IOC-Kritik an Weltverband Der Kampf um die olympische Zukunft des Boxens

Das Internationale Olympische Komitee gibt keine Garantie für Box-Wettbewerbe bei den Olympischen Spielen in Tokio 2020. Grund dafür ist der unter Korruptionsverdacht stehende Boss des Box-Weltverbands.

Gafur Rachimow
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Gafur Rachimow

Aus Tokio berichtet


Es bleibt unsicher, ob Boxen zum Programm der Olympischen Spiele 2020 in Tokio gehört. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) will die Zulassung des Sports weiter prüfen. Grund ist der umstrittene Weltverband Aiba und dessen Präsident Gafur Rachimow. Dem Geschäftsmann wird vorgeworfen, eine bedeutende Rolle in der organisierten Kriminalität zu spielen.

Am Freitag verfügte das IOC-Exekutivkomitee in Tokio, alle Vorbereitungen inklusive des Ticketverkaufs für das Turnier zu stoppen. Die Aiba darf nicht mehr mit den olympischen Ringen werben, Zahlungen an den Verband hat das IOC ohnehin eingestellt. Eine von dem Serben Nenad Lalovic geleitete dreiköpfige Untersuchungskommission soll den Fall prüfen. Lalovic ist Präsident des Ringer-Weltverbandes UWW.

Für die Sportart geht es um folgende Fragen: Bleibt Boxen olympisch? Wird es in zwei Jahren bei den Sommerspielen in Tokio ein Boxturnier geben? Wie konsequent wird das IOC handeln, das die Aiba seit einem Jahr unter Druck setzt?

Am Sonnabend sagte IOC-Präsident Thomas Bach: "Wir wollen ein Boxturnier in Tokio, und wir werden alles dafür tun." Gerade haben Japans Boxer eine Resolution verabschiedet, die Bach unterstützt, gleichzeitig aber die Aiba sanktioniert. "Sportler sollten nicht unter den Fehlern der Funktionäre leiden", erklärte Bach. Wenn es mal so einfach wäre: In der Aiba leiden Generationen von Boxern unter den teilweise kriminellen Umtrieben der Verbandschefs.

Hort der Korruption

Die Aiba ist seit 1986, als der damalige Adidas-Mitarbeiter Anwar Chowdhry aus Pakistan das Präsidentenamt übernahm, im Zwielicht. Zahlreiche Punkt- und Ringrichterskandale bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen prägten seither das Bild. Die Anzahl olympischer Goldmedaillen wurde nach Aktenlage mitunter bereits vor den jeweiligen Sommerspielen festgelegt: etwa 1988 für Seoul, als sowohl der DDR als auch den USA zwei Olympiasiege zugesprochen wurden - so kam es dann auch.

Die skandalösen Umstände änderten sich ab 2006 nicht grundsätzlich, als Ching-Kuo Wu, ein IOC-Mitglied aus Taiwan, die Präsidentschaft übernahm. Wu wurde von dubiosen Persönlichkeiten unterstützt: dem späteren Aiba-Generaldirektor Ho Kim aus Südkorea und dem Usbeken Gafour Rachimow, der zudem einen russischen Pass hat. Diese Schatten wurde Wu nie los.

Rachimow wurde schon in den 1990er Jahren in Berichten des FBI und von Interpol als Drogenbaron in den mittelasiatischen Republiken beschrieben. Er blieb aber fast zwei Jahrzehnte im Aiba-Vorstand, war lange Vizepräsident der asiatischen Olympia-Vereinigung OCA - unter jenem Olympiascheich Ahmad Al-Fahad Al-Sabah aus Kuwait, der sich vergangene Woche als IOC-Mitglied selbst suspendierte und am Mittwoch in Tokio als Präsident der Weltvereinigung aller 206 nationalen Olympiakomitees aussetzte. Der Scheich, Wahlhelfer von Thomas Bach, will zurückkommen, sollte er im Frühjahr in einem Strafprozess in Genf nicht wegen schweren Betruges zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden.

Das IOC-Mitglied Wu hat die Aiba ins finanzielle Chaos geführt. Nach einem Putsch gegen ihn übernahm im Januar Rachimow zunächst ad interim und im November auf einem Wahlkongress in Moskau offiziell die Präsidentschaft - gewählt auch vom Deutschen Boxsport-Verband (DBV). Dessen Präsident Jürgen Kyas glaubt an Rachimow, der bisher nirgends angeklagt und verurteilt wurde, seine Unschuld beteuert, aber weiter auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums steht. Der von der Aiba lebenslang gesperrte Wu sagte dem SPIEGEL in Tokio, er verstehe Kyas und dessen Nibelungentreue zu Rachimow nicht: "Rachimow ist gefährlich!"

Warum gilt die Unschuldsvermutung nicht für Rachimow?

Die Aiba und Rachimow bedankten sich am Samstag beim IOC-Exekutivkomitee in geradezu unterwürfigem Ton dafür, dass einige Fortschritte der Aiba anerkannt wurden. Man unternehme alles, um die Krise zu meistern. Einmal mehr behauptete Rachimow, die US-Sanktionen gegen ihn beruhten auf falschen Anschuldigungen einstiger politischer Widersacher in Usbekistan. Er verschweigt dabei, dass er lange bevor er in Usbekistan in Ungnade gefallen war, bereits von Polizeibehörden beobachtet wurde. So war ihm bereits im Jahr 2000 vom Olympiagastgeber Australien die Einreise verweigert worden. Rachimow erklärte, er freue sich auf die Gespräche mit dem IOC-Ermittler Nenad Lalovic und sei bereit, alle Informationen zu teilen.

Der SPIEGEL wollte von Bach wissen, warum er nur für seinen Freund Scheich Al-Sabah die Unschuldsvermutung anführt, obgleich dieser in der Schweiz angeklagt ist und in Kuwait wegen olympischer Geldwäsche gegen ihn ermittelt wird. Ob die Unschuldsvermutung nicht für Rachimow gelte, der darauf verweist, nie verurteilt worden zu sein?

Bach sagte weder ja noch nein. Es handele sich um unterschiedliche Fälle, führte er aus. Die IOC-Ethikkommission befasse sich mit Scheich Al-Sabah und habe unmittelbar nach der Anklage in der Schweiz Empfehlungen ausgesprochen, denen dieser gefolgt sei. Dagegen handele es sich bei Rachimow "nicht um eine persönliche Angelegenheit", sagte Bach und insinuierte, dass sei im Strafverfahren Al-Sabah der Fall. Es werde klar, dass Rachimow wegen der Sanktionen des US-Finanzministeriums nicht in der Lage sei, sein Amt als Aiba-Präsident vollumfänglich auszuüben. Er könne nicht frei reisen. Zudem hat die BCV-Bank in Lausanne Konten des Verbandes gekündigt.

Im Juni 2019 findet in Lausanne die nächste IOC-Vollversammlung statt. Spätestens dort soll die Entscheidung über das olympische Boxturnier 2020 fallen, erklärte IOC-Sportdirektor Kit McConnell.



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