Pakistan bei der Cricket-WM Die Farbe der Hoffnung

Millionen Menschen fiebern bei der Cricket-WM mit, die Straßen Londons sind von pakistanischen Fans gesäumt. Der Traum vom ersten Titel seit Jahrzehnten lebt.

Pakistans Shaheen Shah Afridi darf weiter vom WM-Titel träumen
Saeed Khan/AFP

Pakistans Shaheen Shah Afridi darf weiter vom WM-Titel träumen

Aus London berichtet Philipp Joubert


Die Bewohner des Stadtteils St John's Wood zahlen die höchsten Mieten Londons: Im Schnitt kostet eine Wohnung hier umgerechnet 2116 Euro - in der Woche. An diesem Sonntag wird die Morgenruhe der Mieter im Viertel westlich des Regent's Park von vielen Besuchern aufgeschreckt: Es ist Cricket-WM, das wichtigste Turnier im Welt-Cricket. Diesmal findet es in England und Wales statt (noch bis zum 14. Juli). Und in St John's Wood liegt "The Home of Cricket", das weltweit berühmteste Stadion dieses Sports.

Kinder und ihre Eltern, jüngere Männer und solche, die es mal gewesen sind, sind gekommen. Fast alle von ihnen tragen das grüne Trikot mit acht Buchstaben: PAKISTAN. Auch um zehn Uhr vormittags singen und feiern sie schon. Während der folgenden acht Stunden werden gut 30.000 von ihnen jedes Mal aufstehen und brüllen, die Hände rhythmisch gegen die Werbebanden schlagen, wenn ihr Team Punkte auf der manuellen Spielstandanzeige untergebracht hat. In solchen Momenten fängt auch das Pressezentrum an, besonders laut zu brummen.

Pakistan, die flamboyante wie launische Diva des Weltcrickets, ist mal wieder für die Unterhaltung zuständig. Auch der Gegner Südafrika erfüllt seine altbekannte Rolle wieder: jene des tragisch gescheiterten Teams.

Lungi Ngidi und Imran Tahir versuchen, Punkte für Pakistan zu verhindern.
Adrian Dennis/AFP

Lungi Ngidi und Imran Tahir versuchen, Punkte für Pakistan zu verhindern.

Die sportliche Geschichte des südafrikanischen Männercrickets lässt sich seit der Aufhebung des mehr als 20 Jahre dauernden Sportboykotts im Jahr 1991 auf eine einfache Formel herunterbrechen: Zwischen Großereignissen hui, während Großereignissen pfui. Oft als Mitfavorit in Weltmeisterschaften gegangen, ist das Scheitern meistens ein Zusammenspiel von Pleiten, Pech und Pannen.

Es gibt wohl kaum einen südafrikanischen Sportfan, dessen Kopf nicht schon bei der Erwähnung der schmerzhaften Halbfinalniederlagen bei den Cricket-Weltmeisterschaften von 1992, 1999 oder 2015 in die Hände sinkt. Auch in diesem Jahr kommt wieder alles zusammen: taktische Fehler und Unkonzentriertheiten auf dem Feld, Verletzungen der wichtigsten Spieler; und dann ist da noch die während des Turniers bekannt gewordene Geschichte des im vergangenen Jahr zurückgetretenen Kapitäns, der dann doch gerne in diesem Jahr mitgespielt hätte - aber nicht mehr durfte.

Dabei steht das südafrikanische Cricket bei allem sportlichen Frust vor einer ganz anderen Frage: Wie lässt sich der alte Status Quo dauerhaft verändern? Denn auch mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende der Apartheid kämpft auch der südafrikanische Sport um eine echte Transformation. Wie sollen alle Bevölkerungsschichten und -gruppen eingebunden werden, in einem Land, das den Großteil des 20. Jahrhunderts institutionell daran gearbeitet hat, nur der weißen Elite wirkliche Chancen zu geben?

Verzweiflung: Aiden Markram und Südafrika sind bei der Cricket-WM ausgeschieden.
Peter Cziborra/REUTERS

Verzweiflung: Aiden Markram und Südafrika sind bei der Cricket-WM ausgeschieden.

Immerhin: Wer an diesem Sonntag aufs Spielfeld blickte, der sah, wie die Kritik, aber auch die Quotenpolitik der vergangenen Jahre, mittlerweile dazu geführt haben, dass dieses Mal wirklich das ganze Südafrika repräsentiert wurde. Kapitän Faf du Plessis, dessen Name schon seine burische Abstammung verrät, ist hier genauso wichtig wie Lungi Ngidi, Sohn einer schwarzen Hausangestellten, der ein Stipendium brauchte, um die richtige Schule für die spätere Cricketkarriere besuchen zu können.

Vor allem ist da aber Hashim Amla. Der sanfte Mann mit dem beeindruckenden Bart ist bekennender Muslim, und einer der größten Spieler, die Südafrika je hervorgebracht hat. Doch an diesem Nachmittag läuft für ihn noch weniger zusammen als für den Rest des Teams. Pakistan gewinnt klar.

Als Mitfavorit gekommen, ist die Weltmeisterschaft damit für Südafrika de facto vorüber. Das Land muss vier weitere Jahre warten - während das Grün der pakistanischen Fans zur nächsten La-Ola-Welle ansetzte, die Fans tanzten und sangen, vom zweiten WM-Titel nach 1992 träumten. Die Cricket-Begeisterung ist verständlich: Obwohl Pakistan mit mehr als 200 Millionen Einwohnern zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Erde zählt, rangiert die Fußballauswahl des Landes in der Fifa-Weltrangliste auf Platz 205 von 211 - hinter Teams wie Gibraltar (34.000 Einwohner) und Montserrat (5000 Einwohner).

Mehr zum Thema


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chaosimall 24.06.2019
1. Ein herzzerreißend dummer
Schlusssatz, den der Autor hier fabriziert hat. Wer von der SPON-Redaktion liest sowas eigentlich gegen? es geht zwar "nur" um Sport und nicht um wirklich wichtige Dinge aber dennoch. Die Menschen in Pakistan sind nicht Cricket-begeistert weil sie im Fußball so schlecht sind sondern es ist wohl eher andersherum.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.