Depressionen bei Top-Athleten Wenn zu viel Sport die Seele quält

Sport hält gesund, heißt es. Doch zu viel Training kann auch krank machen, Spitzensportler leiden ebenso häufig unter Depressionen wie ihre Mitmenschen. Forscher suchen nach Erklärungen: Stress, Druck, Fremdbestimmtheit.
Profisportler und Depressionen: Suche nach Erklärungen

Profisportler und Depressionen: Suche nach Erklärungen

Foto: Corbis

Wer sich körperlich betätigt, dessen Geist geht es gut - so jedenfalls lautet die gängige Meinung. Dabei sind Depressionen unter Leistungssportlern genauso verbreitet wie beim Rest der Gesellschaft: Jeder dritte Athlet weist Untersuchungen zufolge im Laufe seines Lebens die Symptome einer handfesten Schwermut auf . Auch das Athleten-Burnout, der das Risiko für eine Depression erhöht, ist weitverbreitet.

Demnach schadet Sport offenbar ab einem bestimmten Maß der Seele. Woran das liegt? Überlegungen dazu gibt es inzwischen viele, nach den tatsächlichen Ursachen suchen die Forscher aber noch.

"Für Hochleistungssportler existieren andere Risikofaktoren für psychische Erkrankungen als in der Allgemeinbevölkerung. Sie sind anderen Belastungen ausgesetzt", sagt der Psychiater Andreas Ströhle, der eine Sportpsychiatrische Sprechstunde am Universitätsklinikum Charité in Berlin eingeführt hat. Doch der ständige Leistungsdruck sei nur ein Beispiel für die Art dieser Belastungen.

Fremdbestimmtes Leben

Psychologen gehen davon aus, dass Hochleistungssportler unter wenig Raum für Selbstbestimmung  leiden. Selbstbestimmung speist sich nach Ansicht der Forscher aus drei Grundbedürfnissen, die jeder Mensch hat: Familie zu haben sowie Freund- und Partnerschaften zu führen (Beziehungen), unabhängig von anderen handeln zu können (Autonomie) und zu etwas fähig zu sein (Kompetenz). Werden diese drei Bedürfnisse nicht befriedigt, kann das - so die Theorie - depressiv machen.

"Der Sportleralltag ist wie das Berufsleben eines hochrangigen Managers", sagt die Psychologin Marion Sulprizio, die an der Deutschen Sporthochschule Köln forscht, lehrt und Sportler coacht. Spitzensportler hätten neben Training und Wettkämpfen kaum Zeit, um soziale Kontakte zu anderen Menschen als ihren Trainingskollegen zu pflegen, die oft auch noch Konkurrenten sind. Vom Trainer vorgegebene und durchgetaktete Trainings-, Ess- und Wochenpläne lassen den Sportlern zudem wenig Spielraum für eigene Entscheidungen oder Hobbys, gleiches gilt für die Vorgaben aus Sponsorenverträgen.

Selbst das Grundbedürfnis nach Kompetenz sei bei vielen Top-Athleten nicht auf Dauer erfüllt, sagt Sulprizio: "Die Sportler perfektionieren zwar ihre Fähigkeiten in ihrer Sportart. Endet die Sportlerkarriere, stehen viele allerdings vor dem Nichts, weil sie bislang keine weiteren Qualifikationen erworben haben. Ihnen fehlt der Plan B." Oft kämen Sportler dann zu ihr in die Beratung.

Übertraining erhöht Depressionsrisiko

Ein weiterer Risikofaktor für Leistungssportler, depressiv zu werden, ist der Trainingsumfang. Eine britische Studie mit mehr als 360 jugendlichen Leistungssportlern konnte einen Zusammenhang zwischen Trainingsstunden pro Woche und psychischen Wohlbefinden  zwar nicht bestätigen. Sie zeigte aber, dass besonders erfolgreiche Sportler auch besonders belastet waren. Mehr als ein Drittel aller Athleten, die an nationalen Wettkämpfen teilnahmen, und etwa 45 Prozent aller international aktiven Sportler zeigten Symptome eines Übertrainings wie Schlafstörungen, Appetitverlust, Traurigkeit oder mangelndes Selbstbewusstsein. Jugendliche, die an Clubturnieren oder regionalen Wettbewerben teilnahmen, waren teilweise halb so oft davon betroffen.

Übertraining verursacht nicht nur ähnliche Symptome wie eine Depression, es erhöht auch die Gefahr, daran zu erkranken, wenn die genetischen Voraussetzungen dafür gegeben sind.

Und als seien diese Faktoren nicht schon genug, tragen vermutlich auch die Persönlichkeitseigenschaften von Sportlern ihren Teil zum psychischen Shutdown bei: Forscher haben dabei sowohl Perfektionismus als auch zu viel Hingabe im Verdacht , wie eine schwedische Studie zeigt. Sportler, die mit zwanghafter Leidenschaft ihrem Training nachgehen, also im Winter draußen Radfahren, obwohl Schnee und Eis die Straßen zu einem gefährlichen Pflaster machen, drohen eher in ein Athleten-Burnout hineinzurutschen als solche, die ebenfalls mit Einsatz ihrem Sport nachgehen, aber bestimmte Grenzen akzeptieren.

Eine weitere These ist der Einfluss des Hormonhaushalts eines Leistungssportlers auf die Entstehung einer Depression: "Vor einigen Jahren untersuchten Mediziner die Ausschüttung von Stresshormonen bei Marathonläufern. Tatsächlich war deren Stresssystem vergleichbar mit dem von schwer depressiven Menschen", sagt Psychiater Andreas Ströhle. Auch der neurologische Botenstoff Serotonin scheint eine bedeutsame Rolle zu spielen . Denn er beeinflusst nicht nur die Stimmungslage eines Menschen, sondern auch seine motorischen Funktionen.

Welche Mechanismen nun tatsächlich eine Schwermut bei Sportlern auslösen, bleibt weiterhin offen. Experten gehen aber davon aus, dass immer mehrere der möglichen Risikofaktoren zusammenkommen müssen, bis ein Athlet erkrankt.

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