DEL-Finale Kleinigkeiten entscheiden die Serie

Durch einen 3:2-Sieg im zweiten Spiel haben die München Barons die Endspielserie um die deutsche Eishockey-Meisterschaft mit den Kölner Haien ausgeglichen. Erneut entschieden individuelle Fehler das Match.

Von Matthias Vollrath


München - Die Zahlenkolonne heißt Plus-Minus-Statistik und Eishockey-Trainer, besonders die kanadischen, schauen sehr genau darauf. Wer auf dem Eis steht, wenn die eigene Mannschaft ein Tor erzielt, bekommt plus eins notiert, wer dabei ist, wenn ein Gegentreffer fällt, minus eins. Jedes Tor wird auf diese Art als Ergebnis des gemeinsamen taktischen Verhaltens der Feldspieler interpretiert. Alle für einen, für den gefeierten Torschützen genauso wie für den armen Kerl, der soeben mit einem Anfängerfehler das ganze Spiel versaut hat.

Momentan gleichauf in der Final-Serie: Kölns Corey Millen (l.) und Münchens Mike Kennedy
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Momentan gleichauf in der Final-Serie: Kölns Corey Millen (l.) und Münchens Mike Kennedy

Letzteres ist dem Stürmer Todd Hlushko am Ostermontag widerfahren. Der Kanadier, im Team der Kölner Haie auch als Stimmungskanone geschätzt, wollte es besonders gut machen und bei Kölner Unterzahl einen schnellen Konter einleiten. Eine riskante Sache: In zentraler Position im eigenen Drittel stand Hlushko, die Scheibe kaum richtig unter Kontrolle, Münchens große Verteidiger wie eine Mauer vor sich. Für die Entscheidung zum Steilpass und die Ausführung blieb ihm vielleicht eine Zehntelsekunde Zeit.

"Er hätte besser einfach gespielt“, forderte sein Trainer Lance Nethery hinterher den simplen Befreiungsschlag, wie er im Penalty-Killing üblich ist. Hlushko aber zockte - und verzockte. Münchens Pelle Svensson fing den Pass ab, Johan Rosen stand frei vor dem Kölner Tor und schoss sein zweites Tor zum 3:2. Minus eins für Hlushko und die drei Feldspielerkollegen, Sieg für die Barons aus Bayern. Die Finalserie um die Deutsche Meisterschaft steht unentschieden 1:1. Am Mittwoch kreuzen die Teams die Schläger in Köln, am Freitag erneut in München.

"Kleinigkeiten werden die Serie entscheiden“, sagen Nethery und sein Münchner Kollege Sean Simpson in diesen Finaltagen unisono und immer wieder. Beim ersten Spiel (5:3 für Köln) gaben die Kleinigkeiten den Ausschlag zu Gunsten der Kölner. Der Videobeweis verhalf Momessos mit dem Schlittschuh erzieltem 2:2 zur Anerkennung. Vor dem 4:2 hatten Schieds- und Linienrichter einen Kölner Wechselfehler nicht geahndet. Am Montag lief es anders herum.

Hlushkos Aussetzer beendete die stärkste Phase der Kölner, die gerade auf dem Weg schienen, die beeindruckend kompakte Münchner Defensive in Schwierigkeiten zu bringen, nachdem die Haie das erste Drittel "im Schlafsack“ (Co-Trainer Bob Leslie) zugebracht hatten und mit 0:2 in Rückstand geraten waren. "So darf man in einem Finale nicht spielen“, schimpfte Kölns Nationalspieler Jörg Mayr, der von der Tribüne aus zusehen musste, weil Stürmer Andreas Lupzig in die Mannschaft zurückkehrte. Doch aus der Erkenntnis, dass es schlechter kaum geht, ziehen die Kölner Zuversicht: "Am Mittwoch werden wir wieder 60 Minuten lang kämpfen“, meint Kapitän Zarrillo und Stürmerkollege Young ließ vernehmen: "Wir haben uns im ersten Drittel selbst geschlagen. Das wird nicht wieder vorkommen."

Aber Münchens Sieg kam nicht nur durch Kölner Schwäche zustande. Der Verlauf der ersten beiden Spiele hat die Erwartungen bestätigt: Als einziges Team der Liga ist München in der Lage, die technisch und läuferisch starken Kölner Angriffsreihen unter Kontrolle zu halten. Vergeblich rannten die Haie gegen die groß gewachsenen und im Schnitt fast fünf Kilogramm schwereren Barons-Verteidiger an.

Baron Shane Peacock (l.) zieht gen Haie-Tor
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Baron Shane Peacock (l.) zieht gen Haie-Tor

Den Nachteil der geringeren Beweglichkeit kompensiert Simpsons Team durch hervorragende Defensivarbeit der Stürmer, die die Mittelzone abriegeln und den tiefen Pass erzwingen. Die daraus resultierenden Zweikämpfe in den Ecken und an den Banden sind die Domäne der Münchner Abwehrhünen wie Severyn, Lodin, Luongo und Herter. Ergebnis: Wenig Torchancen für die Kölner, die es sonst im Schnitt auf rund vier Treffer pro Partie bringen. „Offensive gewinnt Spiele, Defensive gewinnt Serien“, sagt ein Eishockey-Sprichwort. Münchens Torwart Boris Rousson kennt sie auch und ist kräftig zuversichtlich: "Es dürfte kein Problem sein, drei Spiele zu gewinnen."

Auch für Bundestrainer Hans Zach, der in Kassel und bei der deutschen Nationalmannschaft für eine ähnliche Betonung des "Safety first“ steht, sind die Kölner nicht mehr Favorit: "München ist spielerisch besser. Sie werden die Serie gewinnen“. Münchens Coach Sean Simpson gab sich unaufgeregt: "Jetzt ist eine Best-of-three-Serie. Wir müssen einmal in Köln gewinnen.“

Sein Kölner Kollege und Freund Lance Nethery verließ die Olympiahalle gereizt. Der erfolgsgewohnte Kanadier (das 2:3 war die fünfte Niederlage in den letzten 39 Play-off-Spielen) klagte in für ihn untypischer Weise über den Gegner ("Im letzten Drittel hat München nur noch gehakt und gehalten“) und kehrte zum Nebenkriegsschauplatz zurück, der schon vor dem Spiel entstanden war. "Ich kann es nicht glauben. So etwas gibt es nur im deutschen Eishockey. Oder kann sich jemand vorstellen, dass man zwei Stunden vor dem Fußball-Spiel Dortmund-München über den Beginn streitet?“ entrüstete sich der 42-Jährige.

Das Deutsche Sport-Fernsehen hatte den für 15 Uhr terminierten Beginn beanstandet und auf 15.15 Uhr bestehen wollen. Die Kölner legten aus prinzipiellen Erwägungen Protest ein. DEL-Ligenleiter Gernot Tripcke wird die Note lesen und in den Papierkorb werfen. Der Vorgang dürfte sich als Kommunikationsproblem zwischen Liga und Sender erweisen und ist eine zum Ärgernis aufgeblasene Kleinigkeit. Keine, die eine Final-Serie entscheiden kann. Aber eine, für die man allen Beteiligten in der Statistik minus eins anschreiben sollte. Todd Hlushko würde das allerdings auch nicht trösten.



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