne zu nutzen. "Ich bin bereit, überall hinzugehen", sagte er in Bezug auf ein mögliches neues Engagement. Die Teambesitzer bräuchten "keine Angst vor mir zu haben". Ob sich jemand bei Kaepernick melden wird, ist aber fraglich. Er hoffe es zwar, sagte sein Agent, aber er sei pessimistisch. Er habe schließlich bereits "mit allen 32 Teams gesprochen. Keines hat Kaepernick ein Probetraining angeboten."



insgesamt 3 Beiträge
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Lankoron 17.11.2019
1. Das ist doch
von beiden Seiten nur Theater. Von der NFL, die irgendwie zu diesem PR-Stunt bereit und/oder verpflichtet war, von Kapernick, der genau das bekam, was er wollte: Aufmerksamkeit und die Möglichkeit zu meckern, zu jammern, zu boykottieren. Seien wir doch ehrlich: 3/4 der Teams sind mit besseren oder gleichwertigen QB besetzt, und ob sich Kapernick unter den verfügbaren Teams Freunde gemacht hat, oder seine Team- und Kompromissbereitschaft gezeigt hat, ist sicherlich zweifelhaft. Zumal ein solches 1-h-Training eigentlich gar nichts aussagt, ohne Gegner können sicherlich viele QB gut werfen, mit abgesprochenen Laufwegen, mit ausgesuchten Running Backs....
derdonster 17.11.2019
2. Falsche Darstellung
Allein die Überschrift ist hier schon extrem proplematisch und irreführend, vor allem für Menschen die die NFL nicht regelmäßig verfolgen. Kaepernik war nie ein Superstar, er war ein durchschnittlicher NFL Quaterback, der schon vor der ganzen Hymnen Situation auf dem absteigenden ast war und seinen Stammplatz verloren hatte. Natürlich spielt die Hymnen GEschichte ein entscheidende rolle in seiner nichtanstellung, aber wäre er der Superstar wie er hier dargestellt wird, würden viele nfl teams die schlechte pr in kauf nehmen. Die Realität ist, dass er heutzutage ein maximal mittelmäßiger ersatzspieler wäre, für den es sich nicht wirklich lohnt den Medientrubel und cirkus zu ertragen der auf eine Verpflichtung folgen würde.
delusionist 19.11.2019
3. Pro[p/b]lem oder nicht?
Nur weil die Bezeichnung von Kaepernick als "Superstar" etwas übertrieben ist, tut es nicht not, in die Gegenrichtung auszubrechen. Er hat 2012 in seinem ersten Jahr als Starter den Superbowl erreicht (Pat Mahomes hat das beispielsweise nicht geschafft), und diesen mit nur 3 Punkten Differenz verloren. Diese und die Folgesaison waren für die 49ers durchaus erfolgreich, und die 8-8 Bilanz 2014 war zwar mittelmäßig, jedoch liegt so etwas niemals nur am QB. Ebenso die Tatsache, dass er nach dem 2-6 Saisonstart 2015 seinen Job als Starter verloren hat. Im Fußball wird bei andauerndem Misserfolg erstmal der Trainer gefeuert, in der NFL wird erstmal der QB durchgewechselt, wenn er strauchelt, die übliche Next-man-up-Mentalität der NFL halt. Dass einem QB so etwas passiert, ist kein Beweis für seine etwaige Mittelmäßigkeit, denn auch hier gibt es verschiedene Faktoren (Mentalität, Form, Fitness, Qualität der O-Line, Qualität der Passempfänger, Qualität der Spielzugauswahl und des Gameplans). Sicherlich gibt es QBs, die auch trotz Widrigkeiten in mehreren der genannten Bereiche noch Siege erspielen und ihr Team durch ihre Qualität und Führungsstärke tragen können, und so einer mag Kaepernick nicht oder nur mit Einschränkungen sein - aber für grundsätzlich schlechter als z.B. einen Kirk Cousins (QB1 der Vikings), Cam Newton (Panthers), Mitch Trubisky (Bears), Sam Darnold (Jets) oder einen Carson Wentz (Eagles) halte ich ihn definitiv nicht. Und da sind einige dabei, die mit ihren Teams derzeit durchaus noch gute Playoffchancen haben.
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