D'honts Doping-Aussagen Wie die Mauer des Schweigens bröckelt

Erik Zabel und Rolf Aldag nannten als Grund für ihre Doping-Beichten den SPIEGEL-Titel vom 30. April 2007. Darin berichtete der ehemalige Masseur Jef D'hont von den Epo-Praktiken und nannte viele Namen. SPIEGEL ONLINE gleicht die Aussagen des Belgiers mit den neusten Enthüllungen ab.

Es ist verblüffend. Als Jef D'hont im SPIEGEL von seiner Zeit bei Team Telekom berichtete , klang das wie eine Erzählung aus einer anderen Zeit. Epo, Zaubertrank, Spritzen, Razzien und beteiligte Ärzte. Man wollte und konnte es nicht glauben. Doch nach und nach lichtet sich der Nebel und die Geständnisse der Beteiligten belegen: Die Aussagen des belgischen Masseurs decken sich verblüffend mit denen der Geständigen.

Die Deckungsgleichheit von D'honts Aussagen und den nachfolgenden Geständnissen ist zum einen ein deutliches Indiz dafür, dass die Beschuldigungen des Belgiers der Wahrheit entsprechen. Sie nährt aber auch den Verdacht, dass die Profis letztlich nur das gestehen, was bis ins letzte Detail auch zu beweisen ist.

SPIEGEL ONLINE hat die Aussagen aller Beteiligten gesammelt, zeigt Parallelen und schaut voraus, was kommende Beichten noch an Schockierendem liefern könnten.



Jef D'hont über den Freiburger Telekom- und T-Mobile-Teamarzt Andreas Schmid:

"Wir trafen auch klare Vereinbarungen über den Dopingeinsatz. Keiner der Fahrer würde ein verbotenes Mittel ohne sein Wissen bekommen. Bei jedem Doping-Einsatz, bei jeder Handlung sollten die Fahrer, die Teambetreuer, der Arzt und der Mannschaftsbetreuer informiert werden."

Schmid am 23. Mai 2007, in einer persönlichen Aussage gegenüber der dpa, mit der er eine schriftliche Erklärung vom Vorabend korrigiert:

"Ich räume ein, in den neunziger Jahren das Doping einzelner Radprofis unterstützt zu haben." Er wolle damit ausdrücklich klarstellen, "dass das Nachfolgeteam T-Mobile nicht betroffen" sei. "Ich habe den Radsportlern auf Anforderung Drogensubstanzen, insbesondere Epo, zugänglich gemacht", so Schmid weiter. Er habe Dopingmittel aber "niemals einem Sportler ohne dessen Wissen oder gar gegen seinen Willen" verabreicht.

Lothar Heinrich

Jef D'hont über den Freiburger Telekom- und T-Mobile-Teamarzt Lothar Heinrich:

"Es war nicht so, dass er gesagt hat: Nein, nein, ich will das nicht. Epo fand er ganz normal. Und das war es ja auch, nicht nur beim Team Telekom, sondern auch bei einigen anderen Teams. Heinrich hat das Epo mitgebracht und auch selber gespritzt und mit den Rennfahrern gesprochen."

Lothar Heinrich am 22. Mai 2007, in einer siebenzeiligen persönlichen Erklärung:

Er räume ein, "in meiner Funktion als Sportmediziner an Doping von Radsportlern mitgewirkt zu haben". Er bedauere diese ärztlichen Verfehlungen.

Erik Zabel

Jef D'hont über den Telekom-Sprinter Erik Zabel:

"Erik Zabel war einer der saubersten Fahrer seiner Generation. Außer ein paar niedrigen Epo-Dosen hat er kaum etwas genommen. Ein einziges Mal hat er sich vor und während einer Tour de France einer Epo-Kur unterzogen, er bekam 1000 Einheiten, so wie Ludwig 1993. Danach wollte er noch nicht einmal die Minimumeinheiten haben. Sein Kopf würde es nicht brauchen, sagte er."

Der heutige Milram-Profi Zabel am 24. Mai 2007, während einer Pressekonferenz im T-Mobile-Forum:

Zabel gibt zu, "einmalig" Epo genommen zu haben vor der Tour 1996. "Nach einer Woche habe ich die Behandlung beendet, ich kam mit den Nebenwirkungen nicht klar". Er habe eine "erhöhte Körpertemperatur gehabt und am Morgen einen niedrigeren Ruhepuls". Danach habe er das "für immer" gestoppt.

