College-Sport Profikarriere mit Prädikat

Kein anderes System bietet Talenten ein so gutes Sprungbrett in den Profisport wie die Colleges in den USA. Wer Studium und Sport verbinden möchte, findet dort die besten Bedingungen. Die Universitäten verlangen nichts anderes als Bestleistungen - aber es gibt auch Tücken.

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Von Christoffer Kleindienst


Vollkommene Stille. Tausende von orange gekleideten Zuschauern knabbern an den Fingernägeln, ihre Augen wandern hektisch von links nach rechts. Plötzlich erwacht die Masse zum Leben, Leute jubeln, springen auf und klatschen in die Hände. Man könnte meinen, der Tennisspieler auf dem Platz, Ryler DeHeart, habe gerade die US Open gewonnen. Doch es war lediglich ein Spieltag in der "Big-Ten-Conference" und DeHeart hat die Universität von Chicago-Urbana-Champaign zum Sieg geführt.

Diejenigen, die das amerikanische System "College" nicht kennen, sind zumeist über solche Szenen überrascht. Eine solche Dimension des Hochschulsports gibt es hierzulande nicht. Das US-Bildungssystem versteht es wie kaum ein anderes, Studium und Leistungssport zusammenzuführen. Mittels dieses Angebots ziehen die amerikanischen Universitäten Studenten aus der ganzen Welt an.

Für diese jungen Leute sind neben der Auslandserfahrung die dort gebotenen Sportmöglichkeiten das entscheidende Argument, die Heimat zu verlassen. Wer nach dem Abitur auf eine Zukunft im Leistungssport hofft, aber dennoch eine berufliche Absicherung haben will, zieht es in die USA. Dort wird von ihnen viel erwartet: Tagsüber wird akademischen Pflichten nachgegangen, in der verbleibenden Zeit trainiert und gespielt.

Keine Zeit zum Verschnaufen

"Normalerweise hatten wir jeden Tag Training, außer sonntags. In der Saison spielten wir aber dann fast jedes Wochenende ein Match und zwei bis drei Mal die Woche mussten wir zum Kraft- oder Lauftraining. Vor der ersten Vorlesung - also um sechs Uhr morgens", sagt DeHeart, der sich momentan als Tennisprofi versucht und von 2002 bis 2006 an der Universität von Chicago-Urbana-Champaign immatrikuliert war.

Der Tagesablauf ist klar strukturiert: Früh aufstehen, trainieren, Vorlesungen besuchen, wieder trainieren, für die Uni lernen - und dann ist der Tag auch meist vorbei. Dazu kommt noch Mentaltraining mit einem Psychologen. Die Sportler sollen lernen, niemals aufzustecken, für ihr Ziel zu kämpfen. Aus den Jugendlichen sollen Athleten werden.

Das Studium kann da schon mal in den Hintergrund und ein Problem des College-Sports in den Vordergrund rücken: Wenn man sich an den großen Unis bei den beliebten amerikanischen Sportarten wie Basketball oder Football durchsetzen will, muss der Student zum Vollzeitprofi werden. Die Stars des Teams werden im Studium bevorzugt, der Rest hat es schwer. Zu viel Geld fließt in diesen Bereichen, dem Football-Trainer Mack Brown zahlt die Universität von Texas beispielsweise 3,7 Millionen Dollar pro Jahr.

Wo Studenten-Sport Geld bringt, tritt das Lernen in den Hintergrund

Die Sportler müssen zwar einen gewissen Notendurchschnitt aufweisen, ansonsten sind sie für ein Semester nicht spielberechtigt. Die Studenten besitzen zudem alle einen so genannten "Amateurism Status", der besagt, dass man keine Sponsorengelder oder Geschenke annehmen darf. Doch schon oft hat sich gezeigt, dass Athleten in Sportarten wie Football oder Basketball, die Geld bringen, akademische Hürden aus dem Weg geräumt werden. Wenn eine Uni sportlich erfolgreich ist, kann sie mit mehr Spenden und Studenten rechnen, die Gebühren bis in den fünfstelligen Bereich zahlen.

Viele Sportler schaffen ihr Studium nicht, weil sie sich vollkommen auf den Sport konzentriert haben. Am Ende stehen sie häufig mit leeren Händen da: kein Profivertrag, kein akademischer Abschluss. Die Idee des College-Sports geht verloren.

