England im Cricket-WM-Finale gegen Neuseeland Endlich wieder British Empire!

Vor rund 300 Jahren haben die Engländer Cricket erfunden - nun wollen sie zum ersten Mal Weltmeister werden. Ein Triumph gegen Neuseeland hätte inmitten des Brexit-Chaos auch eine politische Komponente.

Eoin Morgan und Joe Root: Jubel über den ersten Finaleinzug seit 1992
AP Photo/Aijaz Rahi

Eoin Morgan und Joe Root: Jubel über den ersten Finaleinzug seit 1992

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An diesem Sonntag wird zum ersten Mal seit 14 Jahren wieder ein Länderspiel der englischen Cricketnationalmannschaft im frei empfangbaren Fernsehen ausgestrahlt. Der Bezahlsender "Sky" erlaubt dem öffentlich-rechtlichen "Channel 4" kurzfristig die Ausstrahlung.

Es ist nicht irgendein Spiel: England und Neuseeland stehen sich im Lord's Cricket Ground von London, dem ältesten und schönsten Cricketstadion der Welt, im WM-Finale gegenüber. Für beide Teams wäre es bei der zwölften Ausgabe des Turniers der erste Titel. England, das Mutterland des Cricket, in dem 1787 das erste Match ausgetragen wurde, will mit einem Finalsieg eine Pleitenserie bei Weltmeisterschaften beenden, die sich fast schon mit der Fußballnationalmannschaft messen kann.

Lord's Cricket Ground: Der Pavillon wurde 1890 eröffnet
Reuters/Paul Childs

Lord's Cricket Ground: Der Pavillon wurde 1890 eröffnet

1992 erreichten die Engländer zuletzt das Endspiel, danach war immer vorzeitig Schluss. Tiefpunkte waren die Heim-WM 1999 und die Weltmeisterschaft vor vier Jahren, als das hochgewettete Team jeweils in der Vorrunde ausschied.

Wenn es drauf ankommt, spielt England am besten

Diesmal ist der Gastgeber und Weltranglistenerste seiner Favoritenrolle gerecht geworden. Dabei tat sich die Mannschaft in der Vorrunde erneut schwer und verlor drei von neun Spielen. Doch als es drauf ankam, war das Team da: Die letzten beiden Vorrundenspiele gegen Indien und Neuseeland, als das Weiterkommen auf der Kippe stand, gewann England souverän.

Cricket für Anfänger
Das Spiel
Bei der Cricket-WM ist ein Spiel auf 50 Overs pro Team angesetzt. Ein Over besteht aus sechs Würfen. Insgesamt hat eine Mannschaft also 300 Würfe. Das bedeutet umgekehrt, dass der Gegner 300 Mal die Chance hat, mit seinen Schlägen Punkte zu erzielen.
Die Teams
Jede Mannschaft besteht aus elf Spielern. Aus dem Team, das Schlagrecht hat, befinden sich immer zwei Schlagmänner auf dem Platz, die sich abwechseln. Scheidet ein Schlagmann aus, rückt der nächste nach. Schafft es die werfende Mannschaft, zehn Schlagmänner rauszuwerfen, ist das Innings vorzeitig vorbei, bevor alle 300 Würfe absolviert wurden. Während ein Spieler wirft, verteilen sich die anderen zehn Spieler seines Teams auf dem Feld und versuchen, den geschlagenen Ball zu fangen.
Die Punkte
Nur die Mannschaft, die gerade Schlagrecht hat, kann Punkte (Runs) erzielen. Wenn der Schlagmann den geworfenen Ball getroffen hat, versucht er mit seinem Partner auf der anderen Seite des Feldes die Plätze zu tauschen. Sie haben dafür so lange Zeit, wie die Gegner brauchen, um den Ball wieder zum Wicket bringen. Für jeden Platztausch gibt es einen Run. Vier Punkte gibt es, wenn der geschlagene Ball über die Spielfeldgrenzen hinwegfliegt, dabei vorher aber einmal aufkommt. Sechs Punkte werden gutgeschrieben, wenn der Ball erst jenseits der Spiefeldbegrenzung aufschlägt.
Der Wurf
Wenn der Ball des Werfers die Hand verlässt, muss der Arm laut Cricket-Regeln voll gestreckt sein. Meistens werfen die Spieler so, dass der Ball vor dem Schlagmann einmal aufkommt. Es gibt Bowler, die auf Geschwindigkeit setzen und den Ball auf 160 km/h beschleunigen. Und es gibt sogenannte Spin-Bowler die dem Ball einen Drall geben und dadurch schwer ausrechenbar machen.
Das Ausscheiden
Ziel der Bowler ist es, die Schlagmänner rauszuwerfen oder ihnen zumindest möglichst wenige Punkte zu gewähren. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die wichtigsten: 1. Der Bowler wirft am Schlagmann vorbei und trifft das Wicket. 2. Der Schlagmann trifft den Ball und versucht mit seinem Partner die Positionen zu tauschen. In der Zwischenzeit bringt die werfende Mannschaft den Ball zurück und zerstört das Wicket. 3. Der Schlagmann trifft den Ball, aber ein Spieler der werfenden Mannschaft fängt den Ball, bevor er zum ersten Mal den Boden berührt.

