Darts-Weltmeister van Gerwen Der Champion in der Krise

Michael van Gerwen wollte beweisen, dass er immer noch der Beste ist. Beim World Matchplay schied er aber erneut früh aus. "Mighty Mike" steckt im Leistungsloch - und das sind seine Probleme.

Michael van Gerwen kann mit den vergangenen zwei Monaten nicht zufrieden sein
Tim Williams/ Action Plus/ imago images

Michael van Gerwen kann mit den vergangenen zwei Monaten nicht zufrieden sein

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Sein 10:6-Auftaktsieg gegen Steve Beaton beim World Matchplay im englischen Blackpool war unspektakulär, aber dann schaltete Michael van Gerwen doch noch auf Angriff. Auf der Pressekonferenz nach dem Match bemängelte er, dass er im Vergleich zu anderen Topspielern durchaus in Form sei, dass er sie alle "natürlich besiegen" werde. Kurz: Er stecke in keiner Krise, wie es zuletzt oft behauptet wurde.

Zwei Tage später wurde das Krisengerede aber schon wieder lauter, denn van Gerwen verlor in der zweiten Runde des wichtigsten Darts-Turniers nach der Weltmeisterschaft. Mit 9:11 scheiterte er an Glen Durrant. MVG kam gegen den 48-Jährigen auf einen Punkteschnitt von 98 und blieb damit im neunten Spiel in Folge unter der 100-Punkte-Marke. Das passierte ihm zuletzt 2011 - vor seinem Durchbruch in der Professional Darts Corporation (PDC).

Selbst der ehrgeizige und für gewöhnlich selbstkritische van Gerwen könnte wohl mit den schwächeren Averages leben, wenn er denn seine Spiele und Turniere trotzdem gewinnen würde. Nur, das gelingt ihm aktuell zu selten. Seinen bisher letzten Titel feierte er im Mai mit dem Gewinn der Premier League. Von den nachfolgenden sechs Events gewann er keines. Sechs Turniere in Folge ohne Titel gab es zuletzt 2015 beim Niederländer. In den vergangenen Jahren hatte "Mighty Mike" stets knapp die Hälfte seiner Turniere gewonnen. In dieser Saison sind es bisher acht von 21.

Doppelschwäche und Nervenversagen

Van Gerwens Krise hat mehrere Gründe. Zum einen hat er seit etwa anderthalb Jahren mit "Double Trouble" zu kämpfen. Diese Abschlussschwäche in der entscheidenden Spielphase kostete ihn unter anderem auch das WM-Finale 2018. Beim 10:6 gegen Beaton in Runde eins des World Matchplay vergab van Gerwen 27 Darts auf die äußeren Doppelringe, die man aber treffen muss, um ein Leg zu beenden. Bei der 9:11-Niederlage gegen Durrant verpasste er vier Darts zur 10:9-Führung.

Normalerweise ist der 30-Jährige nicht dafür bekannt, dass ihm die Nerven in solchen Spielsituationen versagen. Die "Crunch Time" war über Jahre die Phase, in der van Gerwen seine Gegner dominierte. Oft lief er sogar erst in den letzten Legs einer Partie zu seiner Topform auf. Und wenn dem nicht so war, konnte er sich wenigstens darauf verlassen, dass seine Gegner kurz vor einem möglichen Triumph gegen "Mighty Mike" mit der eigenen Nervosität zu kämpfen hatten.

Auf der European Tour hatte van Gerwen zwischenzeitlich über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren 28 Last-Leg-Decider in Folge gewonnen, eine außergewöhnliche Zahl. Bis er Ende Mai im Finale der Dutch Darts Masters 7:8 gegen Ian White verlor. Es folgten zwei weitere Niederlagen für van Gerwen in Entscheidungslegs.

Der Mythos bröckelt

Bei drei der vergangenen vier Turniere scheiterte der dreimalige Weltmeister bereits in seiner ersten Partie. Bei den German Darts Masters in Köln verlor er in Runde eins gegen den Deutschen Martin Schindler sogar noch nach 5:2-Führung 5:6. Starke Konkurrenten wie Gary Anderson, Peter Wright oder Rob Cross haben das registriert, aber auch Spieler aus der zweiten Reihe. Van Gerwens Mythos der "Fast-Unbesiegbarkeit", er bröckelt. Immer mehr Spieler glauben daran, den Dominator der vergangenen Jahre auch auf den großen TV-Turnieren besiegen zu können.