Christian Henn und Udo Bölts

Jef D'hont über den Telekom-Profi Christian Henn:

"Die anderen Jungs aus der Mannschaft, zum Beispiel Christian Henn, spritzten sich auch Epo, aber sie nahmen minimale Einheiten, und das nicht vor jedem Wettrennen. Für wichtige Rennen im eigenen Land oder die Tour de France erhielten sie aus Freiburg einen Plan. Aber die Männer haben nicht übertrieben."

Der heutige Sportliche Leiter des Gerolsteiner Teams, Henn, am 22. Mai 2007 im "Kölner Stadtanzeiger":

"Ich bin mit betroffen." Der Dopingmissbrauch habe sich auf die Zeit von 1995 bis zum Ende seiner Karriere 1999 erstreckt. "Die Zeit war so, sonst hätte man nicht vernünftig mitfahren können. Es ging nur hopp oder top."

Jef D'hont über den Telekom-Profi Udo Bölts:

Auf die Frage, ob sich einer der Telekom-Fahrer vor der Veröffentlichung seines Buches bei ihm gemeldet habe: "Nur Udo Bölts. Er wollte wissen, ob er vorkommt. Ich habe ihm gesagt, dass das der Fall ist."

Der ehemalige Sportliche Leiter des Teams Gerolsteiner, Bölts, am 22. Mai 2007 in den ARD-"Tagesthemen":

Er gestehe, zwischen 1995 und 1996 Epo und Wachstumshormone genommen zu haben, so Bölts, der sich bei den Fans entschuldigt.

Uwe Raab und Uwe Ampler

Jef D'hont über die Telekom-Profis Uwe Raab und Uwe Ampler:

"Erst später erfuhr ich, dass zwei unserer Fahrer bereits mit Epo und Wachstumshormonen experimentierten: Uwe Ampler war 1992 von Histor Sigma gekommen, Uwe Raab ein Jahr später vom Team PDM. [...] Kurz vor der Tour de France 1993 sprach Ampler mich an. "Ich habe eine Epo-Kur angefangen. 2000 Einheiten alle drei Tage."

Raab, früherer Amateur-Weltmeister, bestritt gegenüber dem SPIEGEL schriftlich die Einnahme von Epo, und betont am 24. Mai in einem Interview mit der "Mitteldeutschen Zeitung":

Er habe das Doping "abgelehnt, was meine Karriere besiegelte". Die Doping-Praktiken bei dem Team Telekom seien für Raab "neben meinem Alter der Grund für meinen Ausstieg aus dem aktiven Rennsport" gewesen. "Ich habe mich damals gegen Doping entschieden, wollte diesen Irrsinn nicht mitmachen." Als er 1996 gesehen habe, wie einige seiner früheren Teamkollegen "plötzlich gefahren sind, war mir klar, was gespielt wurde".

Ampler, viermaliger Sieger der Friedensfahrt und beim Team Telekom zwischen 1992 und 1993 unter Vertrag, bestritt nach Veröffentlichung des Titels gegenüber dem SPIEGEL schriftlich die Einnahme von Epo. Seither hat er in weiteren Interviews diese Position aufrecht erhalten.

Bjarne Riis

Jef D'hont über den Telekom-Kapitän Bjarne Riis:

"Seit Jahren hieß es, Bjarne Riis habe bei uns den Spitznamen "Mister 60 Prozent" gehabt, weil sein Hämatokrit-Wert nach einer schweren Epo-Kur irgendwann die 60 erreicht haben soll. Aber der Spitzname stimmt nicht. [...] Er war "Mister 64 Prozent".

"Riis war ein toller Kerl, aber er konnte die Finger nicht von Epo lassen. Epo war mittlerweile üblich, aber Riis hat die Sache eskalieren lassen."

"Während der Tour bekam er jeden zweiten Tag 4000 Einheiten Epo und zwei Einheiten Wachstumshormon, jedes Mal doppelt so viel wie normal. [...] Sein italienischer Arzt hatte den Plan erstellt, Telekom stimmte zu, und Riis spritzte sich selbst."

"Von seinem 64-er Wert hörte ich an einem Morgen gegen Ende der zweiten Tourwoche. [...] Riis kam mit einem Lächeln von hier bis Tokio in den Massageraum. 'Jef, sieh mal, ich habe 64!'"

Riis, Telekom-Kapitän zwischen 1995 und 1996 und 1996 Sieger der Tour de France, hat heute zugegeben, mit Epo gedopt zu haben. Er will aber nie einen Hämatokritwert von 64 erreicht haben, auch sein italienischer Arzt hat ihm seinen Aussagen zufolge nicht geholfen.

