Deutsche bei der Darts-WM 2019 "Ich hätte dieses Jahr von Darts leben können"

Darts war früher eine Randsportart, heute ist es ein dickes Geschäft. Die deutschen Halbprofis Robert Marijanovic und Gabriel Clemens verraten, was bei ihnen davon ankommt.

Gabriel Clemens geht selbstbewusst in seine erste WM: "Ich weiß, dass ich jeden ärgern kann"
imago/ Sven Simon

Gabriel Clemens geht selbstbewusst in seine erste WM: "Ich weiß, dass ich jeden ärgern kann"

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Zur Inszenierung bei großen Darts-Turnieren gehört der Einmarsch, bei dem die Fans die Lieder laut mitgrölen. Herr Marijanovic, Sie sind zuletzt vermehrt zu "Looking for Freedom" von David Hasselhoff eingelaufen. Erhoffen Sie sich dadurch mehr Unterstützung bei Ihrem WM-Start?

Robert Marijanovic: Nein, das hat ein Bekannter an einem lustigen Abend vorgeschlagen. David Hasselhoff kennt halt jeder. Bei der WM werden Spieler aus der zweiten Reihe oft nicht gefragt, welches Lied sie haben wollen. Ich bin gespannt, was sie bei mir spielen.

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    Für den 38 Jahre alten Robert "Robstar" Marijanovic ist es bereits die dritte WM-Teilnahme. Die aktuelle Nummer 95 der Welt greift am 15. Dezember gegen den Engländer Richard North ins Turnier ein.

SPIEGEL ONLINE: Herr Clemens, bei Ihrem Spitznamen "Gaga" bietet sich "Radio Gaga" von Queen an...

Gabriel Clemens: Das höre ich andauernd. Aber das ist einfach nicht meine Musik.

SPIEGEL ONLINE: Auch wegen der Showelemente hält nicht jeder Darts für einen Sport. Was antworten Sie Leuten, die es als reine Party-Veranstaltung abtun, bei der sich die Zuschauer hemmungslos betrinken und oben auf der Bühne zwei Typen Pfeile werfen?

Clemens: Im Endeffekt haben sie recht - vor allem, was das Publikum angeht. Aber das finde ich auch vollkommen in Ordnung. Ich war ja selbst auch mal Zuschauer und habe dort auch gefeiert. Wir Spieler sind mittlerweile aber sehr professionell, arbeiten mit Trainern und Sportpsychologen. Abgesehen davon ist es natürlich völlig in Ordnung, dass die Leute dort Party machen.

Marijanovic: Fürs Publikum ist es eine Party, aber für die Spieler nicht. Wer das denkt, sollte mal ein paar Monate mit mir und "Gaga" unterwegs sein und die vielen Stunden am Board verbringen. Dann merkt man, dass es nicht immer Spaß ist.

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    Gabriel "Gaga" Clemens spielt sein erstes Jahr auf der Profitour. Der 35-jährige Schlosser ist derzeit die Nummer 66 der Weltrangliste. Sein erstes WM-Match bestreitet er am 16. Dezember gegen Aden Kirk aus England.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Besondere an der WM?

Marijanovic: Die WM ist der Traum von jedem Darter. Die Zuschauer machen einen großen Teil des Reizes aus. Wer da ein Ticket hat, macht richtig Rabatz.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Ziele für London?

Marijanovic: Ich bin bisher nicht über die erste Runde hinausgekommen. Jetzt will ich so lange wie möglich dabei bleiben. Die ersten Male haben Spaß gemacht, jetzt hätte ich gerne länger Spaß.

Clemens: Ich will nur gut spielen, dann weiß ich, dass ich jeden ärgern kann. Das Wichtigste ist, dass ich mein Spiel auf die Bühne bekomme.

SPIEGEL ONLINE: Bei der WM 2015 hat Max Hopp einen Darts-Boom in Deutschland ausgelöst, weil er in der 1. Runde Mervyn King besiegt hat. Dieses Jahr hat Hopp zwei Turniere gewonnen. Sie, Herr Clemens, haben im Mai ein Finale auf der PDC-Tour erreicht und nur knapp gegen Gary Anderson verloren. Auch Martin Schindler hat mehrere Halbfinals gespielt. Was ist für die Deutschen bei der WM drin?

Marijanovic: Es hieß immer, es würde noch Jahre dauern, bis ein Deutscher an die Spitze anschließt. Aber wenn man sich die Ergebnisse anguckt, ist alles drin. Mich würde es nicht wundern, wenn Max, Martin oder "Gaga" ins Viertelfinale kommen. Auch ein Deutscher im Halbfinale wäre keine Riesenüberraschung.

SPIEGEL ONLINE: Können auch Sie diese Überraschung sein?

Marijanovic: Eher nicht, aber ich werde mein Bestes tun.

Clemens: Der Robbie sollte sich da nicht rausnehmen. Ich traue ihm einiges zu.

SPIEGEL ONLINE: Sie beide waren viel zusammen unterwegs dieses Jahr. Warum?

Clemens: Ich hab keinen anderen gefunden.

Marjanovic: So ging es mir auch. Nein, wir haben uns Anfang des Jahres beide die Tourkarte erspielt und dann direkt entschieden, zusammen zu reisen, um uns Hotelzimmer zu teilen. Da kommen ja auch Kosten auf einen zu. Es hat super geklappt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind beide keine Vollzeitprofis. Wie bringen Sie Beruf und Darts in Einklang?

