Der Etappenhase Armstrongs kleiner Bluff

Auftakt zum SPIEGEL-ONLINE-Spezial zur Tour de France. In der ersten Kolumne schätzt unser Experte Marcel Wüst die Chancen von Jan Ullrich ein, bewertet ein Täuschungsmanöver von Lance Armstrong und hofft auf drei junge Tourdebütanten aus Deutschland.

Von Marcel Wüst, Lüttich


Lance Armstrong beim Studium der "L'Equipe": Der Toursieg führt nur über ihn
AFP

Lance Armstrong beim Studium der "L'Equipe": Der Toursieg führt nur über ihn

Der Sportsommer überschlägt sich, und zwischen Fußball-EM und Olympia liegt die Tour de France. Wenn man sich anschaut, wie gut der deutsche Radsport in diesem Jahr aufgestellt ist, dürfte es den Pedaleuren sicher nicht schwer fallen, die Leistungen der Fußballnationalmannschaft zu toppen.

Allen voran natürlich Jan Ullrich, der nach einem katastrophalen Frühjahr, so scheint es, nun wieder zu alter Stärke zurückgefunden hat. In seinem gut aufgestellten T-Mobile Team werden alle bedingungslos hinter ihm stehen, denn der Gewinn der Tour de Suisse dürfte bei den meisten Nörglern alle Zweifel ausgeräumt haben.

Ob es allerdings Erik Zabel, nach einer für ihn enttäuschenden Deutschland-Tour, bei seiner elften Teilnahme schaffen wird, an alte Tourleistungen anzuknüpfen, bleibt abzuwarten.

Drei deutsche Debütanten bei Gerolsteiner

Die zweite "Größe" aus deutscher Sicht, nämlich das Team Gerolsteiner, geht gleich mit drei "jungen Wilden" ins Rennen. Mit Sebastian Lang, 24, Ronny Scholz, 25, und Fabian Wegmann, 23, debütieren hoffnungsvolle Fahrer aus Deutschland und vielleicht können die drei für positive Überraschungen sorgen. Denn, dies weiß ich aus eigener Erfahrung, die Tour schafft es, aus dem Fahrer, der Großes leistet, quasi über Nacht einen Helden zu machen.

Hamilton, Armstrong, Mayo bei der Dauphiné Libéré: Wie immer unberechenbar
AFP

Hamilton, Armstrong, Mayo bei der Dauphiné Libéré: Wie immer unberechenbar

"Unser" Jan Ullrich ist zwar schon lange ein Held, aber gerade sein Abschneiden beim Kampf um Gelb wird mehr Beachtung finden als die Summe der Etappensiege und Einzelleistungen aller anderen deutschen Starter zusammen. Die großen Ullrich-Konkurrenten sind auch in diesem Jahr nur zu gut bekannt: Armstrong, der durch seinen sechsten Sieg in Folge in die Radsportgeschichte eingehen könnte, dann die starken Spanier Mayo und Heras und der zweite starke Amerikaner Tyler Hamilton.

Bluff von Armstrong

Natürlich hat Ullrich mit diesen Gegnern alle Hände voll zu tun, aber die Streckenführung der Tour mit einem nach hinten raus immer schwereren Streckenprofil, kommt ihm eigentlich zugute.

Die einzige Unbekannte in diesem Mehrkampf um Gelb, ist für mich im Augenblick Lance Armstrong. Dass er beim Bergzeitfahren am Mont Ventoux bei der Dauphiné Libéré Rundfahrt vor rund drei Wochen zwei Minuten auf Iban Mayo verlor und dabei am Limit gefahren sein soll, kann ich mir kaum vorstellen. Der Amerikaner ist für seine Bluffs bekannt und in dieser Hinsicht immer unberechenbar gewesen. Auch die Tatsache, dass wir im vergangenen Jahr den schwächsten Armstrong seit fünf Jahren erlebten, er aber trotzdem gewann, heißt für mich nichts anderes, als dass der Toursieg in diesem Jahr nur über ihn führen wird. Auch wenn er das sicher nicht gerne hört.

90 Stunden im Sattel

Gute Laune bei Jan Ullrich: Nach hinten raus schwereres Streckenprofil
REUTERS

Gute Laune bei Jan Ullrich: Nach hinten raus schwereres Streckenprofil

Ein besonderer Ansporn für Ullrich und die anderen Herausforderer mag das allemal sein, aber bei den ungefähr 90 Stunden, die der Sieger letzten Endes im Sattel sitzen muss, kann so viel passieren, das sich eins im Vergleich zu den vergangenen Jahren nicht geändert hat: Der Radsport im Allgemeinen und die Tour im Besonderen bleiben unvorhersagbar, und werden es auch immer bleiben. Und das ist gut so.

In diesem Sinne viel Spaß bei der Tour de France und bei meiner täglichen Kolumne hier bei SPIEGEL ONLINE. An den beiden Ruhetagen werde ich auch in diesem Jahr wieder versuchen, Ihre Fragen zu beantworten, die Sie mir per E-Mail schicken können: etappenhase2004@aol.com

Bis morgen,

Ihr Marcel Wüst



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