Im Halbfinale deklassierte das Team um Kapitän Eoin Morgan dann den Titelverteidiger und Rekordweltmeister Australien, der vier der vergangenen fünf Weltmeisterschaften gewonnen hatte. Der Erfolg war vor allem das Verdienst der beiden Bowler Jofra Archer und Adil Rashid. Sie schalteten mit ihren Würfen allein fünf der zehn australischen Schlagmänner aus und trugen dazu bei, dass Australien nur auf 223 Runs kam. Diesen Wert übertrafen die englischen Schlagmänner bereits nach weniger als zwei Drittel ihres Innings.

Jofra Archer: Erst seit Mai Nationalspieler, jetzt auf dem Weg zum Star
Dibyangshu Sarkar / AFP

Jofra Archer: Erst seit Mai Nationalspieler, jetzt auf dem Weg zum Star

Finalgegner Neuseeland geht als krasser Außenseiter ins Endspiel. Doch in dieser Rolle fühlen sich die "Black Caps" am wohlsten: So besiegten sie in einem dramatischen Halbfinale, das wegen einer Regenunterbrechung an zwei Tagen ausgetragen wurde, den klaren Favoriten Indien. Damit hat es das Fünf-Millionen-Einwohnervolk zum zweiten Mal in Folge ins WM-Finale geschafft.

Für England hat das Turnier inmitten des Brexit-Chaos auch eine politische Komponente. Ein Erfolg würde all jene Engländer bestärken, die in dem EU-Ausstieg den Beginn der Wiederauferstehung des britischen Empires sehen. Schließlich ist die Cricket-WM im Kern nichts anderes als ein sportliches Kräftemessen Großbritanniens mit seinen einstigen Kolonien. Und nun kann ein WM-Titel ausgerechnet im Jahr des Brexit die Überlegenheit der Engländer gegenüber den Commonwealth-Staaten auf dem Cricketfeld beweisen. Europäische Länder waren bei dem Turnier erst gar nicht dabei.

Das Pay-TV bringt Geld, kostet aber Nachwuchs

Der englische Cricketverband ECB hofft, dass ein WM-Sieg im eigenen Land dem englischen Cricket Auftrieb gibt. Denn der Sport steckt in der Krise. Und die ist eng damit verbunden, dass alle Länderspiele seit anderthalb Jahrzehnten nur noch im Pay-TV zu sehen sind. Als England 2005 gegen Australien spielte, schauten bei "Channel 4" knapp drei Millionen Menschen zu. Im Pay-TV waren es dieses Mal nur rund 300.000.

