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16. Dezember 2018, 18:26 Uhr

Peter Wright bei der Darts-WM

Die schüchterne Schlange

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Hochbegabt, aber ohne Selbstvertrauen: Peter Wrights Traum vom Profi drohte früh zu platzen. Doch dann kam seiner Frau eine Idee. Sie erschuf für ihren schüchternen Mann eine Fassade - Snakebite entstand.

Peter Wright ist die Nummer drei der Weltrangliste und eine der schillerndsten Figuren der ohnehin schon farbenfrohen Dartswelt. "Snakebite", wie Wright genannt wird, steht für Party, schrille Aufzüge und ein an Arroganz grenzendes Selbstvertrauen. Zusammen mit seiner Frau Joanne erfand er die Kunstfigur "Snakebite", um auf den großen Bühnen abliefern zu können, er wurde vom Gelegenheitsjobber zum Millionär.

Das ist die eine Seite.

Und dann ist da noch der private Wright, ein höflicher, schüchterner, eher introvertierter Mensch. Beinahe wären ihm diese Charaktereigenschaften auf dem Weg zum Star seiner Sportart zum Verhängnis geworden. Aber erstmal der Reihe nach.

Wright wurde 1970 im schottischen Livingston geboren. Seinen Vater kennt er nur von Fotos. Als er fünf Jahre alt war, floh seine Mutter mit ihm nach London. Die Familie befand Wrights Mutter für zu jung, um ihn aufzuziehen, und wollte ihn ihr wegnehmen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL erzählt Wright, dass er sich an seine Kindertage kaum erinnern könne, vielleicht auch vieles verdrängt habe.

"Wir wohnten nicht in der besten Gegend, waren auf Hilfe angewiesen, bekamen Geld vom Staat - für die Wohnung, Lebensmittel, alles. Es war wirklich hart." Seine ersten Pfeile bekam Wright zum 13. Geburtstag. Weil seine Mutter sich kein Board leisten konnte, malte er anfangs Zielscheiben auf Bäume. Mit 15 spielte er in einer Kneipenmannschaft und deutete bereits sein großes Talent an, zwei Jahre später war er einer der besten Spieler Londons. Aber es fehlte ihm Selbstvertrauen; und jemand, der ihn ermutigte, es als Profi zu versuchen.

1995 fand er doch den ersten Weg ins Rampenlicht, er qualifizierte sich für die WM der British Darts Organisation (BDO). Der damals 25-Jährige verlor - ganz in schwarz gekleidet und ohne extravagante Frisur - in Runde eins gegen den späteren Weltmeister Richie Burnett. Vorerst war es ein einmaliger Auftritt auf großer Bühne. Über zehn Jahre lang spielte Wright nur noch auf regionalem Level und verdiente sein Geld mit Gelegenheitsjobs.

Letztlich war es seine Frau Joanne, die ihn dazu ermutigte, es ernsthaft als Profi zu versuchen. 2007 schauten sich die beiden den Grand Slam of Darts im Fernsehen an. Als Wright seiner Frau erzählte, dass er die meisten Spieler schon geschlagen habe, die da auf dem Bildschirm zu sehen waren, drängte sie ihn dazu, seinen Traum zu verwirklichen.

"Er hatte nie jemanden, der ihn unterstützt hat", erzählte Joanne Wright 2017 dem "Telegraph". "Jeder sagte ihm, dass er es nie schaffen wird. Er war einfach zu schüchtern. Wir mussten ihm Selbstvertrauen verschaffen."

Die Transformation dauert zwei Stunden

Und so wurde "Snakebite" erschaffen. Joanne ist Friseurin und verpasste Peter bunte Haare und den Mohawk-Schnitt. Dazu kamen die extravaganten Shirts und Hosen. Die auf die linke Kopfseite aufgemalte Schlange komplettierte das Outfit. Aus dem schüchternen und von Selbstzweifeln geplagten Peter wurde vor Darts-Turnieren der extrovertierte Entertainer "Snakebite".

Für die äußere Transformation benötigen die Wrights etwa zwei Stunden - vor jedem Spiel. Für die innere brauchte es Jahre. Wright spielte 2008 nur 1200 Pfund Preisgeld ein. In den Folgejahren etablierte er sich zwar auf der Tour, aber am Ende jeder Saison stand immer noch ein Minus. Anfang 2013 beschließen die Wrights, dass sie es noch eine letzte Saison versuchen. Am Ende des Jahres steht "Snakebite" völlig überraschend im WM-Finale, kassiert dafür 100.000 Pfund und wird zum Publikumsliebling.

Bei seinen Profikollegen kommt Wrights Gehabe nicht immer gut an. Michael van Gerwen warf ihm mal mangelnden Respekt vor, Landsmann Gary Anderson gab ihm den Rat, seinen Mund zu halten. Und in der Tat, "Snakebite" polarisiert in der Darts-Szene, vielleicht auch, weil er bei den Fans so gut ankommt. Oft und gerne erzählt er, dass er irgendwann die Nummer eins sein wird. Und außer Phil Taylor gebe es sowieso keinen Spieler, der seinen Respekt verdient.

2018 war nicht das beste Jahr für Wright. Er gewann nur drei Turniere, zeigte zu selten sein Topniveau. Anders als in den vergangenen Jahren gilt er nicht als einer der Topfavoriten. Aber welche Zweifel Wright auch haben mag: Wenn sich "Snakebite" am Abend gegen Toni Alcinas (ca. 22.30 Uhr, Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) auf den Weg Richtung Bühne macht, wenn "Don't Stop The Party" von "Pitbull" aus den Lautsprechern dröhnt, wenn Tausende Fans ihm zujubeln, dann wird "Snakebite" die Menge zur Begrüßung mit seinem Hüpftanz begeistern und davon überzeugt sein, dass er der beste Spieler der Welt ist.

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