Darts-Weltmeister Michael van Gerwen Einsame Spitze

Michael van Gerwen dominiert die Darts-Tour seit Jahren. Bei der WM 2019 gab es für den Niederländer keine Gegner auf Augenhöhe. Wer kann der Nummer eins in der neuen Saison gefährlich werden?

Michael van Gerwen
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"Ich habe keinem die Chance gegeben, auch nur darüber nachzudenken, mich zu schlagen", sagte Michael van Gerwen nach dem Finale der Darts-WM im Londoner Alexandra Palace. Und ganz falsch lag er mit der Aussage nicht. Auch im Endspiel gegen den Engländer Michael Smith lief "Mighty Mike" nie wirklich Gefahr, die Partie zu verlieren. Er gewann 7:3 - im Vergleich zu van Gerwens vorigen Partien ein geradezu enges Match.

Es war bei dieser WM das erste Mal, dass der Niederländer mehr als einen Satz abgab. Das passierte aber auch nur, weil er beim klaren Stand von 4:0 - ähnlich wie im Halbfinale gegen Gary Anderson - deutlich nachließ. Nach kurzer Schwächephase legte van Gerwen wieder zu und sicherte sich souverän den dritten Weltmeistertitel. Erst den dritten, möchte man fast meinen.

Van Gerwen dominiert die Tour schon seit knapp fünf Jahren. 39 Turniere hat der 29-Jährige in der vergangenen Saison gespielt, einschließlich der WM 20 davon gewonnen. In der 24-monatigen Geldrangliste der PDC, Order of Merit, hat er mehr als doppelt so viel Preisgeld eingespielt wie die Nummer zwei der Welt, Rob Cross. Kein anderer Profi spielt so konstant auf hohem Niveau wie van Gerwen, trifft die gewünschten Triple so oft, visiert die Doppelfelder unter Druck so sicher an. Die Kräfteverhältnisse im Darts sind aktuell ziemlich klar verteilt.

Mehr Turniere, mehr Geld, mehr Profis

Dabei sollten die Zeiten eigentlich vorbei sein, in denen ein Akteur diesen Sport so klar dominieren kann. Der große Phil Taylor (Karriereende im Vorjahr) war über nahezu drei Dekaden der mit Abstand beste Spieler der Welt, wurde 16-mal Weltmeister - eine lebende Legende. Aber lange war das auf der Tour ausgeschüttete Preisgeld auch so niedrig, dass es neben Taylor kaum Spieler gab, die vom Darts leben konnten, außerhalb der Darts-Heimat Großbritannien schon gar nicht.

Heute verdienen Profis mehr Geld, es werden mehr Turniere gespielt, bei denen die Spieler Erfahrungen und Preisgeld sammeln können. Es gibt Profis aus Australien, den Niederlanden, Belgien, Österreich und Deutschland, Darts ist international. Die Top 50 der Welt können sich mittlerweile voll auf ihren Sport konzentrieren und müssen neben Darts keinen Beruf mehr ausüben.

Und ja, die Tour ist durchaus ausgeglichen - aber eben nur unterhalb von van Gerwen. 38 verschiedene Spieler standen 2018 in Endspielen der jedes Jahr wachsenden Pro Tour. Seit einigen Jahren gibt es dazu eine Turnierreihe für Spieler ohne Tourkarte (Challenge Tour) und mit der Development Tour Events, an denen nur Spieler unter 24 Jahren teilnehmen dürfen.

Wer kann van Gerwen gefährlich werden?

Dieser Unterbau zeigt erste Erfolge, immerhin hat er die erweiterte Weltspitze bereits verbreitert. Der Engländer Luke Humphries, 23 Jahre, gewann die Development Tour in den vergangenen zwei Jahren und erreichte bei dieser WM überraschend das Viertelfinale. Sein Landsmann Nathan Aspinall, 27, brach erst im vergangenen Frühjahr seine Ausbildung zum Buchhalter ab, volle Konzentration auf den Profisport - die Folge: Er gewann im September 2018 sein erstes Turnier auf der Pro Tour und kam im Londoner Ally Pally sogar ins Halbfinale.

Der 22-jährige Niederländer Jeffrey de Zwaan feierte in der vergangenen Saison ebenfalls seinen Durchbruch, gewann einen ersten Titel und schlug van Gerwen gleich zweimal. Bei der WM spielte er dann aber keine Rolle. Andere junge Spieler wie Dimitri Van den Bergh, Corey Cadby und der Deutsche Max Hopp haben zwar schon bewiesen, dass sie Turniere abseits der WM gewinnen können, zur absoluten Weltspitze gehören aber auch sie noch nicht.

