Der Etappenhase Angst vor dem Abendessen

Während Hunderte Camper entlang der Tour de France Nackensteaks und Bratwürstchen auf dem Grill wenden, sind die Fahrer froh, wenn sie an den Verpflegungsstationen mit dem Nötigsten versorgt werden. Das ist in den seltensten Fällen lecker und verdirbt so manchem Akteur nachhaltig den Appetit.


Frischer Salat: Selten auf dem Speiseplan
DDP

Frischer Salat: Selten auf dem Speiseplan

Die Fahrer sind nun schon fast 2000 Kilometer unterwegs, und so wie Formel-1-Rennwagen kein normales Benzin tanken, so ist die Qualität der Ernährung als Kraftstoff für die Leistungen der Akteure enorm wichtig. Die vielen Kalorien, die während einer Etappe verbraucht werden, müssen natürlich nach ernährungstechnischen Kriterien nachgefüllt werden. Und genau darin besteht mitunter das Problem. Leicht verdaulich soll die Nahrung sein - und am besten schmackhaft. Nun ist es nicht gerade ein Highlight, vor einer Bergetappe zum Frühstück einen großen Teller nicht immer al dente gekochter Pasta zu vertilgen und sich danach alle Riegel, Gels und die anderen Dinge, die der Verpflegungsbeutel hergibt, einzuverleiben. Wenn ein Fahrer dann auf der Etappe schon fünf bis sieben Liter getrunken hat und noch ein üppiges Abendessen zu sich zu nehmen soll, wird die Freude nicht gerade größer. Natürlich muss man nicht immer so viel essen, besonders in den ersten Tagen. Doch wenn die Teilabschnitte fünf und mehr Stunden bei Gluthitze durch die Berge führen, ab und an noch ein Gewittersturm mit dazu kommt, spätestens dann muss sich der Sportler teilweise schon zwingen, die geforderten Mengen zu essen.Gerade das Abendessen verkommt so oft zur Qual. Man musste viel trinken, um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen, und in den ohnehin schon gluckernden Bauch sollen noch eine Quiche, ein Teller Pasta, Gemüse, Fisch oder Fleisch und zum Abschluss ein Nachtisch. Bei diesem Überangebot an Nahrung kann einem die Lust aufs Essen vergehen. Auch wenn die Sportlerernährung heutzutage so gut ist wie nie, jeden Tag nur Riegel und Gels - das schafft kein Rennfahrer über drei Wochen ohne ab und an mal an Eisbecher, Rheinischen Sauerbraten oder Burger zu denken. Tod auf Socken Diese Träume sind aber überhaupt nicht umsetzbar, auch wenn die Betreuer versuchen, Abwechslung in den Verpflegungsbeutel zu bringen. Wenn es heiß ist, sind öfter kleine Obststückchen dabei oder auch mal Minimilchbrötchen mit Frischkäse und Schinken oder Marmelade. Gerade weil die Powerriegel und Konsorten aber eine schnelle, effektive und leicht verdauliche Nahrung sind, versucht man oft, zumindest einen oder zwei dieser Energiestäbchen zu essen.Die sind zwar durchaus lecker im Geschmack, aber wenn es heiß ist, sind sie oftmals nur schwer runter zu bringen. Ist man erstmal im Ziel, beginnen die Gelüste nach etwas Salzigem. Jetzt ein Radler und dazu einen großen frischen Salat mit einer Riesenportion fettigen Fritten - das wäre doch mal was im Teambus.

Üppiger Hamburger: Wunschtraum der ausgelaugten Rennfahrer

Üppiger Hamburger: Wunschtraum der ausgelaugten Rennfahrer

Doch da wartet dann meisten ein Recoveryshake, weitere isotonische Getränke und mit etwas Glück ab und zu ein Sandwich. Deshalb kommt es oft vor, dass man gar keine Lust hat, überhaupt etwas zu essen. Wenn der Körper in der dritten Woche die letzten Reserven, inklusive der Muskelmasse zum "Überleben" heranzieht, dann stellt sich oft auch noch Appetitlosigkeit ein. Man will nicht mehr essen - muss es aber, und wenn die Hotelküche es dann noch fertig bringt, die einfachsten Gerichte ohne geschmackliche Note zu präsentieren, beginnt der Teufelskreis. Bei der Vuelta 1999 musste ich das am eigenen Leibe erfahren. Ich war schon drei Kilogramm leichter als zu Beginn der Spanien-Rundfahrt und total kraftlos. Nach 18 Tagen war ich am Ende, und selbst die drei Teller Reis mit Gorgonzolasauce, die das erste waren, was ich seit drei Tagen mit Heißhunger in mich hineinstopfte, konnten mir nicht mehr helfen. Also trat ich die Heimreise an und sah nicht nur aus wie der Tod auf Socken, sondern fühlte mich auch so. Bei dem enormen Kalorienverbrauch muss man jeden Tag ausreichend essen, doch da es teilweise schon eine Qual ist, wird man zwischendrin schon mal schwach und holt sich vom gegenüberliegenden Burger-Dealer einen Whopper und schiebt eine Eiskreation hinterher. Das mag zwar nur auf die wenigsten zutreffen, aber wirklich geschadet hat es denen, die ich kenne, nicht. Vor allem waren die am nächsten Tag irgendwie viel besser drauf - zumindest moralisch. Bis morgen, Ihr Marcel Wüst P.S.: Auch bei der 92. Tour de France können Sie mir wieder Fragen mailen. Bitte schicken Sie Ihre Anfragen direkt an den Etappenhasen. Meine Antworten werden am nächsten der beiden Ruhetage der Frankreich-Rundfahrt veröffentlicht. Das ist am 18. Juli.



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