Handballweltmeister Dänemark Mikkels Macht

Das Publikum, Mikkel Hansen, Niklas Landin: Es gibt viele Gründe, warum Dänemark der neue Handballweltmeister ist. Das Finale gegen Norwegen war jedenfalls eine Demonstration, wie schnell und kraftvoll Handball geht.
Aus Herning berichtet Jan Göbel
Das beste Team ist Weltmeister geworden

Das beste Team ist Weltmeister geworden

Foto: ANNEGRET HILSE/ REUTERS

Dänemarks Handballer hatten ihren Vorsprung gerade auf sieben Tore ausgebaut. Norwegens Superstar Sander Sagosen rieb sich die Haare, schüttelte den Kopf, er wirkte geschlagen; er, der Deutschland im Halbfinale mit genialen Aktionen aus dem Turnier geworfen hatte.

Noch drei Sekunden, zwei, eine - die Sirene ertönte. Auf der Tribüne rissen die 15.000 Zuschauer im dänischen Herning ihre Arme hoch, lauter Techno übertönte ihren Jubel, auf dem Spielfeld waren die geballten Hände der Dänen zu sehen. Siegerfäuste.

Das alles ereignete sich erst zum Halbzeitpfiff des Endspiels der Handballweltmeisterschaft in Dänemark und Deutschland. Das Finale war noch nicht vorbei. Die ersten 30 Minuten waren allerdings eine Demonstration, wie schnell, schön und kraftvoll Dänemark Handball spielt; warum das Team ohne Punktverlust und mit neun Siegen in das Finale einzogen war. Man hätte die zweite Hälfte wahrscheinlich nicht mehr gebraucht, Norwegen war chancenlos, aber man wollte diese Machtvorführung gerne noch weiter verfolgen.

Am Ende lag der Vorsprung der Dänen bei neun Toren, 31:22 lautete der Endstand. Er hätte noch höher ausfallen können, doch ab der 55. Minute eröffnete Dänemarks Superstar Mikkel Hansen die Party endgültig. Kräftige Umarmungen für jeden Teamkollegen, jede Auswechslung wurde nun mit lautem Applaus begleitet, es war ein Dankeschön der Fans an ihre Helden. Sie hatten ja auch einzigartiges geschafft: Dänemark ist erstmals in seiner Handballgeschichte Weltmeister.

Der Titelgewinn schien allerdings nur noch eine Frage der Zeit: Die Dänen waren auf zwei Finalteilnahmen bei den vergangenen vier Turnieren gekommen, 2011 scheiterte die Auswahl unglücklich gegen Frankreich in der Verlängerung. 2016 gab es den Olympiasieg in Rio, und diesmal konnte auch bei einer WM kein Gegner ihrem kraftvollen Spiel etwas entgegensetzen. "Wir haben heute gegen das beste Team der Welt verloren, glaube ich", sagte Norwegens Trainer Christian Berge, und er ergänzte schnell: "Ich glaube es nicht. Ich weiß, dass Dänemark das beste Team ist."

Mikkel Hansen oben auf

Handball ist in Dänemark zu Hause, hier finden jedes Jahr mit die größten internationalen Jugendturniere statt, das Land verfügt über eine Schatzkammer voll mit Talenten - und auch das Publikum zieht mit: Das Halbfinale der Dänen gegen Frankreich erreichte einen TV-Marktanteil von 80 Prozent. Vor der Arena wurden Finaltickets für 2000 Euro angeboten; in der Halle trug gefühlt jeder ein rotes Trikot oder T-Shirt. "Ich kann das nicht beschreiben. Ich bin kurz vorm Heulen im einen und megastolz im anderen Augenblick. Jetzt brauche ich einfach ein großes Bier", sagte der überwältigte Trainer Nikolaj Jacobsen.

"Jetzt brauche ich einfach ein großes Bier"

"Jetzt brauche ich einfach ein großes Bier"

Foto: Martin Meissner/ dpa

Eines dieser vielen dänischen Talente war einst Mikkel Hansen. Heute ist der kraftvolle Rückraumstar 31 Jahre alt, spielt im Verein bei Paris Saint-Germain und ist der bestbezahlte Handballer der Welt. Bei jedem Großturnier gehört Hansen zu den besten Torschützen. Seine Aktionen laufen oft so ab: Der Däne nimmt das Tempo aus dem Spiel, es folgen wie aus dem Nichts zwei explosive Schritte - und ein kräftiger Armzug. Wie ein Katapult schleudert Hansen die Bälle ins Netz, um sich direkt danach wieder das weiße Stirnband zurechtzurücken.

Manchmal wirkt er kühl und distanziert, wahrscheinlich ist Hansen aber einfach nur konzentriert. Vielleicht rasteten die dänischen Fans auch deswegen so aus, als ihr Superstar als einer der ersten in die Fankurve lief und wie ein Kleinkind mit der dänischen Flagge wedelte. Für einen Moment wirkte er ganz nahbar, und man sah ihm die pure Freunde an.

Hansen wurde zwar schon zweimal Welthandballer und einmal Olympiasieger, doch der Gewinn der Weltmeisterschaft oder der Champions League hatte ihm bislang gefehlt. Den Sieg in der Königsklasse wird er nun wieder mit PSG und an der Seite von Uwe Gensheimer in Angriff nehmen. Die Handballsaison läuft ja noch.

Keine One-Man-Show

Aber dieses Dänemark ist nicht nur Hansen. Es ist ein Starensemble: Niklas Landin kam im Finale auf herausragende zwölf Paraden, 39 Prozent der Würfe wehrte der Schlussmann vom THW Kiel ab. Oder Rasmus Lauge vom Deutschen Meister SG Flensburg-Handewitt, er erzielte im Finale vier Treffer. Mads Mensah überragte ebenso, er spielt im Verein bei den Rhein-Neckar Löwen, wo auch der dänische Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen unter Vertrag steht. Man müsste den ganzen Kader aufzählen, um das Team entsprechend zu würdigen.

Auch das Publikum dürfte ein entscheidender Faktor gewesen sein: Es unterstützte nicht nur das eigene Team, sondern pfiff die Norweger bei jedem Ballkontakt aus, das kann man unsportlich finden. Fest steht: Besonders hart traf es Superstar Sagosen, und der Spielgestalter wirkte mit drei Toren bei neun Würfen und nur zwei Torvorlagen sichtlich verunsichert. Gegen Deutschland kam der 23-Jährige noch auf sechs Treffer bei sieben Würfen und sensationellen zehn Assists.

Man hätte gerne gewusst, wie die deutsche Mannschaft mit dem lautstarken Publikum zurechtgekommen wäre. Es wäre ihr erstes Auswärtsspiel bei der Heim-WM geworden, und sie hätte es mit Mikkel Hansen zu tun bekommen. Er wurde am Ende als Spieler des Turniers "MVP" ausgezeichnet und war mit 72 Treffern auch Torschützenkönig.