2006 spielten nach Angaben des Sportverbandes knapp 200.000 Engländer mindestens einmal in der Woche Cricket, zehn Jahre später waren es ein Viertel weniger. Allein in der Grafschaft Hampshire haben laut "Guardian" in den vergangenen Jahren 40 Klubs aufgegeben, weil sie nicht mehr genügend Spieler zusammenbekamen. Weil inzwischen eine ganze Generation weitgehend ohne Cricket im Fernsehen aufgewachsen ist, fehlt es an Identifikationsfiguren.

Einsamer Cricket-Fan in Leicester: Der Sport hat ein Nachwuchsproblem
Reuters/Paul Childs

Einsamer Cricket-Fan in Leicester: Der Sport hat ein Nachwuchsproblem

Zudem ist es dem ECB bislang nur unzureichend gelungen, die Nachfahren der Millionen Einwanderer aus Südasien und der Karibik einzubinden. Beobachter machen dafür die Klubs verantwortlich, deren Historie mitunter Jahrhunderte zurückliegt und deren konservative Verantwortliche demnach kein Interesse hätten, offensiv auf indisch- oder pakistanischstämmige Briten zuzugehen. Bei der WM glich die Stadionatmosphäre in Englands Partien gegen Indien, Pakistan, Bangladesch, Afghanistan und Sri Lanka einem Auswärtsspiel. Um das zu ändern, hat der Verband im vergangenen Jahr einen "South Asian Action Plan" gestartet.

Eine neue Profiliga soll Cricket in England retten

Noch größere Hoffnungen setzt der ECB auf eine neue Profiliga, die im Sommer 2020 startet. Unter dem Namen "The Hundred" treten acht Teams aus London, Manchester, Birmingham und anderen großen Städten gegeneinander an. Sie spielen eine schnellere und einfachere Version des Cricket, bei der jede Mannschaft insgesamt nur maximal 100 Würfe hat - bei der WM sind es bis zu 300 pro Team.

Puristen rümpfen darüber die Nase und argwöhnen, dass dieses Spiel kaum noch etwas mit Cricket zu tun habe. Der Verband aber hofft, Cricket wieder "cool" zu machen und ein junges Publikum für den Sport zu begeistern - weil die Regeln verständlicher sind und Spiele nicht den ganzen Tag dauern. Um Familien anzulocken, hat der Cricketverband sogar den Disney-Konzern und eine Eventagentur mit ins Boot geholt. Außerdem überträgt die BBC ausgewählte Spiele live.

In Indien und Australien sind vergleichbare Ligen seit Jahren ein Publikumsrenner. Zig Millionen Fans verfolgen die Spiele im Fernsehen und Streams, der Zuschauerschnitt in den Stadien ist höher als der im spanischen oder italienischen Erstliga-Fußball.

"The Hundred" soll Cricket in England in ähnliche Höhen führen. Am besten mit dem WM-Titel im Rücken.



