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Commonwealth Games: Brücke, Barracke, Boykott

Foto: Daniel Berehulak/ Getty Images

Commonwealth Games in Indien Not und Spiele

Es sollten die "besten Spiele der Geschichte" werden, doch nun droht Indien mit den Commonwealth-Spielen eine Riesen-Blamage. Gewalt auf den Straßen, unzumutbare Athletenquartiere, gefährliche Baumängel und Seuchengefahr - da möchten viele Athleten gar nicht erst anreisen.

Bis vor kurzem hatten sie noch an sich selbst geglaubt, daran, dass es alles noch wie durch ein Wunder klappen könnte, trotz viel zu langsamer Bauarbeiten, trotz ständiger Korruptionsvorwürfe, trotz Kritik am Missmanagement. Die Südafrikaner hatten doch auch die Fußballweltmeisterschaft auf die Beine gestellt, obwohl die ganze Welt daran gezweifelt hatte, dass sie es können. Da sollte Indien doch die Commonwealth Games organisieren können, redete man sich ein - jenes große Sportereignis, an dem alle vier Jahre Sportler aus den Ländern des ehemaligen britischen Empire teilnehmen.

Aber dann kam alles viel schlimmer: Am Sonntag feuerten Terroristen von einem Motorrad aus auf einen Reisebus, direkt vor der Jama-Masjid, der Freitagsmoschee im Zentrum der Altstadt von Delhi. Zwei Touristen aus Taiwan mussten in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Islamisten bekannten sich später zu der Tat.

Am Dienstag stürzte eine neue Fußgängerbrücke zum Jawaharlal-Nehru-Stadion ein, wo am 3. Oktober die Spiele eröffnet werden sollen. 23 Bauarbeiter wurden verletzt. Einen Tag später brach im Stadion selbst eine Decke ein, 27 Menschen mussten behandelt werden. Die Behörden erklärten sofort, das "kleinere Unglück" liege nicht an Bau- oder Konstruktionsfehlern, sondern daran, dass ein Mann, der auf dem Dach herumkletterte, heruntergefallen sei.

Angst vor Dengue-Fieber, völlig verdreckte Toiletten

Experten befürchten außerdem, dass sich das Dengue-Fieber demnächst rasch ausbreiten wird. Die Krankheit wird von Mücken übertragen, die Plage ist im Oktober besonders groß. Bislang haben die Behörden mehr als 2500 Fälle registriert. Und: Internationale Inspektoren waren entsetzt, als sie die Sportstätten und Unterkünfte besichtigten.

Mehrere indische Zeitungen berichteten, sie hätten Straßenhunde in den Betten gesehen, außerdem Kot in den Zimmerecken vorgefunden. Die Toiletten seien "völlig verdreckt und ekelhaft" gewesen, überall habe Müll herumgelegen, Strom- und Wasserversorgung sowie Möblierung der Räume seien unzureichend.

Fazit: Die Wohnräume seien "schmutzig und unbewohnbar". "Wenn es nicht so erniedrigend wäre, wäre es eigentlich komisch", schreibt der indische Journalist Leo Mirani in der Online-Ausgabe des "Guardian".

Die Commonwealth Games sind ein internationaler Wettkampf, hervorgegangen aus den "British Empire Games", als Großbritannien noch eine Weltmacht war und auf sportliche Weise den Zusammenhalt der Kolonien stärken wollte. Im November 2003 erhielt Neu-Delhi den Zuschlag für 2010 und versprach die "besten Spiele der Geschichte". Doch bis 2008 tat sich nur wenig, gleichwohl wurde die U-Bahn weiter ausgebaut und ein neuer Flughafen eröffnet.

Rund 7000 Sportler und Funktionäre aus den sogenannten Commonwealth-Staaten werden jetzt in Neu-Delhi erwartet, 17 Sportarten stehen auf dem Programm. Delhi hat mit den Asienspielen bereits zweimal größere Sportveranstaltungen ausgerichtet, 1951 und 1982. Die Commonwealth-Spiele sind aber der größte Wettbewerb, den die Stadt je zu organisieren hatte.