Olaf Ludwig

Jef D'hont über den Telekom-Sprinter Olaf Ludwig:

"Jetzt, da Epo in unserem Team Einzug gehalten hatte, beschlossen die Ärzte von der Universität Freiburg, dass Olaf Ludwig damit für die Weltmeisterschaft 1993 in Oslo vorbereitet werden sollte. Für Ludwig wurde ein Doping-Plan aufgestellt. Insgesamt sollte er zehnmal jeweils 1000 Einheiten Epo gespritzt bekommen. Erst später wurde mir klar, dass das eine sehr niedrige Dosis war. Jeden dritten Tag bekam er eine Spitze, kombiniert mit Vitamin B12 und Folsäure."

Ludwig, 2006 entlassener T-Mobile-Teamchef, versicherte dem SPIEGEL schriftlich, nie Epo genommen zu haben.

Walter Godefroot

Jef D'hont über den ehemaligen Telekom-Teamchef Walter Godefroot:

Telekom-Mechaniker Noël Vantyghem sei im Auftrag Godefroots zu ihm gekommen. Dieser habe gesagt: "Du brauchst keine Angst zu haben. [...] Du kannst den Fahrern ruhig mal etwas ohne ihr Wissen geben. [...] Godefroot hatte seinen Betreuer gebeten, (den Schweizer Profi Thomas) Wegmüller mit nicht nachweisbarem Doping behandeln zu lassen. Es war keine Bitte, sondern ein Befehl. Er sollte Celestone in seine Trinkflasche mischen. Celestone enthält ein Kortikoid, das auf der Doping-Liste steht."

Zu dessen Epo-Kur fragte D'hont nach eigenen Aussagen Radprofi Ampler: "Wussten Godefroot und Doktor Schmid davon?" Ampler: "Ja, ich habe sie informiert. Beide sind einverstanden. Godefroot wird für die Kosten aufkommen."

Zu dessen Zeit beim Team Telekom:"Godefroot organisierte das Doping-System und finanzierte es zusammen mit seiner rechten Hand, Eddy Vandenhecke. Die Apotheke in Freiburg wurde per Überweisung bezahlt von der Godefroot BVBA. Über die Betreuer ließ sich Godefroot von den Fahrern alles bis auf den letzten Cent zurückbezahlen."

"Godefroot verlangte von mir, dass ich Buch führte, Listen erstellte für Epo und Wachstumshormon, die die Fahrer nahmen, damit er wusste, was die Männer ihm schuldeten."

Godefroot, inzwischen Berater des kasachischen Profi-Teams Astana und zuvor bis 2005 Sportlicher Leiter beziehungsweise Teamchef von Telekom und T-Mobile, ließ über seine Anwälte verbreiten, er wolle mit D'honts Buch nicht in Verbindung gebracht werden. "Uns ist deutlich geworden, dass jemand mit der Sache Geld verdienen will, indem er ein Skandalbuch veröffentlicht - vorausgesetzt wir können uns auf die Gerüchte verlassen - das auf falschen Tatsachen, Behauptungen und Unterstellungen beruht." Er streite es "nachdrücklich" ab, so Godefroot in dem Schreiben an den SPIEGEL, sollte dort unterstellt werden, "dass ich jemanden dazu aufgefordert habe, verbotene Mittel zu nehmen, oder dass ich etwas in dieser Art organisiert hätte".

Jan Ullrich

Jef D'hont über den ehemaligen Telekom- und T-Mobile-Kapitän Jan Ullrich:

Auf die Frage, ob er gesehen habe, dass Ullrich Epo-Spritzen bekommen oder sich selbst gesetzt habe, antwortet D'hont: "Ja, ein paar Mal." Hat er selber gespritzt oder wurde er gespritzt? "Das will ich jetzt nicht sagen." Ullrich sagt bis heute, er habe nie gedopt. Aber Sie behaupten, dass er während der Tour 1996 zu den Fahrern gehörte, die Epo nahmen? "Ja, er gehörte dazu. Und er nahm auch Wachstumshormon." Beides regelmäßig? "Ja, aber die Dosierung war relativ niedrig."

Ullrich, bisher einziger deutscher Tour-Sieger (1997), beteuert seit Monaten, "niemanden betrogen" zu haben. Gegen Ullrich laufen aktuell mehrere Strafanzeigen. In einer eidesstattlichen Versicherung erklärte er dem SPIEGEL bereits 1999, "zu keinem Zeitpunkt verbotene Dopingmittel - insbesondere auch nicht Epo - konsumiert, gespritzt, oder auf andere Weise zu mir genommen" zu haben.

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