insgesamt 8 Beiträge
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MagittaW 13.07.2019
1. Cricket ist großartig!
Okay, so cool ist Cricket jetzt nicht...vor allem dauert es laaaaange, bis mal was los ist. Ich kenne das so, dass man einen kompletten Tag für ein Cricketspiel einplanen sollte. Also Beginn ab 10.00 Uhr, Ende gegen 16-17 Uhr. Dazu nimmt man noch viel Essen, Getränke und Alkohol und Bücher mit, oder eben das Smartfone. Denn es ist wirklich suuuuuper langweilig. Bis auf die letzten 30 Minuten. Aber genau so muss das sein, wenn es ein echtes Cricketspiel ist. Achja, Cricket ist übrigens vergleichbar gewalttätig wie europäische Fußballspiele. Also die Polizei muss regelmäßg einschreiten - weil den Fans das Spiel zu langweilig ist, suchen sie halt die Action untereinander... Wie gesagt: Cricket ist herrlich spleenig!
claus7447 13.07.2019
2.
Ehrlich .... nie richtig verstanden. Aber meine Kollegen auf der Insel waren zu dieser Zeit nie ansprechbar. Selbst bei den größten internationalen Konferenzen kam unser UK-CEO und verkündigte die neuesten Ergebnisse ... ausser den NZ, Aussis und Inder + Pakistanern war Ruhe im Saal :-) Aber wenn es Spaß macht.
Grandiot 13.07.2019
3. Politische Komponente
Also, wenn das mit der politischen Komponente stimmt und die armen, von einer endlosen, schmachvollen EU-Mitgliedschaft gebeutelten Briten einen Finalsieg im Cricket als Beginn der Wiederauferstehung des britischen Empires betrachten (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Es ist f***in Cricket!!!), dann muss ich gestehen, schlägt mein ganzes Herz für Gegner Neuseeland und ich hoffe, dass sie die Briten nicht nur schlagen, sondern so richtig rund machen und demütigen. Verdient hätte UK es allemal!
stromer48 13.07.2019
4. Vorurteile halten sich umso länger je dümmer sie sind!
Claus747 gibt zumindest zu, dass er keine Ahnung vom Spiel hat. MagittaW tut dies nur implizit. Zugegeben, ein Cricketpiel kann schon mal was länger dauern, aber seit wann schmälert es den Spass, wenn eine Sache ein bißchen länger dauert? Anders als von den Vorschreibern behauptet, ist ein Cricketspiel vom ersten Ball an spannend, denn jeder gespielte Ball kann eine vorentscheidende Bedeutung haben. Im Falle des Halbfinals zwischen Australien und England waren die ersten Bälle diejenigen, die Australien auf die Verliererstrasse brachten. Sie verloren sehr schnell ihre 4 besten Batsmen. Von wegen spannend sei nur die letzte halbe Stunde. Woher kommt dann bloß das anscheinend unausrottbare Vorurteil, Cricket sei langweilig? Versuchen wir es mit einer Analogie: Als zur Olympiade 1964 in Tokyo viele Japaner zum erstmal Fussball zu sehen bekamen, klatschten und jubelten sie vor allem wenn ein Spieler gefoult wurde. Klar sie hatten keine Ahnung vom Spielgedanken und reimten sich irgendeinen Quatsch zusammen. So ähnlich geht es auch den deutschen Englandtouristen wenn sie zufällig mal ein Cricketspiel beobachten. Sie beobachten das Geschehen und stellen fest: Da passiert ja gar nix. Wüßten sie dagegen worum es geht, würden sie feststellen, dass so ca. alle 45-60 Sekunden ein Ball von einer Seite der Spielbahn aus geschleudert (nicht geworfen!) wird und es für kurze Zeit sehr hektisch wird. Das ist der entscheidende Moment, den man nicht verpassen sollte. Danach kehrt scheinbar wieder Ruhe ein, die Spieler im Feld sortieren sich neu und der Bowler läuft an zum nächsten Ball"wurf". Und jeder neue Ballwurf kann wichtig werden. Das ist so als ob beim Fussball jede Minute ein Elfmeter geschossen würde. Es kann entscheidend sein, muss es aber nicht. Noch ein Wort zur angeblichen Gewalt in den Stadien: Dies ist ein ausgemachter Unsinn. Ich habe wirklich viele Spiele auf den unterschiedlichsten Niveaus (test, ODI, County) gesehen, aber niemals gab es dabei irgendwelche Ausschreitungen. Ich denke man kann nicht ausschließen, dass bei einer größeren Menschenmenge auch mal ein paar Idioten durchdrehen. Aber generell ist der Cricketsport weitgehend immun gegen solche Auswüchse, wie wir sie bei jedem zweiten Fussballspiel von der Kreisklasse bis zur Bundesliga immer wieder erleben.
stromer48 13.07.2019
5. Nationalismus und Dummheit gehören einfach zusammen
Natürlich wird ein WM-Titel im Cricket die alte Größe des Empires nicht zurückbringen. Aber welches Argument der Brexitbefürworter war je stichhaltiger ? Selbst da , wo sie scheinbar mit harten Fakten argumentierten, stellten sich diese als Lügen heraus (NHS).
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