Immer mehr Teams sagen Teilnahme ab

Doch bei dem Chaos in Neu-Delhi ziehen immer mehr Sportler ihre Teilnahme zurück oder verschieben ihre Anreise nach Indien, um die weiteren Entwicklungen abzuwarten. Die Teams aus Kanada, Schottland und Neuseeland kündigten an, später als geplant nach Delhi zu fliegen. Wann, ließen sie offen. Australiens Regierungschefin Julia Gillard erklärte, sie habe Sicherheitsbedenken. Australische Medien berichteten, das Land werde Polizisten nach Neu-Delhi schicken, die für die Sicherheit der australischen Sportler sorgen sollten. Außerdem werde das Land "Hygieneexperten" entsenden.

Indiens Premierminister Manmohan Singh hat die Angelegenheit inzwischen zur Chefsache gemacht. Indische Politiker und Wirtschaftsbosse haben in den vergangenen Jahren mühevoll am Bild einer selbstbewussten, aufstrebenden Nation gemalt - jetzt hat das Image innerhalb weniger Tage Schaden genommen, der Ruf des Landes steht auf dem Spiel. Einer Umfrage der "Hindustan Times" zufolge schämen sich 68 Prozent der befragten Menschen in Neu-Delhi wegen der Zustände zehn Tage vor Beginn der Spiele. Das Ganze sei eine "nationale Schande", schreibt die Zeitung.

Singh traf sich am Donnerstagabend mit seinem Sportminister M.S. Gill und dem für Stadtentwicklung zuständigen Minister Jaipal Reddy, um über eine Lösung des Problems zu sprechen. Reddy hatte vor dem Treffen der BBC gesagt, dass die Medien die Probleme übertrieben dargestellt hätten. Es herrschten lediglich Missstände bei den Toiletten im Athletendorf - abgesehen davon gebe es keine Probleme.

Aus dem Umfeld des Regierungschefs hieß es, Singh wolle in den Gesprächen ermitteln, wie weit die Veranstaltung von einem Scheitern entfernt sei. Wenn sinnvoll, wolle er "alles in Bewegung setzen, damit die Spiele doch noch ein Erfolg werden", sagte ein Mitarbeiter Singhs. Es gehe um das Ansehen Indiens, darum, ob eine "zukünftige wirtschaftliche Großmacht" die Organisation eines Großereignisses stemmen könne, kurz: "Es ist so etwas wie eine Schicksalsfrage für uns."

Dreispringer Idowu twittert bereits seine Absage

Mehrere Top-Athleten, darunter der britische Dreispringer Phillips Idowu, zogen ihre Teilnahme an den Commonwealth Games zurück, trotz Beteuerungen der indischen Behörden, doch noch für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Idowu verkündete per Twitter im Internet: "Sorry, Leute, aber ich muss an meine Kinder denken. Meine Sicherheit ist denen wichtiger als eine Medaille."

Die Spiele bedeuteten ihm viel, die Commonwealth Games seien der Wettbewerb, bei dem er seine erste Medaille gewonnen habe. Aber all die schlechten Nachrichten hätten ihn zu dem Entschluss gebracht, trotzdem nicht dabei zu sein. Die australische Diskus-Weltmeisterin Dani Samuels ließ nach dem Anschlag vor der Freitagsmoschee über ihren Manager verkünden, sie wolle nicht ihr Leben für einen sportlichen Erfolg riskieren.

Der Geschäftsführer der Commonwealth Games, Mike Hooper, erklärte Journalisten, es habe in den vergangenen Tagen durchaus Fortschritte sowohl bei der Sicherheit als auch bei der Hygiene gegeben. "Allerdings muss noch mehr geschehen." Michael Fennell, Präsident der Commonwealth Games, bat um ein Treffen mit Premierminister Singh, er gehört zu den größten Kritikern der hygienischen Zustände im Athletendorf.

Lalit Bhanot, Generalsekretär des Organisationskomitees in Neu-Delhi, schockierte die Öffentlichkeit, als er, von Journalisten mit den Vorwürfen zu verdreckten Unterkünften konfrontiert, ernsthaft erklärte: "Jeder hat andere Maßstäbe für Sauberkeit und Hygiene. Was der eine für sauber hält, mögen andere nicht für rein halten." Man müsse sich jedenfalls nicht dafür schämen.

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