England bei der Cricket-WM Das chancenlose Mutterland

Bei der Cricket-WM wollte Gastgeber England Weltmeister Australien ins Wanken bringen. Das Projekt endete wie so oft mit einem Sieg der ehemaligen Strafkolonie gegen das Mutterland des Sports.

Australiens umstrittener Star David Warner schlägt den Ball
Alastair Grant/AP

Australiens umstrittener Star David Warner schlägt den Ball

Aus London berichtet Philipp Joubert


Da kamen sie also doch, die Buhrufe. Endlich ist er ausgeschieden, mögen sich die englischen Männer mittleren Alters in ihren teuren Hemden gedacht haben, bevor sie zum höhnischen Winken ansetzten und gleich noch ein paar besonders laute verbale Grüße an den umstrittenen australischen Schlagmann David Warner schickten.

Das alte Klischee des Picknickkorb tragenden Cricket-Fans stimmt nicht immer. Die bei Auswärtspartien mitreisenden Fans der englischen Cricket-Nationalmannschaft, die "Barmy Army", mit ihrem oft hunderte Stimmen umfassenden Männerchor, kann es bei ihrer Lautstärke mit jeder anderen Fangruppierung der Welt aufnehmen. Doch bis dahin war es doch erstaunlich ruhig an diesem Sommertag in London. Da wurden Snacks gegessen, es wurde palavert und freundlich applaudiert.

Es brauchte anscheinend diesen einen Moment beim Spiel der Cricket-WM zwischen England und dem Erzrivalen aus Australien, bis die Fans aufwachten, bis sie endlich brüllten und die Gläser klirren ließen. Doch auch nach dem Ausscheiden von Warner änderte sich nichts mehr an der Niederlage der Engländer.

Die Trainerbänke haben im Londoner Cricket-Stadion eine gediegene Optik
Paul Childs / REUTERS

Die Trainerbänke haben im Londoner Cricket-Stadion eine gediegene Optik

Dabei schien England, das Mutterland des Crickets, vor dieser WM endgültig auf dem Level des fünffachen Weltmeisters Australien angekommen zu sein. Nicht wenige sahen England, das noch nie eine WM gewonnen hat, als Favoriten beim Heim-Turnier, selbst nachdem sich das Team bisher schwerer tat als erwartet. Ein Sieg gegen den Erzrivalen Australien und alles wäre im Lot gewesen.

Noch vor vier Jahren, bei der Weltmeisterschaft 2015, war der Spott groß über das behäbige englische Team, das es nicht mal schaffte, gegen das ansonsten sieglose Afghanistan zu gewinnen. Doch seitdem hat England nicht nur aufgeholt, sondern sich sogar an die Spitze der Weltrangliste gesetzt. Vor allem spielen die einst so strukturkonservativen Engländer mittlerweile modernes, aufregendes Cricket.

England wird im Cricket nicht mehr nur belächelt ob seiner vermeintlichen Großspurigkeit. Vielmehr hat das Land den Status erreicht, den es bei seiner finanziellen Stärke sowieso innehaben sollte: Als dritte Cricket-Großmacht neben Indien und Australien. Das einzige, was noch fehlt, ist ein Titel. Selten standen die Vorzeichen dabei so gut wie in diesem Jahr, gerade im Vergleich zur alten Kolonie Australien. Diese befindet sich nicht nur seit längerem in einem Formtief, sondern hat seit einem Jahr mit einer ausgewachsenen Identitätskrise zu kämpfen.

Australien dominierte das Spiel gegen England
Alastair Grant / AP

Australien dominierte das Spiel gegen England

Bei einem Match gegen Südafrika im letzten März hatten der australische Kapitän Steve Smith und sein Vize David Warner einen der Teamjüngsten, Cameron Bancroft, zur Manipulation des Spielballes angehalten. Selbst Premierminister Malcom Turnbull sah sich zu einer öffentlichen Verurteilung gezwungen, die Geschichte wurde auch in nicht Cricket-affinen Ländern diskutiert. Schien sie doch viel über die verwässerte Bedeutung des dem australischen Sport eigentlich innewohnenden Fair Plays zu verraten. Für viele stand fest: Die Siegmaschine Australien ist bereit, alles für den Erfolg zu tun.

Es folgten ungewöhnlich viele Niederlagen, auch wegen einjähriger Sperren für die beiden Hautpverantwortlichen Smith und Warner. Die sind seit diesem Frühjahr wieder zurück im Team. Nicht nur von den englischen Zuschauern am Dienstag wurden sie ausgebuht. Viele in der Cricketszene rümpfen die Nase. Wohl auch weil die beiden bei diesem Turnier wieder Teil eines effizienten australischen Teams sind. Auch beim Vorrundensieg gegen England am Dienstag spielten Smith und Warner die Hauptrollen.

Obwohl England weiterhin realistische Chancen auf den Titel bei der Cricket-Weltmeisterschaft hat, blieb wohl nicht nur bei ihren im Laufe des Tages immer verzweifelter singenden Fans ein allzu bekanntes Gefühl. Denn es scheint so, dass selbst während einer Zeit in der eigentlich alles für England spricht, es nur einen Sieger geben kann: Den Erzrivalen Australien.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
123Valentino 26.06.2019
1. Wären doch.....
die Aussis Teil der Union. Wie weit Australien dem sogenannten Mutterland enteilt ist, kann man erleben wenn man das Land bereist. Die haben damals nicht die Kriminellen verschifft, sondern die intelligenzia des Königreichs ausgebürgert.
c.PAF 26.06.2019
2.
Naja, wenigstens sind die Briten da raus, wenn sie es schon bei der EU nicht schaffen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.