Mit einem Absturz des Niederländers zu rechnen, wäre allerdings dann doch reichlich verfrüht. Seine Position als Nummer eins dürfte aufgrund des großen Vorsprungs in der Geldrangliste der PDC vorerst unangreifbar sein. Aber van Gerwen war in seiner Zeit als Nummer eins der Welt noch nie so schlagbar wie aktuell. Die Weltmeisterschaft 2019 gewann van Gerwen in beeindruckender Manier. Dass er die neue Ausgabe im Dezember ähnlich dominieren wird, ist schwer vorstellbar.

Das World Matchplay hat der Weltmeister von 2018, Rob Cross, gewonnen. Im Finale besiegte er Michael Smith. Beide werden, wie auch Anderson und Wright in vier Monaten erneut, einen Anlauf starten, um sich die Darts-Krone aufzusetzen. Wenn van Gerwen seine Schwächen nicht in den Griff bekommt, werden ihre Chancen auf den Titel steigen.



insgesamt 4 Beiträge
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Affenhauptmann 29.07.2019
1. Gut für Darts
Hoffentlich hält die Krise des MvG noch an, denn sie ist gut für den Dartssport. Mit seiner Dominanz in den vergangenen Jahren hat er die Spannung aus den Events herausgenommen, denn jeder wusste: am Ende gewinnt ohnehin van Gerwen.
thommy2130 29.07.2019
2. Das ist Unsinn
Ok, MvG hat ein paar schwächen gezeigt. Daraus eine Krise abzuleiten ist Unsinn. Auch die ganz großen verlieren mal. Hat auch was mit der Motivation zu tun. MvG hat in den letzten 2 Jahren viele Turniere gewonnen. Da ist es normal wenn man nicht immer auf dem allerhöchsten Level spielt. Ich wette das er bei der WM wieder der alte sein wird. Die Titel geht nur über van Gerwen.
betzebub 29.07.2019
3. Jammern auf ganz hohem Niveau
auch ein MvG istnunmal nur ein Mensch und als solcher kanne reben auch mal Nerven zeigen. Für den Sport kann das nur gut sein, wenn nicht ein Spieler jedes oder jedes zweite Turnier gewinnt. Und jetzt hat er nunmal neun Spiele in Folge unter einem 100er Schnitt. Damit wird er sicher nicht zufrieden sein und auch die Aussage, dass er sicher damit leben könnte, wenn er die Turniere gewinnen würde, würde ich auch nur bedingt unterschreiben. Aber ein 98er Schnitt ist immer noch weltklasse und auch diemeisten der Top Ten Spieler sind froh wenn sie in einem Turnier überhaupt ein Spiel mit einem 100er Schnitt hinbekommen. Also kein Grund die große Schaffenskrise auszurufen...
golfstrom1 30.07.2019
4. Darts
Darts ist im ganz Wesentlichen ein Mentalitätssport. Das bedeutet, dieser Sport wird auch ganz Entscheidend im Kopf entschieden. Es ist wie beim Tennis relevant, wie ich Formschwächen verarbeite, wie ich mit Rückständen umgehe und wie ich auch Ergebniskrisen verarbeite. Ich glaube dass Michael van Gerwen vom Kopf her einfach müde ist. Er hat über einen langen Zeitraum extrem viele Turniere und Wettbewerbe gespielt, hat an Showmatches teilgenommen und ist viel herumgereist. Er wird eine Auszeit benötigen um wieder in Topform zu kommen. Kaum ein Sportler wird dieses Niveau über Jahre hinweg aushalten können. Phil Taylor war auch nur deshalb so lange so überlegen, weil er jahrelang quasi keine Konkurrenz auf seinem Niveau hatte. Er hatte auch schlechte Spiele aufgrund seiner Überlegenheit gewinnen können. Mittlerweile ist der Sport so populär und professionell, dass immer neue Profis mit neuen Methodiken und Techniken aufrücken werden. Der Kopf und die Psyche wird immer wichtiger werden. Es wird niemand mehr gewinnen nur weil er oft die 180 wirft und die Doppelte gut treffen kann. Entscheidend wird sein, in welchen Situationen du diese Felder triffst.
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