Clemens: Ich bin Schlosser im öffentlichen Dienst, arbeite aber seit diesem Jahr nur noch drei Tage die Woche. Den Rest der Zeit verbringe ich auf Flughäfen, in Hotels und Hallen. Nach der Arbeit trainiere ich eine Stunde und verbringe dann Zeit mit meiner Freundin. Ohne die würde ich den ganzen Stress gar nicht durchhalten.

Marijanovic: Ich arbeite Vollzeit als Lagerleiter. Aber mein Arbeitgeber ist flexibel, was meine freien Tage angeht. Ich habe auch die Möglichkeit, unbezahlten Urlaub zu nehmen. In letzter Zeit habe ich es mit dem Training etwas schleifen lassen. Um mich neu zu motivieren, habe ich Videos von mir auf YouTube hochgeladen.

Für Robert Marijanovic ist Darts "nicht immer nur Spaß"
imago/ Sven Simon

Für Robert Marijanovic ist Darts "nicht immer nur Spaß"

SPIEGEL ONLINE: Bleibt Zeit für Urlaub?

Clemens: Nein.

Marijanovic: Dieses Jahr nicht.

SPIEGEL ONLINE: Womit verdienen Sie mehr, mit Darts oder dem Alltagsjob?

Marijanovic: Für mich ist Darts bisher ein netter Nebenverdienst. Ich warte aber noch, was das Finanzamt nächstes Jahr sagt. Und dann sind da ja die Reisekosten. 15.000 bis 20.000 Euro kostet so eine Saison schon.

Clemens: Nach Steuern und anderen Kosten hab ich mit Darts ungefähr so viel verdient, wie ich sonst in meinem Beruf in Vollzeit verdiene. Ich hätte dieses Jahr also von Darts leben können.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren, damit Sie Ihren Job aufgeben?

Marijanovic: Ein Superergebnis bei der WM vielleicht. Wenn ich wüsste, das Geld reicht für ein paar Jahre. Oder es kommt jemand, der an mich glaubt und mich mal für zwei Jahre finanziert. Aber es ist schwierig, "Gaga" und ich kommen aus dem südlichen Teil Deutschlands. Da gilt vieles außerhalb des normalen Berufs als Träumerei.

Clemens: Ich bin 35, stehe mitten im Berufsleben. Es ist nicht einfach, das aufzugeben. Dieses Risiko liegt nicht in meinem Naturell. Wenn ich Anfang 20 wäre, würde ich es einfach zwei, drei Jahre versuchen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Manager?

Clemens: Ich hab meine Freundin, die macht das alles für mich. Als Vollzeitprofi macht ein Manager vielleicht Sinn, wenn man dann auch Exhibitions spielt.

Marijanovic: Wenn man einen Manager hat, ist man gebunden, muss vielleicht Dinge machen, die man ohne Manager nicht machen würde. Wenn ich jetzt irgendwann sage, ich habe keine Lust mehr, kann ich einfach aufhören.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
golfstrom1 14.12.2018
1. Darts
Ich glaube die Professionalisierung des Dartssports wird noch weiter voranschreiten. In 5 oder 10 Jahren wird dieser Sport weltweit ausreichend sein, damit die Top100 der Welt davon problemlos leben können. Die Topspieler werden Multimillionäre sein und weltweit sehr populär sein. Es werden sich unterklassige Ligen bilden, die das Sprungbrett in den Sport bilden. Die Popularität des Sports wird dazu führen, dass es irgendwann Vereine geben wird, die Kinder zu Dartsspielern ausbilden. Dieser Sport hat den Vorteil, dass die Leute viele Veranstaltungen über das ganze Jahr durchführen können ohne dass körperliche Grenzen gesetzt werden. Der Sport ist für das Fernsehen interessant und aufgrund der starken mentalen Komponente sind Endergebnisse nicht so extrem vorhersehbar.
trend 14.12.2018
2. gibts doch alles schon lange
Kleine Ligen gibt es seit über 30 Jahren, wo in den Vereinen auch Kinder ausgebildet werden. Die deutschen Spieler da auf der Bühne kommen alle von diesen kleinen Vereinen. Findet halt nur keine Beachtung. Sponsoren haben auch kaum Interesse, was ich nie verstehen werden, denn Dart ist eigentlich der perfekte Fernsehsport. Aber auch die Medien haben kein Interesse, es sei denn es ist WM. Oder hat schon mal jemand in irgendeiner Zeitung die Tabelle der Darts-Bundesliga gesehen?
sharkeys 14.12.2018
3.
Zitat von golfstrom1Ich glaube die Professionalisierung des Dartssports wird noch weiter voranschreiten. In 5 oder 10 Jahren wird dieser Sport weltweit ausreichend sein, damit die Top100 der Welt davon problemlos leben können. Die Topspieler werden Multimillionäre sein und weltweit sehr populär sein. Es werden sich unterklassige Ligen bilden, die das Sprungbrett in den Sport bilden. Die Popularität des Sports wird dazu führen, dass es irgendwann Vereine geben wird, die Kinder zu Dartsspielern ausbilden. Dieser Sport hat den Vorteil, dass die Leute viele Veranstaltungen über das ganze Jahr durchführen können ohne dass körperliche Grenzen gesetzt werden. Der Sport ist für das Fernsehen interessant und aufgrund der starken mentalen Komponente sind Endergebnisse nicht so extrem vorhersehbar.
Gibt es doch schon ewig.
doktordoktormueller 15.12.2018
4. Ja, bringt die Kinder zum Dartsport!
Unfug. Sport soll gesund sein, man soll sich bewegen, man soll Kalorien verbrauchen. Alles Dinge, die beim Dart nicht statt finden. Dart wird nie ein Sport sein im herkömmlichen Sinne. na gut, wer sehr gut ist, wird damit Geld verdienen können.
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