Deutschlands bester Werfer Max Hopp spielt in der Weltspitze noch keine Rolle
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Deutschlands bester Werfer Max Hopp spielt in der Weltspitze noch keine Rolle

Rob Cross und Michael Smith sind im Lager der etablierten Spieler die offensichtlichsten Kandidaten, die van Gerwen Probleme bereiten können. Cross, der Sensationsweltmeister von 2018, erfüllte in der vergangenen Saison die hohen Erwartungen allerdings nicht. Im WM-Achtelfinale war für den Titelverteidiger bereits Schluss. Ein bekannter Name wie Raymond van Barneveld spielt 2019 seine letzte Saison. Gary Anderson, 48 Jahre, sagte nach seiner Halbfinalniederlage, er habe nicht mehr so viel Spaß am Darts.

Van Gerwens Finalgegner Smith galt schon vor Jahren als Toptalent. Der ehemalige Schüler von Gary Anderson zeigte sich nach der Finalniederlage enttäuscht, sagte aber noch auf der Bühne gleich nach der Niederlage, er könne versprechen, dass das nicht sein letztes WM-Finale war. Sollte es dazu kommen, heißt sein Gegner wahrscheinlich erneut van Gerwen.



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millwallbrick 02.01.2019
1. Nicht falsch, nur anders
Noch eine "Randsportart", die ihren Charme verliert. Sozusagen eine Form der Gentrifizierung: das Geld wandelt den Kneipensport zum Leistungssport. Das muss ja nicht schlecht sein; ist doch toll, wenn jemand mit dem was er liebt "reich" werden kann. Nur das liebenswerte, rauhe, versoffene Flair, das wird dem 08/15-Athleten weichen, der den Werbepartnern gefallen will.
steffen_w_beim_spiegel 02.01.2019
2.
Schade. Der Sieg sei im gegönnt, van Gerwen ist ein sehr guter Spieler, das muß man einfach anerkennen. Aber mit seiner verbissenen, überheblichen und respektlosen Art gegenüber anderen Spielern ist mir der Tüp mittlerweile einfach unympathisch. Nicht nur deshalb hätte ich den Sieg dem "Bully Boy" gegönnt.
Liudin69 02.01.2019
3. Gegen die Masse angestunken
Wow! Trotz eines ihm wahrlich nicht wohl gesonnenen Publikums hat MVG einmal mehr seine Schutzschilde ausgefahren und erstklassigen Dartsport abgeliefert. Mittlerweile braucht er offensichtlich die Pfiffe und Anfeindungen, um so richtig in Fahrt zu kommen. Respektlosigkeit seinen Gegnern gegenüber konnte ich bei der WM nicht ausmachen. Er hat sich selbst angefeuert und seinen Anspruch auf die Nr. 1 der Welt bestätigt. Der Druck war bei ihm am größten. Sympathiewerte sind da eher zweitrangig zu bewerten. Und im Vergleich mit den zahlreichen Lackaffen in den Fußballstadien der Welt, ist die Glatze aus NL mir wirklich lieber. Die Preisgelder sind auch endlich angemessen, denn ohne diese könnte eine Sportart wie Darts nicht medientauglich aufgewertet werden. Aber das schönste an dieser Sportart ist die Tatsache, dass sie jeder überall ausüben kann. Ein Spaß für die ganze Familie. Tiptop.
mallangsam 02.01.2019
4. Solange MvGs Gegner
nicht ihr bestes Dart spielen, wird es nicht Mall spannend. Smiths Score und Doppelquote haben es MVG leicht gemacht, und das war zuvor bei Anders in auch schon so. Das liegt sicher auch am augenblicklich enormen Druck, den vG ausübt, aber auch an seiner Art "sich zu feiern", die auf die Psyche des Gegners abzielt. Jeder spürt das, und deshalb hat MVG wenig Fans, der Ally Pally bleibt still, selbst beim seinem Finalsieg.
royal_flush 02.01.2019
5.
MVG kann sich nur selbst schlagen, wie zB im Halbfinale letztes Jahr gegen Rob Cross, als er mehrere Matchdarts vergab. Daher ist er auch verdient Weltmeister, auch wenn ich mir den Bullyboy gewünscht hätte. Ist halt wie immer, wenn ein Sportler / eine Mannschaft so dominant ist. Wenn es nur darum geht, wer der beste Zweite wird, wird's auf Dauer langweilig. Dennoch: die WM hat mal wieder Spaß gemacht. Mittlerweile ein fester Bestandteil meiner Vor- und Nachweihnachtszeit.
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