In Sportarten wie Tennis, Fußball, Golf, Schwimmen oder Leichtathletik, die weniger Geld für die Unis bringen oder sogar subventioniert werden müssen, hat das Lernen einen höheren Stellenwert. Doch die ständige Doppelbelastung ist kraftraubend. "Diese Zeit hat mir den Wechsel zu den Profis definitiv erschwert", sagt DeHeart. "Manchmal schaue ich zurück und bin selbst überrascht, wie ich das alles durchhalten konnte."

Uni-Abschluss so wichtig wie der Sprung zu den Profis

Trotz der harten Bedingungen gibt es viele Beispiele von Sportlern, die nach ihrer College-Zeit den Sprung ins Profi-Lager geschafft haben: Basketball-Star Kevin Durant war zwar nur eine kurze Zeit eingeschrieben, sorgte aber da für viele sportliche Schlagzeilen - erst kürzlich führte er sein Nationalteam zum WM-Titel. Tom Brady ist der bestbezahlte Quarterback der Welt, er verdient 72 Millionen Dollar in den kommenden drei Jahren. Er machte seinen Abschluss an der Universität von Michigan. Drei von sechs aktuellen Top-100-Tennisspielern aus den USA waren eingeschriebene Studenten, sogar John McEnroe spielte früher für die Stanford Universität. Auch Tiger Woods war dort eingeschrieben, der ehemalige 100-Meter-Weltrekordhalter Tyson Gay war am Barton County Community College.

Für die, bei denen es am Ende nicht zur Profikarriere reicht, bleibt aber zumindest die Hoffnung, immerhin das harte Studium abgeschlossen zu haben. Tennisspieler DeHeart ist momentan an Position 280 der Tennisweltrangliste. Falls es mit der erhofften Karriere nicht klappen sollte, kann er auf seinen Abschluss in Psychologie zurückgreifen. Ebenso wie seine Freundin, Megan Fudge, die selbst eine erfolgreiche Sportlerin an ihrer Universität war, sich aber gegen das Profitum entschieden hatte: Sie trainiert nun ein College-Tennisteam. Und sie sind sich beide einig: "Wir würden es jederzeit wieder machen."



insgesamt 3 Beiträge
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osyruz 12.10.2010
1. Kleiner Schönheitsfehler:
Es handelt sich bei DeHeart um einen Sportler der University of Illinois aus Urbana-Champaign, das "Chicago" scheint da nur reingerutscht zu sein, oder?
Newspeak, 12.10.2010
2. ...
"Dort wird von ihnen viel erwartet: Tagsüber wird akademischen Pflichten nachgegangen, in der verbleibenden Zeit trainiert und gespielt." "Die Stars des Teams werden im Studium bevorzugt, der Rest hat es schwer." Eben. Das Studium ist in vielen Fällen nicht mehr als ein schöner Schein, in Wirklichkeit geht es um die öffentlichkeitswirksame Vermarktung der Unis, die in wesentlicher Weise von Spendengeldern finanziert werden, und sich deshalb irgendwas einfallen lassen müssen, um die Öffentlichkeit von sich zu begeistern. Leider kann man das mit bebrillten Nerd Typen, die das Zeug zum nächsten Einstein haben, wohl nicht erreichen, deshalb braucht man Profisportler, die formal auch "studieren". Letztlich zeigt sich hier auch, wie wenig Anerkennung man öffentlich mit geistigen Höchstleistungen erzielen kann und das die allermeisten Menschen von den Segnungen speziell der Naturwissenschaften gerne profitieren, aber nur wenig bereit sind, dafür persönlich zu investieren. Ich finde das amerikanische System in diesem Punkt absolut nicht bewunders- oder nachahmenswert. Es ist eine Bankrotterklärung, wenn eine Uni für ihren Sport berühmter ist, als für ihre sonstigen akademischen Leistungen.
xsreality 12.10.2010
3. .
Kann mir nur schwer vorstellen, dass Leistungssport auf hohem Niveau mit einem Studium vereinbar ist bzw. das Studium müsste dafür etwas in die Länge gezogen werden.
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