Contador bei der Tour de France Verdächtig auf großer Fahrt

Die 98. Tour de France startet, mit im Feld ist Alberto Contador - ein Dopingverdächtiger, der sich bald vor dem Internationalen Sportgerichtshof verantworten muss. Egal, wie das Urteil ausfällt: Dem wichtigsten Radrennen der Welt droht durch die Teilnahme einmal mehr ein schwerer Imageschaden.

AFP

Alberto Contador polarisiert: In Spanien ist der Radsportler ein Volksheld, in Frankreich gilt er als Persona non grata: Laut einer Studie des französischen Meinungsforschungsinstituts Ifop wollen 63 Prozent der Befragten den dopingverdächtigen Profi nicht bei der anstehenden Tour de France sehen. Während auch einige Rennfahrer den Start des Titelverteidigers als rufschädigend für ihren Sport empfinden, darf Contador sich andererseits der Unterstützung vom Präsidenten des Olympischen Komitees IOC, Jacques Rogge, erfreuen. Der Belgier sieht "kein Problem" in einer Teilnahme Contadors.

Die einzig unabhängige Instanz, der Internationale Sportgerichtshof Cas, vor dem Contador seinen positiven Dopingbefund erklären soll, hat die Anhörung auf einen Zeitpunkt nach der Tour vertagt. Der Spanier darf also beim wichtigsten Radrennen der Welt starten. Ein Widerspruch, der die Tour de France zu zerreißen droht.

Wer ist der Mann, der die Sportwelt so vor sich hertreibt? Vom Aussehen her ein schmaler, schmächtiger Bursche, nur 1,76 Meter groß, aber zäh, Wettkampfgewicht zwischen 62 und 64 Kilogramm. Alles ist Muskulatur. Fettreserven hat er nicht einmal im Gesicht. Das schüchterne Lächeln, das noch vor wenigen Jahren seine Verlegenheit beim Reden außerhalb des vertrauten Kreises kaschierte, ist einem selbstbewussten, zuweilen triumphierenden Lachen gewichen. Es signalisiert Stolz auf das Erreichte (sechs große Rundfahrtsiege), die Gewissheit, die Serie fortsetzen zu können und die Überzeugung, geschützt zu sein.

"Spanien gehört nicht zu den Ländern mit einem Verunreinigungsrisiko"

Denn obwohl in vier bei der Tour de France 2010 genommenen Urinproben Contadors Clenbuterol gefunden wurde, darf der 28-Jährige fahren. Weil der Muskelmacher Clenbuterol ein körperfremder Stoff ist, sieht der Code der internationalen Anti-Doping-Agentur Wada normalerweise automatisch eine Sperre vor. Ausnahmen gibt es nur, wenn erwiesen ist, dass das Mittel unbeabsichtigt in den Körper gelangt ist, wie nach Ansicht der Wada bei Tischtennisspieler Dimitrij Ovtscharov geschehen.

Ob es sich bei Contador um eine Ausnahme handelt, ist umstritten. Der Profi selbst sagt: "Das ist ein klarer Fall von Lebensmittelverunreinigung." Beweisen kann er es nicht. Das von ihm genannte ominöse, in Spanien gekaufte Stück Fleisch ist längst verzehrt. Von den anderen Astana-Profis, die ebenfalls von der Rinderlende gekostet hatten, wurden keine Urinproben genommen.

Wada-Forschungsdirektor Olivier Rabin hält die Kontaminationsthese Contadors für wenig plausibel. "Spanien gehört nicht zu den Ländern mit einem Verunreinigungsrisiko", sagte er SPIEGEL ONLINE im Juni dieses Jahres am Rande einer Anti-Doping-Konferenz in Rom. Ihm sei bei der Auswertung verschiedener Clenbuterol-Fälle sogar aufgefallen, dass auch geringe Konzentrationen des Stoffes von Doping herrühren können. "Jede Konzentration von Clenbuterol kann Doping sein. Das ist das Problem", stellte er fest.

Alberto Contador erbringt Leistungen wie aus der Zeit der Hochdoping-Ära

Weil der Wada-Code dem Beschuldigten bei positiven Proben die Beweislast für eine Unschuld auferlegt, ist der Fall eigentlich klar. Dennoch konnte sich der spanische Radsportverband RFEC im Februar 2011 nicht zu einem Schuldspruch durchringen. Er legte das Disziplinarverfahren zu den Akten. Durch den Einspruch des Radsportweltverbandes UCI und der Wada landete der Fall vor dem Cas.

Alberto Contador fährt und gewinnt währenddessen Rennen. Beim Giro d'Italia deklassierte er die Konkurrenz. Er überraschte selbst Doping-Guru Michele Ferrari: Der umstrittene Mediziner rechnete eine Performance von 6,48 Watt pro Kilogramm beim Anstieg zum Großglockner für Contador aus. Solch einen Wert halten Sportmediziner gewöhnlich nicht für mit normalen Mitteln erreichbar. Pikanterweise wurde bei Contadors aktuellem Teamchef Bjarne Riis während dessen durch Epo begünstigtem Toursieg 1996 der gleiche Wert gemessen.

Alberto Contador erbringt Leistungen wie aus der Zeit der Hochdoping-Ära. Allein das erregt Verdacht. Und Ärger. "Bei früherer Anmeldung des Verfahrens hätte eine Entscheidung noch vor Tour-Beginn fallen können", sagte Cas-Generalsekretär Matthieu Reeb. Jetzt ist der 1. August für die Verhandlung angesetzt. Zum Gremium der Sportrichter gehört auch der deutsche Experte Ulrich Haas.

Für die Tour de France 2011 kommt das Urteil zu spät. Sollte Contador später verurteilt werden, müssten die Ergebnislisten nachträglich korrigiert werden. Der Wettbewerb erhielte mit einem gestrichenen Hauptdarsteller Phantomcharakter. Schon einmal war das der Fall: Bei der Tour 2006 wurde Floyd Landis der Sieg nach einem Testosteronfund nachträglich ab- und dafür Óscar Pereiro zugesprochen. Stellt nun der Cas die Unschuld von Contador fest, hätte die Tour dennoch unter einem ungerechtfertigten Verdacht gelitten.

So oder so: "Es wäre besser für den Sport, Contador käme nicht", sagt der Sky-Profi Bradley Wiggins. In früheren Jahren schloss der Tour-Veranstalter Aso Fahrer und Teams wegen befürchteter Imageschäden aus - 2006 die Verdächtigen der "Operación Puerto", 2007 den Tour-Gesamtführenden Michael Rasmussen, 2008 das komplette Team Astana wegen der Dopingfälle Winokurow und Kascheschkin.

Doch Alberto Contador ist bedeutender als diese Männer. Er ist der König des Radsports. Zum Ende des Giro d'Italia erklärte er, das Rosa Trikot selbst dann nicht hergeben zu wollen, wenn er später vom Cas disqualifiziert würde: "Ich habe es sportlich errungen. Es ist meins."

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